Zeitung Heute : Diäten verbieten

Von Elisabeth Binder

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IMMER WIEDER SONNTAGS

Foto: Pavel Sticha

Vor vielen Jahren habe ich mal eine Diät wegen ihres schönen Namens ausprobiert. Sie hieß die „I-love-New-York“-Diät und war ziemlich streng. Es gab sie schon lange, bevor es unter den schicken New Yorker Society Ladies angesagt war, eher Größe 32 statt 34 zur Schau zu stellen, also, umgeben vom denkbar größten Luxus, das Leben von Hungerkünstlerinnen zu führen. Ich erinnere mich an einige Passagen, die mich wirklich erschreckt haben, zum Beispiel die, dass Schokolade „für den Rest des Lebens“ tabu sei. No less. Auch Brötchen waren natürlich strikt verboten, und noch heute erinnere ich mich ganz oft, wenn ich duftende Bäckereien passiere, an die speicheltreibende Wollust, die mich damals schüttelte, wenn ich auch nur in die Nähe frischer Backwaren kam. Wobei ich zugeben muss, dass ich normalerweise weder besonders scharf auf Schokolade bin noch frischen Brötchen hörig. Es war halt nur der ernste Tonfall dieser Diät, mit der bestimmte Sachen für alle Zeiten vom Speiseplan verbannt werden sollten, der gerade diese als extrem begehrenswert erscheinen ließ.

Klar, dass das nicht lange durchzuhalten war. Irgendwann habe ich mich gefragt, ob ich aus Versehen einer gemeinschaftlichen Propagandaschrift der Brötchen- und Schokoladenproduzenten aufgesessen war. Denn dass Verbote sich wie nichts sonst eignen, die Motivation anzustacheln, etwas erst recht zu tun, ist seit Adam und Eva kein Geheimnis mehr. Umso erstaunlicher, dass erst in jüngster Zeit bei Diäten die Mode grassiert, praktisch alles zu erlauben. Wozu man dort, wo „alles“ erlaubt ist, extra noch Lektüre braucht, um zu sehen, was denn wohl „alles“ sein könnte, mag ein Rätsel sein. Fest steht aber, dass die Regale in trendigen Buchhandlungen sich nur so biegen unter fetten Wälzern, die in der Conclusio gern auf ein Rezept verfallen, das nur unwesentlich jünger ist als die Geschichte von Adam und Eva und davon handelt, dass es auf das richtige Maß ankommt. So banal gesagt, klingt das natürlich eher etwas spießig nach einem besonders unpoetischen Großmutter-Rezept.

Angereichert mit ein paar flockigen Sprüchen fernöstlicher Gurus wird aus dem alten Friss-die-Hälfte-Rezept allerdings rasch ein kulinarisch-spirituelles Bewusstseinserweiterungsevent und damit etwas, wovon Trendscouts gar nicht genug kriegen können. Dass sich Genüsse durch gezielten, bewussten Konsum steigern lassen und dass die Figur dabei nicht leidet, führen Asketen aller Kulturkreise zwar seit Urzeiten vor. Eigentlich müsste das auch längst in den Genen der Menschen gespeichert sein. Dass es nicht so ist, hilft unter anderem den Frauenzeitschriften, die sich immer dann besonders gut verkaufen, wenn auf dem Titelbild eine neue Diät angekündigt wird.

Da Sie schon bis hierher gelesen haben, brauchen Sie so viel Geld gar nicht auszugeben. Wer wirklich abnehmen will, muss sich eigentlich nur ein einziges strenges Verbot erteilen und überall in der Wohnung aushängen. Es lautet: „Du darfst auf keinen Fall weniger als 2000 Kalorien täglich zu dir nehmen!“ Lustvoller lässt sich eine Diät nicht gestalten. Mit diesem Rezept können Sie den Herausforderungen, die sommerliche Strände an Ihre Figur stellen werden, getrost ins Auge sehen.

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