Zeitung Heute : Diakonie als Dienstleister

Martin von Essen ist als Vorstandsvorsitzender des Evangelischen Johannesstifts Pfarrer und Unternehmer zugleich

Herr von Essen, das Evangelische Johannesstift feiert dieses Jahr 150jähriges Jubiläum. Wofür steht es heute?

Es steht für viele unterschiedliche soziale Aufgaben und Dienstleistungen ganz in der Tradition des Gründers, Johann Hinrich Wichern. Wir setzen seinen Auftrag um, Diakone auszubilden und betreuen in unserer Jugendhilfe Kinder und Jugendliche. Wir sind für Menschen da, die Hilfe brauchen. Wir fördern und betreuen jeden ganz individuell, wie er es benötigt. Wir sind tätig in der Altenpflege, Behindertenhilfe, Jugendhilfe sowie im Diakonischen Bildungszentrum, das verschiedene Ausbildungen zu sozialen Berufen anbietet. Wir betreiben zwei geriatrische Krankenhäuser und sind dabei, ein neues Geschäftsfeld zu eröffnen, das wir derzeit mit dem Stichwort „Arbeit und Beschäftigung“ beschreiben. Auf unserem Stammgelände in Spandau werden von uns rund 2000 Menschen betreut. Darüber hinaus hat das Evangelische Johannesstift weitere Einrichtungen in Berlin und Brandenburg und künftig auch in Thüringen und Sachsen. Insgesamt arbeiten 1900 Hauptamtliche und 250 Ehrenamtliche in allen Einrichtungen, die zum Johannesstift zählen

Das Evangelische Johannesstift ist kürzlich in eine Holding umgewandelt worden. Warum?

Die Stiftung hat eine Art Holdingstruktur erhalten und einzelne Bereiche – die Altenhilfe, Behindertenhilfe und das Wichernkrankenhaus – in gemeinnützige Gesellschaften umgewandelt. Künftig werden die Jugendhilfe und das Dienstleistungszentrum dieser Strukturumwandlung folgen. So sind flexiblere Strukturen mit mehr Eigenverantwortlichkeit entstanden. Krisen in einem Bereich gefährden nicht das gesamte Unternehmen. Trotz Holdingstruktur – wir sind immer noch ein diakonisches Unternehmen. Gemeinsam mit meinem Vorstandskollegen, Andreas Arentzen, achten und pflegen wir das Miteinander. Trotz GmbH-Bildungen haben wir eine gemeinsame Identität. Dies zeigt sich auch in unserem neuen Erscheinungsbild, das klar von einer Dachmarkenstruktur geprägt ist, unter der sich die einzelnen Bereiche ganz individuell entwickeln können. Um unser Unternehmen langfristig zu sichern, benötigen wir neben den öffentlichen Mitteln zusätzliche Gelder.

Aber auch der Spendenmarkt ist hart umkämpft. Und die Konkurrenz sozialer Einrichtungen und damit der Kampf um staatliche Zuschüsse wachsen.

Ja, das stimmt, es gibt immer mehr freie Träger auf dem Markt. Die sind im Gegensatz zu uns nicht tarifgebunden, bezahlen ihren Mitarbeitern weniger und können damit Dienstleistungen günstiger anbieten. Wir hingegen können auf eine lange Tradition verweisen, genießen ein hohes Ansehen und Vertrauen. Bei uns steht der Mensch im Mittelpunkt. Wir versuchen, ihn liebevoll zu begleiten und zu betreuen. Unsere Angebote werden wir noch mehr spezialisieren und den neuen Problemfeldern anpassen. Früher haben wir zum Beispiel viele Jugendliche stationär betreut, heute sind es junge Mütter, denen wir bei der Betreuung ihrer Kinder helfen und ihnen gleichzeitig den Weg in eine berufliche Perspektive bahnen. Künftig wird es noch wichtiger sein, uns unabhängiger von öffentlichen Mitteln zu machen und neue Wege in der Finanzierung zu gehen.

Welche sind das?

Wir wollen noch stärker mit der Wirtschaft zusammenarbeiten und gemeinsame soziale Projekte initiieren und finanzieren. Zum Beispiel haben wir mit einigen Partnern aus der Wirtschaft ein Projekt ins Leben gerufen, wo sich Kinder und Jugendliche aus sozialschwachen Familien in Sportvereinen betätigen können. Aber bei aller Notwendigkeit wirtschaftlich zu arbeiten, achten wir auf eine diakonische Ausrichtung unserer Arbeit. Das heißt für uns, neben guter Pflege und Betreuung wenden wir uns dem Menschen ganzheitlich zu, bieten ihm seelsorgliche, geistliche und kulturelle Angebote. Das macht den Aufenthalt im Evangelischen Johannesstift besonders.

Welche Aktivitäten des Johannesstifts liegen Ihnen besonders am Herzen?

Es war ein Anliegen unseres Gründers, Kindern aus sozialschwachen Familien zu helfen, sie am gesellschaftlichen Leben teilhaben zu lassen. Dies ist aktueller denn je. Wir haben deshalb in diesem Jahr das Projekt „Kinder beflügeln“ ins Leben gerufen. Es soll Kindern helfen, die sonst in Bildungsfragen auf der Strecke bleiben. Sie brauchen finanzielle Unterstützung, etwa um Schulmaterial zu kaufen, aber auch spezielle Förderung, wie Freizeitangebote und Nachhilfe. Wir wollen in den nächsten drei Jahren mindestens eine halbe Million Euro in dieses Projekt investieren. Dabei sind wir auf Spenden angewiesen.

Wie sieht die Zukunft des Johannesstifts aus?

Da bin ich sehr optimistisch. Wir verfügen über einen reichen Schatz an qualifizierten Mitarbeiterinnen und Mitabeitern, wir haben einen großen Kreis an Freunden und Förderern, die uns mit Zeit, Geld und Sachspenden unterstützen. Wir besitzen ein großes Potenzial an Erfahrungen und erfreuen uns in der Bevölkerung großer Beliebtheit. Wenn wir auch künftig flexibel auf die jeweiligen Herausforderungen reagieren und uns weiterhin den Menschen liebevoll zuwenden, bin ich sicher, dass – so Gott will – das Evangelische Johannesstift auch noch seinen 300. Geburtstag feiern wird.

Das Gespräch führte Ulrike Schattenmann

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