Zeitung Heute : Dialog von Zander und Flusskrebs

Sie haben Ringe unter den Augen, doch Schröder und Bush betonen, wie „gut“ und „intensiv“ ihr Gespräch in Mainz gewesen sei

Christoph Marschall[Mainz]

Grau liegt der Rhein da, fast leblos: wie ein Stahlband, das trennt. Der Schiffsverkehr, der sonst den meistbefahrenen Strom Europas belebt, ist an diesem Mittwoch unterbrochen – wie überhaupt der Verkehr an vielen Ecken des Rhein-Main-Gebiets. 38 Minuten ist selbst der Flugverkehr lahm gelegt. Mehr als 200 Lastkähne werden sich bis zum Abend stauen, Tausende nicht zur Arbeit gegangen sein. Zum ersten Mal seit 16 Jahren ist wieder ein US-Präsident zu Besuch. Der Name hat sich nicht geändert: George Bush; der Vater kam 1989, als der Ostblock bereits an allen Ecken und Enden krachte. Nun ist sein Sohn zu Gast, aber die Zeiten sind ganz andere. Die Sicherheitsmaßnahmen gegen die – angenommene oder tatsächliche – Terrorgefahr machen aus dem barocken Regierungsviertel am Rheinufer eine Festung. In der wollen Bush und Kanzler Schröder, isoliert von den Bürgern, eine wiedergewonnene Freundschaft inszenieren: Der Irakstreit ist vorbei, das ist die Botschaft, lasst uns nach vorne blicken, nicht zurück.

Der Rhein trennt an diesem Mittwoch auch deutsche und amerikanische Fernsehkameras – und damit die Wahrnehmung dieses Besuchs. Die deutschen sind fast ausschließlich auf Mainz gerichtet, die amerikanischen mindestens gleichberechtigt auf Wiesbaden am nördlichen Rheinufer. Dort besucht Bush am Nachmittag die „1st Armored Division“ auf der mächtigen Militärbasis im Vorort Erbenheim. Die Einheit war bis vor kurzem im Irak; am Dienstag hat Laura Bush Verwundete im US-Militärkrankenhaus Ramstein besucht. Ein Thema, das trennt, bleibt präsent. Die deutschen Kameras dagegen fangen in Mainz Bilder der Fröhlichkeit und Harmonie ein, angefangen mit der militärischen Begrüßung im Hof des Kurfürstlichen Schlosses. Die Armeekapelle spielt die Hymnen mit sehr viel Pauken und Trommeln. Es klingt ein wenig, als habe Mainz den Karneval samt Blaskapellentusch noch nicht ganz hinter sich gelassen. Mit dem Musikzug sind deutsche und amerikanische Soldaten angetreten, die in Afghanistan gedient haben. Bush gibt jedem die Hand, „Gott segne Sie!“

In Mainz steht das Gemeinsame im Vordergrund, die Themen, die weiter trennen, haben anderswo ihren Platz. Bush spricht Schröder nur als „Gerhard“ an, der Kanzler lässt in so vielen Varianten einfließen, „wie sehr ich mich freue, Präsident Bush und Laura Bush in Deutschland zu haben“, und was für ein „guter Ort“ Mainz sei, als wolle er sichergehen, dass niemand das für eine Floskel hält. „Wo wir noch nicht einer Meinung sind, das lassen wir heute mal beiseite“, bescheidet er den Tagesspiegel-Reporter, der wissen möchte, wie weit die Übereinstimmung beim Thema Nato-Reform gehe. Die hatte der Kanzler seit zehn Tagen gefordert – mit der Begründung, die Allianz sei „nicht mehr der primäre Ort der strategischen Debatten“. George W. Bush quittiert Schröders Bemerkung mit einem Lachen, lässt in seiner Antwort aber Raum für den Eindruck, dass da noch nicht alles Harmonie ist. „Die Nato ist relevant und ist der Ort für den strategischen Dialog. Ich schätze jeden, dem es darum geht, dass die Nato das bleibt.“ Schwingt da auch das in Amerika verbreitete Misstrauen mit, der Kanzler wolle die EU zum gleichberechtigten Gegenüber in der Weltpolitik machen, statt sie im gemeinsamen Bündnis zu klären?

Beide wirken ein wenig müde, haben Ringe unter den Augen. Sie unterstreichen, wie „gut“ und wie „intensiv“ ihr Gespräch gewesen sei – es musste natürlich 30 Minuten länger dauern als vorgesehen, das gehört zur gewünschten Inszenierung einer Klimaverbesserung, entsprechend weniger Zeit bleibt für die Fragen der Journalisten. Doch ihre Körpersprache straft die Worte mitunter Lügen. Selten schauen sie einander an oder wenden die Körper einander zu. Sie wirken angespannt, wenn sie der Übersetzung der Ausführungen des anderen via Kopfhörer lauschen – als müssten sie aufpassen, dass sich da keine Festlegung einschmuggelt, die sie ungewollt bindet, wenn sie nicht gleich widersprechen. Erst als die Sprache auf Libanon kommt, beginnt für einen Moment so etwas wie ein Dialog in Übereinstimmung. Als Bush an die gemeinsame UN-Resolution mit Frankreich erinnert, die Syrien auffordert, seine Truppen aus Libanon abzuziehen, ergänzt Schröder die gemeinsame Forderung nach einer internationalen Untersuchung des Mordes an Libanons Ex-Premier Hariri, der auch Favorit bei der nahen Wahl war. „Right“, fällt Bush ihm lebhaft nickend ins Wort – und hat damit aber zugleich Schröders Ausführungen beendet.

Der Kanzler, silber-grau-schwarz gestreifte Krawatte, hält sich mit beiden Händen am Pult fest, verlagert nur bisweilen das Gewicht von einem Fuß auf den anderen. Bush, einige Zentimeter größer, rote Krawatte, taut im Lauf der Pressekonferenz auf, geht mal einen Schritt vor und zurück, gestikuliert.

Welche Schlagzeilen der Kanzler am nächsten Tag in den Zeitungen lesen möchte, hat er gleich zu Beginn klargestellt: Er möchte sichergehen, beginnt Schröder seine Zusammenfassung des knapp 90-minütigen Gesprächs mit Bush, dass niemand das Thema Klimaschutz übersehe. Präsident Bush habe zugestimmt, dass man „jenseits der Meinungsverschiedenheiten“ über das Kyoto-Protokoll zusammenarbeiten wolle, um die Emissionen zu reduzieren. „Deutschland und die USA haben technologisch enorme Fähigkeiten und Kenntnisse.“ Bush nestelt derweil an dem Übersetzungsgerät an seinem Ohr. In seiner Zusammenfassung kommt das Thema weit hinten vor.

Schröder wirkt wie ein Kanzler, der Recht behalten hat, der Bush dessen Irrtümer im Irak nicht nachträgt, der „nicht verschweigen“ will, „dass es unterschiedliche Einschätzungen gab, aber das ist Vergangenheit“. Er hilft jetzt im Irak, weil es nicht mehr um den falschen Krieg, sondern den richtigen Wiederaufbau geht, an dem sich Deutschland mit einem „sichtbaren“ Schuldenerlass, der Ausbildung von irakischer Polizei und Militär beteiligt – und künftig auch mit Hilfe beim Aufbau irakischer Ministerien, sofern die Regierung in Bagdad das wünscht. Sein Widerstand gegen Bushs Krieg hat ihm nicht geschadet, im Gegenteil, der Präsident kommt nach Mainz, um die Freundschaft zu erneuern, und jetzt hat Schröder ihn auch noch beim Klimaschutz rumgekriegt.

Bei Bush klingt es ganz ähnlich, nur eben umgekehrt. Er hat Recht behalten mit seinem Eintreten für Freiheit und Demokratie, notfalls auch militärisch. „Die Iraker wollen frei sein“, da wird Bush richtig leidenschaftlich und bewegt sich energisch und lebhaft hinter seinem Redepult. „Die Wahl war der Beweis, sie sind trotz Lebensgefahr wählen gegangen.“ Auch im Nahen Osten ist jetzt „ein Durchbruch in Reichweite. Ich sage es, weil ich daran glaube.“ Und Iran? „Iran darf keine Atomwaffen haben. Um des Friedens willen.“ Es hört sich so entschieden und kompromisslos an, als wolle er sagen: Das ist eine Frage von Krieg oder Frieden. Jedes diplomatische Lächeln ist in diesem Augenblick aus seinem Gesicht verschwunden. „Alle Optionen sind auf dem Tisch“, bekräftigt er, um dann die Europäer zu beruhigen, dass er ihre Verhandlungen mit Teheran voll unterstütze. „Die Diplomatie beginnt jetzt erst richtig. Iran ist nicht Irak.“

Das Mittagessen, inszeniert und „made in Germany“, ist wieder ganz auf Harmonie ausgerichtet. „Dialog aus Zander und Flusskrebsen“ wird als Entree gereicht. Der Große Saal der kurfürstlichen Residenz bildet eine festliche Kulisse: 13 runde Tische mit je acht Gedecken, Parkett, sechs prächtige Kristalllüster. Sechs deutsche und sechs amerikanische Flaggen stehen auf der Bühne vor einem bordeauxroten Samtvorhang. Doch auch hier bleiben Kanzler und Präsident von unfreiwilligen Momenten der Wahrheit nicht verschont. Die Tischreden werden an einem kleinen Pult gehalten. Als Schröder seine mit den Worten beendet: „Lassen Sie mich mein Glas auf die deutsch-amerikanische Freundschaft erheben“, muss er feststellen, dass gar kein Glas auf dem Pult steht. Es eilt auch kein Kellner zu Hilfe. „Das ist ein bisschen symbolisch“, flaxt der Kanzler, um gleich zur Innenpolitik überzuleiten. „Für die deutschen Gäste will ich hinzufügen: Ich wollte schon immer Koch und nicht Kellner sein.“ Selbst Joschka Fischer, den Schröder einst beschied, es müsse klar sein, wer Koch und wer Kellner in der Koalition sei, lächelt. Bush will nicht nachstehen. „Bevor ich mein imaginäres Glas erhebe…“, beginnt er seine Tischrede.

Die roten Teppiche von der Begrüßung im Schlosshof sind zu diesem Zeitpunkt längst wieder eingerollt. Die Mainzer sind froh, dass es mit der Festung Mainz ein Ende hat. Bush junior will seinem Vater erzählen, dass die erste Frage der Presse dem Senior galt und seinem Angebot an die Deutschen „partner in leadership“ zu werden. Der Junior äußert sich weniger großzügig. „Deutschland ist Partner, wir haben die gleichen Ziele.“ Mehr nicht.

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