Zeitung Heute : Dialogversuche nach Angriffen auf deutsch-türkische Familie

Der Tagesspiegel

Von Sandra Dassler

Basdorf. Die Mehrzweckhalle wird ihrem Namen gerecht. Hunderte Einwohner der Gemeinde vor den Toren Berlins haben dort Platz genommen, wo sonst Hand- oder Basketball gespielt wird. Die Dorfjugend sitzt demonstrativ an der Seite. Ein junger Mann mit Seitenscheitel Marke Adolf Hitler, schreitet cool durch die Sitzreihen. Draußen verweigert die Polizei drei Männern den Zutritt, weil sie einen Hund ohne Beisskorb mit sich führen und einer ein T-Shirt mit Aufdruck „Skinhead und Landser“ trägt.

So viel Prominenz und so viele deutsche und türkische Presseleute wie am vergangenen Donnerstagabend hat Basdorf noch nicht gesehen. Gekommen ist auch der türkische Generalkonsul Aydin Durusoy. Fast alle Kameras richten sich jedoch auf die Familie Canaydin in der Mitte der Halle. Der Vater ist Türke, die Mutter Deutsche, die halbwüchsigen Kinder gehen in Basdorf zur Schule. Im Sommer des vergangenen Jahres ist die Familie aus Berlin hierher gezogen und seither immer wieder bedroht, beschimpft und angegriffen worden. Schon einmal hatte es deswegen eine Einwohnerversammlung gegeben. Geholfen hat sie nicht. Die Übergriffe gingen weiter, seit Wochen steht die Familie unter Polizeischutz. Am Ostermontag schleuderte ein junger Mann eine Bierflasche gegen das Haus der Canaydins. Er hat sich inzwischen bei der Familie entschuldigt. „Wir haben das angenommen“, sagt Vater Engin Canaydin. Die Jugendlichen an der Seite der Mehrzweckhalle beginnen zu lachen. „Der hat mehr Mut als ihr“, ruft Engin Canaydin ihnen zu. Das Lachen wird zum Raunen.

Dann spricht ein Vater und deshalb angeblich Kenner der Basdorfer Jugendszene. „Hier gibt es keine Ausländerfeindlichkeit. Wir haben vielleicht ’n paar Kiddis, die ’n bisschen leb´hafter sind.“ Er erhält tosenden Beifall und macht deshalb gleich weiter: Hier werde ein Nachbarschaftsstreit zum Politikum hochstilisiert. Auseinandersetzungen zwischen Alteingesessenen und Zugezogenen seien doch normal. „Die Familie hätte auch Probleme, wenn der Vater ein Sachse wäre“, ruft der Mann. Brandenburgs Ausländerbeauftragte Almuth Berger vergisst ihre Moderatoren-Rolle: „Ist es normal, wenn der Hitlergruß gezeigt und jemand als „Türkensau“ beschimpft wird?“

Ein Bürger bezweifelt, dass die angezeigten Straftaten wirklich begangen wurden. Daraufhin erzählt eine deutsche Frau, sie sei gerade bei den Canaydins gewesen, als versucht wurde, die Jalousie auszureißen. Polizeichef Arne Feuring betont, dass es für die Ermittlungen konkrete Anlässe gäbe. „Die sind selbst schuld, warum passen sie sich nicht an“, sagt ein Schüler. Ein Mädchen erzählt, dass es von einer Tochter der Canaydins geohrfeigt wurde – obwohl sie diese nicht beschimpft hätte. Die Bürgermeisterin spricht von einer „Rufmord-Kampagne gegen Basdorf“ und vermutet ein „Sebnitz-Syndrom“ bei den Journalisten. Aber sie möchte, dass „das Problem gelöst wird“. Nachdenkliche Stimmen sind auch zu hören: „Es ist wie immer“, sagt ein Mann, „am Schluss müssen sich die Opfer rechtfertigen. Sie sind angeblich das Problem und nicht die Täter.“

Die Landesbeauftragte für ein tolerantes Brandenburg und ehemalige Polizeipräsidentin Uta Leichsenring, die in Basdorf wohnt, sieht den Abend kritisch: „Wir haben hier seit Jahren Probleme mit rechtsgerichteten Jugendlichen. Aber jedes Mal, wenn solche Vorfälle öffentlich werden, fühlen sich alle Einwohner stigmatisiert“. Polizeichef Feuring ist dennoch überzeugt: „Es hilft nur Sensibilisierung. Ohne die Berichterstattung in den Medien würde sich nichts ändern.“

Engin Canaydin sieht das etwas anders: „Wir sind jetzt diejenigen, die angeblich Dreck auf Basdorf geworfen haben. Dabei wollten wir hier nur in Ruhe leben.“

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