Zeitung Heute : Dichten lassen

David Ensikat

Wie ein Ost-Berliner die Stadt erleben kann

Auf einer der zahlreichen Lesebühnen der Stadt gab es einmal eine Vortragsreihe mit dem schönen Titel „Manchmal spürick Lyrik“. Vielleicht gibt es sie immer noch, man müsste mal wieder eine Lesebühne besuchen.

Aber manchmal muss ganz schnell ein Gedicht her, da kann man nicht auf die nächste Lesebühne warten. Heute zum Beispiel, weil heute der Frühling anfängt, der Lenz, wie die Dichtkünstler sagen (hat mein Deutschlehrer gesagt). Hier kommt ein Lenzgedicht für den spontanen Gebrauch:

blinzelt euch Tag- und Nachtgleichen

oh ihr Tag- und Nachtgleichen

blinzelt und dauert

so wie Lenz!

Lenz! Du bist gemeint!

aber dauert immergrün - EUCH

hinterlistig mitnichten jedoch wollüstig

ihr Tag- und Nachtgleichen

seid immergrün

ach hinterlistig ...

Es handelt sich um das „Gedicht Nummer 2001341“ des „Poetron 4G (Version 5.0)“, welches nach Vorgabe weniger Worte einen Bruchteil einer Sekunde brauchte, um es zu verfassen. „Gedicht Nummer 2001374“ ist – den Vorgaben entsprechend – kein Lenzgedicht, sondern ein aktuellpolitisches:

Durchboxen und wehen;

Gesundheitsreform weinen!

Sie durchboxen!

Oh kostenneutraler Leiter...

Ach behämmerte Tulpe...

Gesundheitsreform weinen!

Abgeordneter ist kostenneutral!

Abgeordneter ist klein!

Und Hoppeln!

Und alles ist einfältig!

Endlich wird der Lyrikleser zum Lyrik-User! Aber solange das Poetron nicht in der Lage ist, seine Werke selbst zu interpretieren, bleibt noch Programmierbedarf.

Lassen Sie dichten, usen Sie Lyrik!

www.poetron-zone.de

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!