Zeitung Heute : Dichten

Sonja Niemann

Wie ein Neuberliner die Stadt erleben kann

Die Woche fing schlecht an. Der Brief mit den 20 Euro, die mir Oma noch nachträglich zu Ostern geschickt hatte, kam nicht an. Nach der ersten Folge von „Desperate Housewives“ vergaß ich den Fernseher abzuschalten, guckte aus Versehen noch zehn Minuten „TV Total“ und bekam davon Ausschlag. Und diese Handleserin im Naturkosmetikladen um die Ecke erklärte mir, alles würde besser, wenn ich meine Wassergläser immer erst auf das Zeichen des Erzengels Raphael stellen würde, bevor ich sie austrinke. Die positiven Schwingungen des Engels würden so auf das Wasser und dann auf mich übergehen. Ich zweifelte. Die Handleserin las dann in meiner Hand, dass ich emotional verschlossen sei. Das ist nicht gut. Ich beschloss, mich emotional zu öffnen und ein trauriges Gedicht zu schreiben. Einfach mal handschriftlich etwas Poesie verfassen. Und hinterher vielleicht noch mit der Querflöte vertonen. Nach drei Stunden Melancholie hatte ich folgendes Epos auf dem Blatt stehen: „Du im Bett, das wär nett/ Doch bist weg und ich bin hier/drum nehm ich noch ein viertes Bier.“

Und das Schlimmste: Selbst das war geklaut. (Ich nehme allerdings nicht an, dass der mit mir befreundete Verfasser, der ähnliches vor Jahren mal beim Lyrikwettbewerb der Frauenzeitschrift „Allegra“ eingereicht hat, hier genannt werden möchte.)

Dichten ist schwierig. Deswegen habe ich so Hochachtung vor den Hamburger Intellektuellenbands, die mühelos Songs schreiben wie: „Ich weiss nicht, wieso ich euch so hasse, Fahrradfahrer dieser Stadt“ (Tocotronic) oder „Geld allein macht auch nicht glücklich, aber irgendwie ist es doch besser im Taxi zu weinen als im HVV-Bus, oder nicht“ (Kettcar) oder „schreit den Namen meiner Mutter, die mich hielt. Schreit den Namen meines Vaters, der mich machte zu einem glühenden Verehrer der Sachen des Lichts.“ (Tomte). Ich würde das gern können. Vielleicht hilft es, noch melancholischer zu werden. Ich hätte dafür gern ein Wasser mit negativen Schwingungen.

Heute ab 20 Uhr trägt Thees Uhlmann, Sänger der Band Tomte, gemeinsam mit Jan Böttcher, Sänger der Band Herr Nilsson, in der Literaturwerkstatt/Kulturbrauerei Musiktexte vor. Titel: „Was sagt uns alles in drei Minuten?“

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