Zeitung Heute : Dichter Rauch über Bethlehem

Der Tagesspiegel

Von Christine-Felice Röhrs

Pater Johannes schreit, seine Stimme überschlägt sich. „Jetzt sind die Palästinenser in den Gängen. Sie nehmen uns als Schutzschilde, ich weiß nicht, wie lange …“ Dann bricht die Verbindung ab. Es ist 13 Uhr 10, ein sonniger Donnerstag in Werl, wo Pater Werner, Kommissar des Heiligen Landes in Deutschland, ans Telefon gegangen ist. Weit weg, in Bethlehem, ist gerade der Krieg in Jesu Geburtshaus eingezogen.

Zur gleichen Zeit, als Pater Werner in Deutschland nur noch das Freizeichen hört, kann Pater Ibrahim Faltas, der Küster der Klosterkirche in Bethlehem, noch telefonieren. Reportern des italienischen Fernsehsenders Rai erzählt er gehetzt: „Gerade haben die Israelis die Tür der Geburtskirche eingeschlagen. Es ist ein Gefecht zwischen beiden Seiten im Gange, und wir sind mittendrin. Wir sind in Gefahr. Versucht, uns zu retten.“ Stimmt das? Meldungen und Dementis in rascher Folge. Israels Regierungssprecher Ranaan Gissin sagt, die Berichte über eine israelische Erstürmung seien Propaganda.

Kampfhandlungen in einer der bedeutendsten Kirchen der Christenheit – das wäre eine neue Stufe der Eskalation. Begonnen hatte es in der Nacht zum Dienstag, als israelische Truppen Bethlehem besetzten. Von drei Uhr in der Früh an drang Lärm in den Kirchenkomplex, an die Ohren der schlaflosen Franziskaner, der armenischen und griechischen Mönche, die sich den Dienst in der Geburtskirche teilen. Panzer schepperten auf den Platz vor der Kirche, darüber standen die Militärhelikopter mit knatternden Rotoren in der Luft. Was die Mönche da noch nicht wussten: Vor den israelischen Soldaten flüchtete eine Gruppe von Palästinensern. Sie liefen in Richtung der Geburtskirche, die von außen wirkt wie eine Festung. Suchten sie Zuflucht, wollten sie einer Verhaftung als Terroristen entgehen? Das ist nicht bekannt. Die meisten seien Zivilisten, melden die Nachrichtenagenturen. Einige seien aber auch bewaffnet und gehörten zur Palästinensischen Autonomiebehörde.

Eindringlinge im Kreuzgang

Die schweren Türen aus jahrhundertealtem Holz müssen unter den Schüssen der palästinensischen Eindringlinge regelrecht zerborsten sein. Aber in den drei Klöstern, die rechts und links der Geburtskirche liegen, haben die Mönche davon zuerst gar nichts gemerkt; im allgemeinen Krach klangen die entfernten Schüsse der Maschinengewehre wie zerplatzende Seifenblasen. Dann standen einige Mönche im Kreuzgang plötzlich den Eindringlingen gegenüber.

„Es sind 150 bis 200 Männer, aber ich weiß auch nicht genau, wer sie sind“, sagte Pater Johannes am Donnerstagmorgen am Telefon. Da klang er noch ganz gelassen. Johannes Simon ist Guardian, der Leiter des Franziskanerklosters in Bethlehem: 30 Brüder und vier Schwestern unterstehen ihm derzeit. Eigentlich sind es noch mehr. Aber sechs seiner Mitbrüder stecken seit einem Ausflug in Ein Kerem westlich von Jerusalem fest. Andere seien auf Schleichwegen an den Absperrungen vorbei geflüchtet. Wie viele armenische und griechisch-orthodoxe Mönche sich seit Dienstag im Kirchenkomplex aufhalten, ist nicht bekannt.

Panzer vor dem Fenster

Abgesandte aller drei Konfessionen hatten den Eindringlingen nach kurzer Beratung den Vorschlag gemacht, sich in die Basilika und die darunter liegenden Grotten zurückzuziehen. Jetzt lägen drei oder vier Türen zwischen Mönchen und Palästinensern, sagte Pater Johannes am Morgen. „Gestern haben die Patriarchen in Jerusalem die in der Basilika Gefangenen unter den Schutz der Kirche gestellt.“ Waren die Mönche jetzt so etwas wie Gastgeber? Angst hatte Pater Johannes am Morgen jedenfalls nicht. „Nicht vor den Palästinensern, die sind doch selber voller Angst. Nur davor, dass es vielleicht zu Kämpfen mit den Israelis kommen könnte.“ Das war zwei Stunden, bevor israelische Soldaten angeblich auf eine Hintertür der Basilika schossen. Daraufhin flüchteten die Palästinenser nach nebenan in den Klosterkomplex.

Wie es in der Basilika aussah, seitdem die Palästinenser sich dort einquartiert haben, das konnte Pater Johannes am Morgen nicht sagen. Er habe „keine unnötigen Wege“ mehr gemacht. Der nach draußen war sowieso versperrt, dort lagerten die israelischen Soldaten. „Wenn ich im Korridor aus dem Fenster schaue, kann ich die Panzer sehen“, hatte Johannes Simon erzählt. „Zurzeit leben wir von den Not-Vorräten.“

Haben die Israelis die Kirche wirklich gestürmt? Oder hat es nur Schießereien auf dem Krippenplatz gegeben? Keine Erstürmung!, sagten israelische Offiziere am Nachmittag. „Aber wir schießen auf bewaffnete Männer, die gerade aus der Kirche flüchten.“ Später wird vermeldet, ein 45-jähriger christlicher Bewohner Bethlehems sei von Soldaten erschossen worden, als er wie jeden Tag zum Beten in die Kirche gehen wollte.

Dass auch die Kunstschätze in der Kirche Schaden genommen haben, ist nicht auszuschließen. Am Ende der Säulenhalle, in der sich die Palästinenser verschanzt hatten, befindet sich eine Ikonenwand. Neben dem Altar führen Treppen hinunter in die Geburtsgrotte, den religiösen und historischen Mittelpunkt der Kirche. Hier soll vor 2000 Jahren Jesus geboren worden sein. Und weil gerade Ostern war, hängen überall noch weiße und bunt bemalte Straußeneier an Schnüren in der Luft. An normalen Tagen schwingen sie sanft hin und her, Touristen machen Fotos von ihnen. Und die Führer erzählen dann, es seien Zeichen ewigen Lebens.

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