Zeitung Heute : Dichter unter Druck

Reformbedarf, Kriegsangst, Karriereknick: Solche Sorgen gab es auch schon in anderen Zeiten. Heinrich von Kleist konnte nicht mehr – und jagte sich eine Kugel in den Kopf. Hintergründe eines preußischen Selbstmordes.

Adam Soboczynski

Der 21. November 1811 ist ein klirrend kalter Tag. Die Wirtsleute des Gasthofs Stimmings Krug am Kleinen Wannsee sind deshalb mehr als verwundert, als die beiden einzigen Gäste, ein junges Paar Anfang 30, Kaffee und Rum ans Ufer bestellen. Sie sind vergnügt, geradezu euphorisch. Ein Tagelöhner der kleinen Gaststätte wird später zu Protokoll geben, er habe das Paar schäkernd am Ufer entlanglaufen sehen, sich jagend wie kleine Kinder.

Doch schon kurz darauf hallen zwei Schüsse durch die Herbstlandschaft. Heinrich von Kleist hat in einer kleinen Senke erst Henriette Vogel eine Kugel ins Herz geschossen, um sich unmittelbar darauf selbst das Leben zu nehmen. Was mag in ihm vorgegangen sein, als die todkranke Frau, die er kaum kannte und die mit ihm sterben wollte, in die Knie sank?

Gab es einen Moment des Zweifels, der Reue, vielleicht der Verzweiflung, als er eine zweite Kugel in den Revolverlauf steckte und sie sich schließlich durch seinen Mund ins Hirn feuerte?

Kleists Freitod inszeniert die Zerstörung preußischer Moral am Vorabend der Befreiungskriege gegen Napoleon.Er fällt in eine Zeit tiefgreifender Reformen. Verwaltung, Ökonomie, Bildungspolitik, – das besiegte Preußen bedurfte einer umfassenden, schmerzhaften Erneuerung. In dieser Stimmung aus Verunsicherung und Orientierungslosigkeit wurde Kleists Tat zum Berliner Skandal, denn der Selbstmörder ist für seine Zeitgenossen nicht nur eine verstörte Dichterseele, sondern ein abgedankter Offizier, der die von Napoleon schmachvoll besiegte Monarchie noch einmal symbolisch exekutiert. Wenn Offiziere dichten und mit Damen am Ufer leichtfüßig ins Jenseits wandern, wer befreit dann das belagerte Berlin? Das Urteil in der Königsstadt ist messerscharf: Kleists Tod ist der Selbstmord Preußens.

Das schmale Wannseeufer war als Schauplatz günstig gewählt. Zwischen den damaligen Residenzstädten Berlin und Potsdam – an der heutigen Bundesstraße 1 – war der Kleine Wannsee für das preußische Herrscherhaus unübersehbar. Wechselte der König die Residenz, musste er aus seiner Kutsche zwangsläufig auf den Grabstein des abtrünnigen Soldaten blicken. Schon zu Lebzeiten war Kleist ein vehementer Kritiker Friedrich Wilhelm III.

Als der lebensmüde Schriftsteller plant, seinem Dasein ein Ende zu bereiten, gilt er in Berlin als absoluter Versager. Finanziell ruiniert, dem breiten Lesepublikum unbekannt, vom preußischen Hof gehasst, als untersetzter Stotterer von der Damenwelt belächelt. Selbst die eigene Familie bescheinigt, Kleist sei ein „nichtsnütziges Glied der menschlichen Gesellschaft.“ Seine letzten Wochen in Berlin sind Episoden der Wut: Mit der Gründung der „Berliner Abendblätter“, der ersten Tageszeitung Preußens, polemisiert Kleist reißerisch gegen den preußischen Staatskanzler Hardenberg und dessen Reformpolitik; so lange, bis die Zeitung mit verstärkten Zensurmaßnahmen erdrückt wird. Daraufhin pöbelt er lautstark im preußischen Nationaltheater, nun ist August Wilhelm Ifflands flache Intendanz dem gereizten Dichter ein Dorn im Auge. Als dieser nicht im Traum daran denkt, Kleists „Käthchen von Heilbronn“ auf die Bühne zu bringen, schreibt ihm der Dichter schnöde, es tue ihm Leid, dass die Heldin ein Mädchen sei: „wenn es ein Junge gewesen wäre, so würde es Ew. Wohlgeboren wahrscheinlich besser gefallen haben.“ Die plumpe Anspielung auf Ifflands Homosexualität macht die Runde. Kleist gefällt sich in der Rolle des enfant terrible.

Als er dem preußischen Herrscherhaus sein letztes Stück, den „Prinzen von Homburg“, überreicht, hat er den Bogen endgültig überspannt. Statt einen heroischen Prätendenten zu zeichnen, fleht der Kleistsche Antiheld knechtisch um sein Leben. Der Hof zeigt sich indigniert – man verbannt das Stück für Jahrzehnte in die Mottenkiste.

Dabei hätte Kleist Karriere machen können, denn die Schaltstellen des Berliner Regierungsapparats waren für Mitglieder seines altpommerschen Adelsgeschlechts leicht zugänglich. Kleists noble Freunde nutzten diese Chancen, wurden Generäle und Minister. Kleist scheiterte mit seinen Projekten. Er war ein Versager inmitten einer preußischen Männerwelt, ein Mädchen unter Kriegshelden.

Das preußisch-kleistsche Missverhältnis beginnt bereits mit dem Rheinfeldzug im Ersten Koalitionskrieg gegen Napoleon. Der 14-Jährige wird eingezogen und zum Ruhm der Familie sogleich im renommierten Regiment „Garde“ untergebracht. Doch er quittiert den Dienst. Das knechtisch disziplinierte Söldnerheer missfällt ihm: „Ich war oft gezwungen, zu strafen, wo ich gern verziehen hätte, oder verzieh, wo ich hätte strafen sollen; und in beiden Fällen hielt ich mich selbst für strafbar.“

Was folgt, ist ein nomadenhaft-entwurzeltes Dasein. Der Frühverwaiste sucht manisch nach einer einzigen Tat, die ihm gesellschaftlichen Glanz verschaffen soll, denn der Bruch mit der militärischen Karriere ist nicht nur eine finanzielle Katastrophe – zeitlebens ist er ein berüchtigter Schnorrer –, sondern auch ein eklatanter Verstoß gegen das Erbe seiner hochdekorierten Familie. Mit 50 altverdienten Offizieren namens Kleist im Nacken liest sich der Lebenslauf des Abtrünnigen wie ein überreiztes Kompensationsprogramm.

Doch was immer der suspendierte Soldat anpackt, mit seinem unmäßigen Ehrgeiz und in immer neuen Anläufen, es misslingt grandios. Stets begreift er sich auf der Überholspur, ohne jemals irgendwo anzukommen. Kleist wechselt Städte und Berufe wie andere Leute Socken. Er ist Student, um sogleich sämtliche Fächer zu belegen, Physik, Mathematik, Philosophie, Naturrecht, Kulturgeschichte; auch Latein, warum nicht.

Sein Herz, klagt er, veröde in dieser Unentschiedenheit. Überstürzt rast er quer durch Europa, mit immer neuen Plänen geht es nach Würzburg, nach Paris, in die Schweizer Berge, nach Weimar, Dresden, Königsberg, bis er schließlich im Frühjahr 1810 wieder in Berlin landet. Wenn der Kreis sich schließt, dann ist das Leben, um mit Kafka zu sprechen, „ein stehender Sturmlauf“.

Keine Station befriedigt. Paris? Ein Moloch, den er zu hassen lernt. Leichen säumen die Straßen, Hunderttausende begehen orgiastisch die Revolutionsfeierlichkeiten. Ein Ort, an dem die letzten Zügel fallen, wie der misogyne Dichter entsetzt feststellt. Was bleibt, ist die Idylle. Er sucht sie, wie manch anderer Zeitgenosse, in der Schweiz. Der Studienabbrecher hat sich entschlossen, Bauer zu werden, doch er landet in Folge der Napoleonischen Revolutionskriege nicht in Arkadien, sondern im Schweizer Bürgerkrieg. Das nächste vergebliche Ziel ist sogleich ins Auge gefasst. Er wendet sich an das literarische Weimar, nistet sich bei dem greisen Aufklärungspoeten Christian Martin Wieland ein, und dichtet – regelrecht besessen. In Windeseile soll ein großes Werk gezimmert werden, um Goethe den Kranz von der Stirn zu reißen, wie Kleist in die Welt hinausposaunt.

Nach unzähligen schlaflosen Nächten ist auch dieser Traum ausgeträumt. Unzufrieden verbrennt er sein groß angelegtes Drama „Robert Guiskard“. Ein folgenschwerer Entschluss reift: „Ich werde den schönen Tod der Schlachten sterben.“

In einer bis heute ungeklärten Mission reist er an die Atlantikküste, um sich der französischen Armee anzuschließen. Napoleon rüstet gegen England, verwirrte preußische Literaten mit Selbstmordabsichten kann er in seinem Militär nicht gebrauchen. Zurück in Berlin wird Kleist diese Episode mit einer Gemütskrankheit erklären. Das muss er auch, denn in Preußen droht ihm ein Prozess wegen Hochverrats.

Doch der Berliner Hof zeigt sich gnädig, man gibt dem verlorenen Soldaten eine zweite Chance –, Kleist soll zum Wirtschaftsreformer unter Karl Freiherr von Stein im Hardenbergschen Reformprogramm gemacht werden. In Königsberg wird er in die liberal-ökonomische Gedankenwelt Adam Smiths eintauchen, um in preußischen Landstrichen die Macht altständischer Interessenverbände auszuhebeln. Für kurze Zeit scheint der amtsscheue Dichter von dem Gedanken euphorisiert, sich die politischen Schlagwörter der preußischen Reformagenda – die „Abschaffung der Zünfte“ und die „Wiederherstellung der Gewerbefreiheit“ – aufs Banner zu schreiben.

Erneut macht ihm Napoleon einen Strich durch die Rechnung. Mit der fatalen Niederlage der Preußen bei Jena und Auerstedt 1806 gegen die national beseelte Volksarmee Frankreichs fällt die europäische Weltmacht in sich zusammen. Für den Ökonomiereformer Kleist gibt es einstweilen nichts zu tun. Insgeheim kommt ihm die politische Krise gelegen, denn der historische Ausnahmezustand fällt mit seinem persönlichen in einen stimmigen Gleichklang. Nicht mehr die zähflüssige Reformpolitik, der er müde geworden war, ergreift Kleist, sondern die „ungeheure Erscheinung des Augenblicks“. Euphorisiert vom antinapoleonischen Widerstandskampf, verfasst er Propagandaschriften, die dem klassisch-humanistischen Erbe seiner Zeit den Kampf ansagen. Den preußischen Patrioten gibt der dichtende Krieger eine blutige Ode zur Vertreibung der Franzosen in die Hand: „Dämmt den Rhein mit ihren Leichen. Gift und Dolch der Afterbrut.“

Freilich, der moderne deutsche Nationalismus ist um 1800 mehr als diffus, zwischen rechts und links, altständischer Monarchiebegeisterung und nationaler Reformpolitik, zwischen neuem Nationalpathos und aufklärerischem Weltbürgergeist sind die Fronten ungeklärt. Im Falle Kleist führt die Wende vom zahmen Reformer zum vehementen Agitator in eine existenzielle Abrechnung mit der politischen Klasse. Der gehetzte Offizier a.D. agitiert bei aller anti-französischen Propaganda nicht nur gegen Napoleon, den ‚Allerwelts-Consul’, wie er ihn einmal nennt, sondern in erster Linie gegen den überforderten preußischen König.

Die Kapitulation Preußens 1806 in Jena und Auerstedt – das Trauma preußischer Geschichte schlechthin – wird für Kleist zum Glücksfall. Die turbulente politische Lage befreit ihn von seinen Karrierevorgaben. Endlich, so scheint es, fällt die geschichtliche Zeit Preußens mit seiner Lebenszeit zusammen. Zynisch nimmt er nun an, dass das „allgemeine Unglück die Menschen weiser und wärmer macht“.

Es ist ein geradezu apokalyptischer Trost, den er dem Zusammenbruch Preußens abringt, eine heroische Feier im Untergang. Die Reformpolitik hat sich für Kleist somit vorerst erledigt. Nicht die Zünfte- und Ständebefreiung in irgendwelchen Provinzen treibt ihn um, sondern der kriegerische Augenblick, der alles Geschehene zur Bedeutungslosigkeit relativiert. Im politischen Extremzustand ist Kleists Scheitern gut aufgehoben. Das Kanonenfeuer macht auf wundersame Weise alle Staatsbürger zu liebevollen Brüdern und Schwestern.

Wohl deshalb begreift er sich nunmehr auf Augenhöhe mit seinem König stehend, dem er militärstrategische Defizite und Entscheidungsschwäche vorwirft. Preußen pflegte eine Art Appeasement-Politik gegenüber Napoleon, was die antifranzösische Koalition in allen drei Bündniskriegen schwächte, statt sich offen gegen Frankreich zu stellen und mit Russland und Österreich ein Bündnis einzugehen.

Kleist sagt eine Niederlage voraus: „Die Zeit scheint eine neue Ordnung der Zeit herbeiführen zu wollen, und wir werden davon nichts, als bloß den Umsturz der alten erleben.“ Er stilisiert sich als Prophet, doch der Prophet irrt. Frankreich wird nicht, wie Kleist raunte, „aus dem ganzen cultivierten Theil von Europa ein einziges, großes System von Reichen bilden“. Im Gegenteil. Preußen macht doch noch mobil und steigt wieder zur Großmacht auf.

Hätte Kleist, der Krieger im Dichtergewand, in dieser Zeit des Umbruchs noch ein Jährchen gewartet, statt sich überreizt die Kugel zu geben, er wäre zum gefeierten patriotischen Schriftsteller geworden. So hinterlässt er, wie es in seinen Werken oft heißt, den Nachgeschmack einer „gebrechlichen Einrichtung der Welt“. Werke, so bedrängend und intensiv wie die Stille zwischen zwei Schüssen.

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