Zeitung Heute : Dichtkunst zum Anfassen

Festival über niederländische Gegenwartslyrik

Carsten Wette

Über die Fußballkunst der niederländischen Nationalmannschaft müssen gerade im WM-Gastgeberland keine großen Worte verloren werden. Über die Dichtkunst aus den Niederlanden und aus Flandern (Belgien) dagegen ist der Öffentlichkeit hier zu Lande wenig bekannt. Doch das soll sich ändern: Unter dem Motto „Sprache in Essenz“ veranstaltet das Institut für Deutsche und Niederländische Philologie gemeinsam mit der Berliner Literaturwerkstatt vom 27. April bis zum 23. Mai 2006 ein Lyrik-Festival. Geplant sind fünf Abende mit zeitgenössischen Dichtern aus den Niederlanden, Flandern und Deutschland.

„Die Gegenwartslyrik aus den Niederlanden und aus Flandern ist unvorstellbar reich und unerhört vital“, sagt Jan Konst, Professor für Niederländische Philologie an der Freien Universität Berlin, der das Festival zusammen mit seinen Mitarbeitern organisiert. Die niederländischsprachigen Dichter verfügten über die bemerkenswerte Fähigkeit, auch komplizierte Sachverhalte in einfachste Worte zu fassen. Das verstaubte Image, reine Arbeitszimmer-Lyriker zu sein, hätten die zeitgenössischen Poeten abgelegt, betont Konst. „Die Dichter zeigen sich und legen großen Wert auch auf die Präsentation ihrer Werke. Das Publikum soll mit existenziellen Fragen konfrontiert werden, die das Leben in immer anderen Formen stellt. Die Zeit der weihevollen Wonne beim Hören lyrischer Texte ist vorbei.“

Für „Sprache in Essenz“ warb Konst Drittmittel in erheblichem Umfang ein. Zu den Unterstützern zählen die Niederländische Botschaft und die Flämische Repräsentanz in Deutschland, der Nederlands Literair Produktie- en Vertalingenfonds in Amsterdam und der Vlaams Fonds voor de Letteren in Antwerpen.

Von dem kulturellen Brückenschlag zwischen Deutschland und den Niederlanden sowie Flandern sollen vor allem die Studierenden des Instituts für Deutsche und Niederländische Philologie der Freien Universität profitieren. Sie könnten mit den Autoren direkt über deren Gedichte sprechen, so Konst. Das Festivalprogramm wird von Lesungen und Seminaren am Institut für Deutsche und Niederländische Philologie der Freien Universität begleitet, und mehrere Studentinnen sind direkt an der Organisation der Veranstaltungen beteiligt.

Alle eingeladenen Lyriker haben frühestens in den 1980er-Jahren debütiert. Ziel der Organisatoren ist es, damit einen Überblick der Lyrik aus den vergangenen 15 Jahren zu bieten. Zugesagt haben fünf niederländische, fünf flämische und vier deutsche Poeten. Teil des Festivals sind Übersetzungsworkshops, an denen vier deutsche und vier niederländischsprachige Dichter ihre Werke in die jeweils andere Sprache übertragen. Die eigens für die Veranstaltung übersetzten Gedichte werden auf der Internetseite für Poesie www.lyrikline.org eingestellt. Besonderer Clou: Alle Werke und ihre Übersetzungen fließen in eine Anthologie ein, die nach dem Festival erscheinen wird.

Unter den Studierenden, die an der Organisation der Veranstaltung beteiligt sind, ist die 25-jährige Kathrin Hensen. Sie erhofft sich von ihrer Mitarbeit Orientierung für die Zeit nach dem Examen: „Ich kann mir sehr gut vorstellen, später im Bereich der Organisation von Kulturveranstaltungen zu arbeiten. Daher ist das Praktikum eine gute Möglichkeit, hinter die Kulissen zu schauen und Erfahrungen zu sammeln.“

Weiteres im Internet:

www.niederlandistik.fu-berlin.de/fu-nl

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