Zeitung Heute : Dick im Pech

Nach der US-Wahl: Demokrat Richard Gephardt tritt zurück

Malte Lehming[Washington]

Wenn sich ein Debakel anbahnt, aber Lächeln zur politischen Pflicht gehört, können Kameras gnadenlos sein. Es ist Dienstagnacht. Richard Gephardt ist von Washington, wo er sich den Tag über mit seiner Frau beriet, in seine Heimatstadt St. Louis geflogen. In der Halle des größten Hotels haben sich die Anhänger seiner Partei versammelt, die Stimmung ist trübe. In ganz Amerika verlieren die Demokraten gerade einen Sitz nach dem anderen. Gephardt, den sie hier Dick nennen, versucht, seine Enttäuschung zu verbergen. Er will gelassen aussehen und verkrampft sich dabei. Er will lächeln, sieht aber wie ein Eisblock aus.

Der Zuschauer spürt, wie der Chef der Demokraten im Repräsentantenhaus in dieser Nacht mit sich kämpft. „Natürlich haben der Präsident und die Republikaner in diesem Wahlkampf die Themen beherrscht“, sagt Gephardt. Es schwingt keine Einsicht in diesen Worten mit, eher Groll. Am nächsten Tag sickert durch, dass Gephardt noch in dieser Woche zurücktritt. Er ist das erste Opfer der historischen Niederlage seiner Partei.

Eine Welle aus Hohn und Kritik bricht seit der Wahl über Amerikas Demokraten herein. Sie „hatten gehofft, gegen Bush antreten zu können, ohne gegen ihn anzutreten“, spottet die „Washington Post“. „Sie hatten gehofft, ihre Anhänger mobilisieren zu können, ohne ihnen erklären zu müssen, warum.“ Das Debakel sei die Quittung dafür. Noch pointierter bilanziert die „New York Times“ das Ergebnis. „Die Partei von Roosevelt, Truman und Kennedy hat sich in eine Partei der Angsthasen verwandelt“, schreibt der Kommentator.

Wie es weitergehen soll, weiß keiner. Wahrscheinlich verschärft sich die Krise der Opposition sogar. Die alten Flügelkämpfe brechen wieder aus. Die Linke verurteilt die Anbiederei und den Drang in die Mitte. Die Zustimmung zur Steuersenkung sei ebenso ein Fehler gewesen wie das Votum im Kongress für die Irak-Resolution. Eine Radikalisierung hingegen finden die moderaten Kräfte gefährlich. Dadurch würden die Wechselwähler abgeschreckt. Die Parteispitze wiederum redet das Debakel klein. Immerhin sei es eine zwar klare, aber sehr knappe Niederlage gewesen.

Für Gephardt ist das kein Trost. Er ist seit 25 Jahren Abgeordneter im Repräsentantenhaus. Seitdem bastelt der Mann aus Missouri zielstrebig an seiner Karriere. Im Jahre 1988 wollte er zum ersten Mal Präsidentschaftskandidat seiner Partei werden. Bei der Vorentscheidung gaben ihm aber nur die Wahlmänner seines eigenen Bundesstaates ihre Stimme. Vier Jahre später verzichtete Gephardt. Der Amtsinhaber, George Bush senior, schien unschlagbar zu sein. Ein bis dato recht unbekannter Gouverneur aus Arkansas, Bill Clinton, widerlegte diese Annahme. Seit acht Jahren nun war es das größte Ziel von Gephardt, das Repräsentantenhaus für die Demokraten zurückzuerobern. Es sollte nicht sein. In der Politik gibt es für eine solche Karriere nur ein Prädikat: glücklos.

Doch wer sonst? Welcher Demokrat hat das Zeug, den Karren aus dem Dreck zu ziehen? Angeschlagen wirken alle. Tom Daschle aus South Dakota, bis Dienstag Mehrheitsführer im Senat, hat seine Mehrheit verloren. John Kerry aus dem traditionell demokratischen Massachusetts musste erleben, wie ein Republikaner in seinem Bundesstaat Gouverneur wurde. Joseph Lieberman aus Connecticut sah zu, wie die Demokraten in seinem Staat zwei entscheidende Sitze im Repräsentantenhaus verloren, John Edwards aus North Carolina hat es auch mit seiner Popularität nicht geschafft, seiner Partei zu einem zweiten Senatssitz zu verhelfen.

Kein Wunder daher, dass sich erneut ein Mann ins Spiel bringt, der sich ohnehin für den wahren Präsidenten hält: Al Gore. War er es nicht, der frühzeitig vor Bushs Irak-Politik gewarnt hat? War er es nicht, der immer die Steuersenkung kritisiert hat? Bis heute genießt Gore innerhalb seiner Partei die mit Abstand meisten Sympathien. Im Rest des Landes dagegen gilt er als rechthaberischer Langweiler, der nervt. „Die Demokraten sollten die Größe ihrer Niederlage nicht unterschätzen“, sagte Gore am Mittwoch in einem Fernsehinterview, „es muss eine Neuordnung geben, eine kraftvolle Alternative zu Bush.“ Dass im Prinzip nur er für diesen Job in Frage kommt, ließ er ungesagt im Raum stehen.

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