Zeitung Heute : Dicke Luft durch Zugluftschächte

Der Tagesspiegel

Marzahn. In hunderttausenden Berliner Wohnungen tickt eine Zeitbombe: Es sind verdreckte Lüftungsanlagen durch deren Schächte ungehindert giftige, allergieauslösende Schimmelpilzsporen, Bakterien, Chemikalien und auch unangenehme Gerüche gelangen können. „Die Wahrscheinlichkeit, dass es dadurch zu ernsthaften Erkrankungen kommt, ist sehr groß“, sagte gestern Claudia Hämmerling, Sprecherin für Verbraucherschutz der Bündnisgrünen im Abgeordnetenhaus.

In Plattenbauten aber auch in neuen Wohnanlagen sind vor allem in Bädern, in Küchen und manchmal auch in den Fluren solche „Keimschleudern“ zu finden. Die Anlagen sind zumeist in einem miserablen technischen Zustand. „Sie sind nicht sachgerecht gebaut und werden auch nicht regelmäßig gewartet“, erklärt Schornsteinfegermeister Hartmut Putbrese. Mit einer Minikamera brachte er gestern in einer Wohnung eines Doppelhochhauses am Marzahner Helene-Weigel-Platz 13 das Innenleben eines Lüftungsschachtes ans Tageslicht: Verkrustete Wände mit frei schwebenden Mineralfasern und klumpenweise Staubpartikeln wurden sichtbar.

Regina Römer, die Mieterin der Zwei- Zimmer-Wohnung atmet seit vier Jahren diese schädlichen Stoffe ein. Durch eine Raumluftmessung eines Labors wurden unter anderem Formaldehyde in ihren Räumen nachgewiesen. Und zwar in einer Konzentration von 0,02 ppm. „Schon bei 0,01 ppm können die Schleimhäute angegriffen werden“, formulieren die Experten in ihrem Messprotokoll. Die 39-jährige Mieterin musste selbst diese Erfahrungen machen. Sie leidet an Augen- und Hautreizungen, klagt über Migräne und hat eine kranke Lunge. Auch Mario Schüler, der im selben Haus wohnt, ist sich sicher, dass ihn die Lüftungsanlagen krank gemacht haben. „Bevor ich hierher zog, war ich kerngesund“, sagt der 43-Jährige. Bereits 1998 beschwerte er sich über die schlechte Raumluft bei der Wohnungsbaugesellschaft Marzahn (WBG). Seit einem Jahr zahlt er auf Grund „des schlechten Wohnungszustandes“, wie er sagt, keine Miete mehr. Dagegen klagt alleridngs die WBG und gewann auch den Prozess. „Wir haben außerdem mehrere Gutachten anfertigen lassen, die keine Geruchs- oder Schadstoffbelastung nachwiesen“, betonte gestern WBG-Sprecherin Birgit Hoplischek. Zudem würden die Lüftungsanlagen der Wohnungsbaugesellschaft regelmäßig gewartet, sagt sie.

Martin Möritz vom Institut für Lufthygiene machte gestern vor Ort deutlich, nachdem er die Kameraaufnahmen gesehen hatte, dass in den Lüftungsschächten neue Rohre verlegt werden müssten. Claudia Hämmerling will sich diese Woche noch schriftlich an die WBG wenden und eine Raumluftmessung fordern. „Bis das geschehen ist, sollte dieser Zugluftschacht erst einmal stillgelegt werden“, fordert die Politikerin. Ihre Fraktion hat jetzt einen Antrag im Abgeordnetenhaus eingebracht, der den Senat auffordert, für Klima- und Lüftungsanlagen eine Melde- und Überprüfungspflicht einzuführen. Diese Aufgabe sollten außerbehördliche, Prüfstellen vornehmen. „Nur so wird es möglich, endlich die seit drei Jahren gültige Hygiene-Vorschrift für Klima- und Lüftungsanlagen durchzusetzen“, ist Hämmerling überzeugt. Die Innung der Schornsteinfeger würde übrigens gerne diese Kontrollpflicht übernehmen. „Man muss bereits in der Bauphase Mängel beseitigen“, sagt Schornsteinfeger Hartmut Putbrese. bey

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