Zeitung Heute : Didgeridoo am Haifischbecken

Das Zoo-Aquarium bietet exotische Kultur

Anne Wüstemann

Er gleitet elegant. Es sieht so aus, als durchschnitte die spitze Rückenflosse das Wasser. Sein Maul steht einen Spalt offen, kleine Zähne blitzen daraus hervor wie Diamanten. Messerscharf. Der Hai schwimmt auf die Besucher zu als wollte er gleich zupacken, sein Frühstück verzehren. Doch Hai und vermeintliches Opfer sind durch eine Glasscheibe getrennt.

Auch am Samstagabend wird der Haifisch den Besuchern des Aquariums nichts tun. Die Türen seiner künstlichen Heimat an der Budapester Straße stehen bei der 8. Langen Nacht des Shoppings wieder bis Mitternacht offen. Ab 20 Uhr erklingen unterhalb des Meeresspiegels australische Didgeridoos und afrikanische Blasinstrumente. „Native music meets native music“ heißt das Motto des Aquariums beim Kultur und Shopping-Event rund um die Gedächtniskirche. In der Kombination aus Kommerz und Kultur liegt für Jürgen Lange, den Aquariumsdirektor, das Erfolgsgeheimnis des halbjährlichen Ereignisses: „Nur längere Öffnungszeiten hätten nicht dieselbe Wirkung.“

Knapp eine Million Menschen haben das Aquarium im vergangenen Jahr besucht – mit besonderer Begeisterung für den Hai, den Fisch des Jahres. Jürgen Lange weiß, dass Haie die Phantasie vieler Zeitgenossen anregen. Den Mythos vom blutrünstigen Killerfisch berichtigt der 62-Jährige allerdings: „Der Hai ist die Gesundheitspolizei im Meer.“ Über seine Sinnesorgane könne dieser exzellente Schwimmer Blut und elektromagnetische Wellen im Wasser kilometerweit wahrnehmen. Für Jürgen Lange sind so genannte Angriffe von Haien auf Schwimmer oder Surfer vor allem Irrtümer mit fatalen Folgen. „Der Mensch bewegt sich im Wasser wie ein verreckendes Tier."

Mit 76 Salzen angereichert

190 000 Liter Wasser laufen stündlich durch das Haifischbecken. Künstliches Meereswasser gewinnt man aus destilliertem Berliner Wasser, das anschließend mit 76 Salzen angereichert wird. Pumpen sorgen für Strömung in den Becken, so viel oder so wenig wie es die Fische aus den Ozeanen gewöhnt sind. Jedes Becken wird einzeln gefiltert. Die Anlage braucht 1000 Kilowatt Stunden Strom im Monat. Für 9000 Euro wird geheizt. „Wir wollen die Temperatur, die Bewegung und die Chemie des Wassers optimal auf die Tiere einstellen“, versichert Lange.

22 Mitarbeiter kümmern sich deshalb auch um die Fische und deren Nahrung: 1,5 Tonnen Calamari verputzen die Meeresbewohner monatlich, 1,3 Tonnen Shrimps, 400 Kilogramm Fisch, 120 Kilo Herzmuscheln und 100 Kilo Miesmuscheln, 60 Kilogramm Blattspinat und dazu 600 Liter Meeresplankton, das im Haus kultiviert wird. Leckerbissen sind Mangos, Gurken, Weintrauben, Bananen und Insekten.

Was abendliches Getümmel in ihren Gefilden betrifft, sind die Bewohner der 86 Aquarien wahre Profis. 70 Mal wurde das Aquarium im vergangenen Jahr von Firmen für Präsentationen oder Konzertveranstaltungen gebucht. Die Fische stört der Trubel nicht, so lange dumpfe Bässe tabu sind. „Trommelmusik oder Techno wird hier niemand hören“, unterstreicht der Aquariumschef. Die Schallwellen würden sich in das Wasser übertragen und die Tiere stören.

Nicht irritieren lassen sich die Fische von den Erschütterungen, die das Laufen der Besucher verursacht. Rund 500 Menschen passieren täglich die Gänge. Diese kleinen Beben gehören zwischen 9 und 18 Uhr zum Fischsein dazu wie die Zeichnungen an der Wand in Langes Büro. Sehen können die Fische ihr Publikum jedoch nicht. „Die Becken sind stärker beleuchtet als der Zuschauerraum, so dass sich die Fische in der Scheibe spiegeln und die Besucher von klarer Sicht profitieren“, erklärt Jürgen Lange. Wenn jeden zweiten Donnerstag im Monat nächtens kleine Gruppen von Kindern mit Taschenlampen durch das Aquarium geführt werden, reagieren die Fische schon öfter nervös. Finsternis und Vibration passen für sie nicht zusammen. Also bleibt das Licht am Samstag an, denn es werden 600 Besucher erwartet.

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