Zeitung Heute : Die 80er sind heute

Der Tagesspiegel

Von Esther Kogelboom

Jetzt kommt ein Aufsatz über den Jogging-Anzug. Sie wissen schon, die praktische Kombi aus Hose und Jacke, die nirgendwo einengt und volle Bewegungsfreiheit garantiert. Beim Fernsehen, beim Hund-um- den-Block-zerren, Brötchen holen, Auto fahren, abhängen. Und natürlich beim Sport .

Hochstylen kann man das Ding, mit Goldketten, Netzhemden, Stilettos, Sonnenbrille, und runterstylen, mit Goldkrone-Fahne, Unterhemd, Adiletten, Bierbauch. Der Jogging-Anzug funktioniert, wie jedes gute Basic, durch seine multifunktionale Neutralität. Vielleicht erlebt das gute Stück deshalb gerade sein Comeback. Doch Achtung: Ein Jogging-Anzug kaschiert, entgegen dem gesellschaftlichen Konsens, rein gar nichts. Stramme Schenkel wirken besonders stramm, ungewaschene Haare besonders fettig. Und Flecken–die verbieten sich von selbst. Nur Streifen sind erlaubt, aber nur exakt drei.

Cool, wie Jamel Shabazz seinen Jogging-Anzug-Jacke trägt. Aus dem Kragen des gelbgrünen Stücks baumelt noch das Preisschild vom Adidas Original Store raus. Shabazz kommt schließlich gerade aus Brooklyn und freut sich, in Berlin zu sein - genauer, im Adidas Original Store. Der Mann ist gestandene 42 Jahre alt und liegt damit gleichzeitig erheblich über dem Altersdurchschnitt der Ladenbesucher sowie über deren Coolnessmittelwert. Und ja, er ist ziemlich relaxed und wegen seiner Fotos da. „Back in the days“ heißt sein Buch, das ab sofort zu haben ist und Momentaufnahmen aus den 80ern zeigt, Fotos von schwarzen New Yorkern, auf der Straße liebevoll geschossen. Stolze Menschen sind da zu sehen, die unmögliche Riesenbrillen auf der Nase und Gettoblaster wie aus dem Elektronikmuseum auf der Schulter tragen. An den Füßen tragen sie meist Turnschuhe, am Körper Jogging-Anzüge–und das sind die Gründe, weswegen das Adidas Original Store den Fotografen eingeladen hat, seine Bilder in dem Laden auszustellen.

Shabazzs Fotografien sind in den USA so gut angekommen, dass der Grandmaster des Flash jetzt sogar einen Halb-Dokumentarfilm über die Bevölkerung Brooklyns plant. „Ich habe immer davon geträumt, einen Film über diese Leute zu machen, ihre verrückte Art, sich zu kleiden und die Musik, die sie hören“, sagt er. Halb-Dokumentarfilm, weil die Leute, die er zwischen 1980 und 1989 fotografiert hat, inzwischen „älter sind und nicht mehr im Drei-Streifen-Look herumlaufen. Manche haben sich erfreut gemeldet, als sie ihr Gesicht im Buch entdeckten, zu anderen ist der Kontakt nie abgerissen.“

Zu seiner Arbeitsweise sagt Jamel Shabazz, der sein Handwerk vom Vater gelernt hat: „Du musst nur rausgehen. Motive gibt es genug.“ Bewaffnet mit 50-Millimeter-Objektiv und der analogen Oldskool-Kamera Canon AE1, streift Shabazz noch immer täglich durch seine Heimatstadt. „Hey Brother, may I take your Photo“, fragt er immer dann, wenn jemand den richtigen „Flavour“ besitzt. Skeptikern zeigt er dann seine Mappe, die er stets mit sich herumträgt. Die meisten sind dann einverstanden und fragen zurück: „What do you want me to do?“ Die 90er hat er ebenfalls dokumentiert, aber da, stellt Shabazz fest, gab es viele stilistische Mischformen, die die Sache komplizierter machte –Sneakers verloren ihre distinktive Funktion. Deshalb sucht der Fotograf inzwischen ganz gezielt nach Themen: heute Babys, morgen Liebespaare, übermorgen weiße Teenager-Mädchen. Wenn die Gruppen sich nicht mehr von selbst formieren, muss Jamel Shabazz, Vater einer elfjährigen Tochter, sie selbst schaffen.

Ja, Jamel Shabazz hat schon gehört, dass Berlin schon seit Monaten von einer 80er-Jahre-Retro-Welle überrollt wird, der vermutlich auch das für den kommenden Sommer prognostizierte Hippie-Revival wenig anhaben kann. „Ich kann es nicht erwarten, durch die Stadt zu laufen und das zu fotografieren“, sagt Shabazz, rückt seine goldene Brille zurecht und lacht. „Das letzte Mal war ich vor 22 Jahren hier. Ich glaube, es hat sich einiges verändert.“ Die Liebe des Berliners zum Jogging-Anzug zum Glück nicht. Auch, wenn die flotten Kombinationen im Adidas Original Store inzwischen fast so teuer sind wie ein Donna-Karan-Büro-Zweiteiler.

Die Ausstellung ist noch bis zum 18. Mai im Adidas Original Store, Münzstraße 13-15, zu sehen. Dort gibt es auch das Buch.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben