Zeitung Heute : Die 95 Thesen von Virtualien

 HENRY STEINHAU . "Die Märkte bestehen aus Menschen, nicht aus demographischen Segmenten." "Das Internet ermöglicht Gespräche zwischen Menschen, die im Zeitalter der Massenmedien unmöglich waren." Mit Thesen solchen Kalibers wartet das sogenannte "Cluetrain Manifesto" auf. Es wurde Anfang des Jahres von den amerikanischen Marketing-Spezialisten, Unternehmensberatern und Webdesignern Rick Levine, Christopher Locke, Doc Searls und David Weinberger ins Leben gerufen und auf einer eigens dafür eingerichteten Website veröffentlicht: www.cluetrain.com . Das Wort Clue steht im Englischen für Hinweis, Anhaltspunkt oder Spur. Doch um eine Waggonladung provokanter Tips geht es den Urhebern nicht. Kaum zufällig besteht das Manifest aus exakt 95 Thesen - soviel wie der deutsche Kirchenerneuerer Martin Luther einst angeschlagen hat. Mit ihrer virtuellen Proklamation wollen die "Cluetrain"-Reformer ein radikales Umdenken erreichen, was den unternehmerischen Umgang mit dem Internet betrifft. Sie betonen immer wieder die Macht untereinander vernetzter Konsumenten. Unternehmen und Märkte traditionellen Zuschnitts, sprich ohne wirklich interaktive Kommunikationsformen, könnten demnach durch Abwendung schnell geschwächt und letzlich durch neuartige und Internet-gerechte Märkte und Unternehmungen ersetzt werden.

Nach einer Reihe von Berichten in großen Publikationen, wie dem Wall Street Journal entspannt sich in den USA sowie im Internet seit April eine breite Diskussion, an der auch schon mal Branchengrößen wie Scott McNealy, Chef von Sun Microsystems, teilnehmen. Als einer der ersten deutschen Cluetrain-Evangelisten bricht jetzt der Münchener Internet-Provider PopNet die Lanze für neue, interaktivierte Unternehmensreligionen: "Manager, die Internet-Newsgroups heute noch im wesentlichen als schmuddelige Unterwelt empfinden, werden schon in wenigen Jahren zum alten Eisen einer hochkommunikativen Wirtschaft mit ebenso kommunikativen Nachwuchskräften gehören", meint Holger Pabst, Mitglied der PopNet-Geschäftsleitung. Für Pabst stellen Surfen und Chatten am Arbeitsplatz eine völlig neue Form globaler Kommunikation dar, die nicht Arbeitskraft vergeude sondern vielmehr zur aktiven Weiterbildung der Mitarbeiter beitrage. "Was mancher Führungskraft anarchisch anmuten mag, ist in Zukunft das wichtigste Kapital des Unternehmens - die Fähigkeit, vernetzte Gespräche zu führen." Das Internet habe die Lebensrealität der Menschen tiefgreifend verändert, so Pabst. Eine Veränderung, die die meisten Unternehmen noch nicht einmal im Ansatz spüren würden, da ihre Manager sich selbst kaum im Internet aufhielten, ihre E-Mail oft wochenlang unbeantwortet ließen und sich scheuten, auf ihren Web-Sites wirklich interaktive Dialog-Angebote zu machen.

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