Zeitung Heute : Die Abriss-Gegner mit Erfolg mobilisiert

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Von Claus-Dieter Steyer, Cottbus

„Mit mir gibt es keinen Abriss!“ Dieser Satz der unabhängigen Kandidatin Karin Rätzel hatte die meisten Wähler in Cottbus offensichtlich überzeugt. Sie wollen die unter Denkmalschutz stehende Blechenschule von 1875 im Stadtzentrum erhalten, die einem riesigen Einkaufszentrum weichen soll. Fast 30 Prozent der Stimmen konnte die frühere Finanzbeigeordnete am Sonntag auf sich vereinen. „Natürlich bin ich mit dem Ergebnis zufrieden“, meinte die 54-Jährige. „Vor allem aber freut mich der klare Abstand zu meinen Konkurrenten." Tatsächlich wies sie den CDU-Kandidaten Markus Derling (17 Prozent) und den SPD-Mann Klaus Zacharias (16,5 Prozent) ü berraschend deutlich in die Schranken. Beide hatten sich bislang nicht eindeutig für oder gegen den Abriss der Schule geäußert.

In der Stichwahl am 17. März stehen sich damit Karin Rätzel und Markus Derling gegenüber. Die Sozialdemokraten haben sich bis gestern noch nicht über ihr Votum in diesem Zweikampf entschieden; die nahe liegende Unterstützung der unabhängigen Kandidatin steht ebenso wenig fest wie die Ablehnung des CDU-Politikers. Karin Rä tzel gehörte bis Anfang vergangenen Jahres selbst zur SPD, schied aber dann aus Groll über ihre Genossen aus. Denn die hatten sich im Stadtparlament dem Partei übergreifenden Abwahlantrag angeschlossen und die Finanzchefin gekippt. Ihr Verhalten sei dem Image von Cottbus nicht förderlich gewesen, hieß es im Dezember 2000 zur Begründung. Rätzel hatte zusammen mit der gleichfalls abgewählten Baudezernentin von „Mafia-ähnlichen Strukturen und Vetternwirtschaft in der Stadtverwaltung“ gesprochen.

Mit ihrem Widerstand gegen den Bau des Einkaufszentrums an Stelle der aus vielen kleinen Pavillons bestehenden Stadtpromenade hat sie nach Meinung vieler Cottbuser erneut ein heißes Eisen angepackt. Das Hamburger Unternehmen ECE will dort nach BErliner Muster ein Zentrum mit knapp 20 000 Quadratmetern Verkaufsfläche bauen. Dafür müsste die Blechenschule weichen, die bisher vom Staatstheater als Depot genutzt wird. Allerdings war der Ziegelbau erst vor einigen Jahren für 1,7 Millionen Euro äußerlich saniert worden. Ursprünglich sollte die einstige Mädchenschule schon Ende der sechziger Jahre einem „modernen Gesicht der sozialistischen Großstadt“ Platz machen. Cottbuser Einwohner verhinderten den Plan.

Aber nicht nur deshalb gehen die Meinungen in der noch 106 000 Einwohner zählenden Stadt auseinander, denn die Einzelhändler vor allem in der benachbarten Altstadt fürchten um ihr Einkommen.

Der nicht mehr zur Wahl angetretene CDU-Oberbürgermeister Waldemar Kleinschmidt führte den Erfolg seiner früheren Finanzchefin vor allem auf das Thema Einkaufszentrum zurück. „Sie hat die Gegner mobilisiert“, sagte er. Bei der Stichwahl werde es Karin Rätzel nicht mehr so einfach haben.

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