Zeitung Heute : Die achteckige Kapelle in der Kaiserpfalz

Wie ein Rätsel der Baugeschichte gelöst wurde

Johannes Cramer[Barbara Perlich] Gabri van Tus

Pfalzen sind keine deutsche Eigenart, auch wenn sie seit der Zeit der Karolinger den deutschen Kaisern als Residenzen dienten. Karl der Große beispielsweise ließ nicht nur in Aachen, sondern auch auf dem Valkhof im holländischen Nijmegen eine Pfalz errichten. Die großartigen Bauten fielen im 18. Jahrhundert fast vollständig dem Abbruch zum Opfer, da man das Baumaterial wiederverwenden wollte: Der Tuffstein, ein vulkanisches Gestein, wurde gemahlen und als Zuschlag für Mörtel gebraucht.

Nur die achteckige Nikolauskapelle blieb erhalten, weil findige Denkmalfreunde – es gab sie schon damals – einige römische Ziegel in das Mauerwerk steckten, um den historischen Wert zu unterstreichen. Mit Verweis auf die gleichfalls achteckige Aachener Pfalzkapelle und viele ähnliche Bauten von Mettlach bis Murbach glaubten sie, die Kapelle in Nijmegen sei ein Gebäude aus der karolingischen Periode. Die Dynastie der Karolinger kam Mitte des achten Jahrhunderts auf den Thron der Franken. Bekanntester Vertreter ist Karl der Große, der im Jahr 800 vom Papst in Rom zum Kaiser gesalbt und gekrönt wurde.

Seit dem 18. Jahrhundert fragen sich die Experten, aus welcher Zeit die Kapelle wohl tatsächlich stammt. Auf Einladung der Stadtverwaltung von Nijmegen machten sich in diesem Frühjahr eine Arbeitsgruppe des Fachgebiets Bau- und Stadtbaugeschichte der TU Berlin zusammen mit Studenten der Universität Utrecht und Fachleuten des Denkmalamtes in Amsterdam daran, dieses Geheimnis aufzuklären. In die Untersuchung flossen umfangreiche Erfahrungen aus früheren Forschungen an spätottonischen Bauten in Walbeck, Memleben, Hildesheim und Speyer ein.

Zunächst ging es darum, den Bau systematisch zu vermessen, zu kartieren und die Befunde räumlich zu verknüpfen. Verschiedene Materialien wie Tuffstein und Backstein und vielfältige Konstruktionen – beispielsweise Kreuzgrat- und Kreuzrippengewölbe – bieten wichtige Anhaltspunkte. Spätere Veränderungen und Restaurierungen müssen vom ursprünglichen Bestand geschieden werden.

Dieses aufwändige und detaillierte Vorgehen hatte Erfolg: Der komplexe Bauprozess der Kapelle, ihre Zerstörung und der Wiederaufbau ließen sich innerhalb von einer Woche in drei Hauptbauphasen gliedern. Der Kernbau stammt offenbar aus dem ersten Drittel des elften Jahrhunderts. Besonders bemerkenswert sind die noch in Teilen erhaltenen Kreuzgratgewölbe im sechzehneckigen Umgang.

Schon 1047 wurde die Kapelle im Zuge des Krieges zwischen Herzog Gottfried und Kaiser Heinrich III. zerstört. Im 12. Jahrhundert wurde sie von Kaiser Friedrich Barbarossa jedoch in den alten Formen wieder aufgebaut. Spätere Zerstörungen wurden am Ende des 14. Jahrhunderts mit Backstein repariert.

Auch dieser Wiederaufbau hielt sich im wesentlichen an die historische Kubatur, passte die Bauformen jedoch dem Zeitgeschmack an: Statt der altmodischen Rundbogenfenster erhielten die Öffnungen nun Maßwerkschmuck. Für die Gewölbe wählte man die modernen Kreuzrippen. Die zügige Lösung des Rätsels stieß in Nijmegen auf reges Interesse. Das Fernsehen zeigte zwei ausführliche Berichte. Die Stadtverwaltung war erfreut, dass die Unsicherheiten zur historischen Einordnung endlich beseitigt sind. Immerhin lockt ein solch wertvolles Gebäude unzählige Touristen an. Jetzt steht als Abschluss noch die sachgerechte Publikation aus.

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