Zeitung Heute : Die Ärztin

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Bloß keine tristen, friedensbewegten Fotos“, sagt Ute Watermann, als der Fotograf sie vor die Kamera stellt. Bloß keine Heulsuse in Strickweste, könnte sie auch sagen, aber das verkneift sie sich, sie ist ja im Dienst. Ute Watermann ist Sprecherin der Internationalen Ärzte gegen den Atomkrieg und eben aus einem Kino am Potsdamer Platz gekommen. Einen Film über den Irak hat die 35Jährige da vorgeführt, über Landstriche, die durch Munition aus dem ersten Golfkrieg radioaktiv verseucht sind. Mütter mit schwerkranken Kindern leben dort und Ärzte, die sie ohne Medikamente nicht behandeln können. „Durch das Embargo ist die Situation im Irak so katastrophal geworden, dass die Menschen zu Tausenden sterben“, sagt Watermann, die offenbar wenig bekümmert, dass viele Kinositze leer geblieben sind.

Überhaupt scheint sie so schnell nichts zu entmutigen, und wer der Frau mit dem Krauskopf zuhört, lernt eine Kämpfernatur kennen. „Krieg wäre der maximale GAU für die irakische Bevölkerung“, sagt sie und rechnet vor, wie viele Leben ein Militärschlag fordern würde. Laut UN sterben jeden Monat 5000 irakische Kinder an den Folgen des Embargos. Bis zu 250000 Menschen könnten durch Bomben umkommen, drei Millionen Menschen brauchen dann sofort Nahrung. „Im Ernstfall“, sagt Watermann, „wird das zu einem Massensterben führen.“

Was motiviert sie, was treibt sie jeden Morgen an den Schreibtisch? „Es geht mir nicht darum, aus altruistischen Motiven Gutes zu tun“, sagt sie. „Ich möchte, dass die Wahrheit ans Licht kommt.“ Es ist eher die Journalistin als die Ärztin, die so spricht, denn Watermann ist beides zugleich. Sie hat Medizin studiert und den Bürgerkrieg im mexikanischen Chiapas beobachtet, hat sich später gegen eine Kliniklaufbahn und für den Journalismus entschieden. Jetzt ist sie bei den Ärzten gegen den Atomkrieg, was sozusagen drei Anliegen vereint: das Helfen, das Schreiben und den Frieden. Klingt fast kitschig sagt sie und lacht. Ihr Privatleben ist aber nicht ganz so harmonisch. Nach der Trennung vom Vater ihres Kindes packte sie ihre Habseligkeiten in ein Auto und zog vor zwei Jahren nach Berlin. „Das war ein totaler Bruch“, sagt sie. „Jetzt habe ich das Gefühl, es geht erst richtig los.“

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