Zeitung Heute : Die Akte Wahnsinn

Was er auch anfasste, es wurde zu Geld. Der Multimillionär Alfons Walz war Europas größter Händler von Babyartikeln. Plötzlich hatte er keine Lust mehr und verkaufte. Jetzt ist er pleite. Wie schafft man es, in 15 Jahren 50 Millionen Euro zu vernichten?

Josef-Otto Freudenreich

Als kleine Jungs haben wir an der Straße gestanden, mit offenen Mündern, wenn der Herr Walz mit seinem Auto vorgefahren ist. Nicht satt sehen konnten wir uns an seinem elfenbeinfarbenen Chevrolet Impala Cabrio, an seinen weißen Schuhen und den Beinen seiner Damen, die sich in hochgebauschten Röcken aus den roten Sitzen schälten. So etwas war in dem oberschwäbischen Örtchen Waldsee, in dem die katholische Kirche nur zur Fasnacht ein Auge zudrückte, eigentlich nicht erlaubt. Alfons Walz war unser Idol. Er scherte sich nicht um den Muff der Soutanen, er hatte Geld wie Heu, und mit den Frauen festigte er seinen Ruf als „Playboy“, wovon wir damals nur wussten, dass es etwas sehr Aufregendes sein musste.

Heute, 40 Jahre später, sitzt ein armer, einsamer Mann vor uns in seiner Wohnung in Bad Waldsee. Krawatte, Sakko, durchgedrücktes Kreuz. Die Armut ist ihm nicht anzusehen, sie liegt auf dem Tisch. Sie trägt das Datum vom 26. Juni 2001 und ist Alfons Walz’ Offenbarungseid. Darin hat der Gerichtsvollzieher notiert, was dem 83-Jährigen noch geblieben ist. Ein neobarockes Esszimmer, sechs Teppiche, vier Ölgemälde, ein Weinkeller mit 40 Flaschen, eine goldene Uhr, Manschettenknöpfe, ein Ehering. Und dahinter steht immer: „Wert?“ Soll heißen: insgesamt zu vernachlässigen.

Der Spieler

Als verfügbares Einkommen sind damals 1246,65 Mark im Monat errechnet worden, den Rest der Rente in Höhe von 2472,35 Mark haben Gläubiger gepfändet. Summen, die lächerlich erscheinen, wenn man bedenkt, dass Walz sein Unternehmen 1988 für nahezu 100 Millionen an Neckermann verkauft hat. Mehr als 60 Millionen hat ihm der Fiskus gelassen, die er auf die Bank hätte tragen können, mit denen er einen Rolls-Royce nach dem andern hätte kaufen können, wie damals jenen von dem Industriellen Flick.

Er hat es nicht getan, weil er ein Spieler und ein Träumer ist. Man muss wohl seine Geschichte kennen, um das zu verstehen. Es ist die Geschichte eines Mannes, den die Wirtschaft wie ein Wunder dünkte, und alles, was er anfasste, wurde zu Geld. Begonnen hat der Sohn des Waldseer Finanzamtsleiters mit Kartoffeln, die er dem Verleger Franz Burda nach dem Krieg in Güterzügen nach Offenburg schickte. Burda brauchte Suppe für die Belegschaft. Dafür gab’s Papier, aus dem Walz Schulbücher machte. Es folgten Faschingsartikel, Kakao in Pappbehältern und 1952 dann Babyartikel. Walz bediente den beginnenden Wohlstand und sorgte dafür, dass die Mütter die Windeln nicht mehr waschen mussten, sondern durch Pampers ersetzen konnten. So wurde „Baby-Walz“ zum größten Versandhändler von Kinderartikeln in Europa und der Besitzer zum Multimillionär.

„Ich muss nicht weinen, ich habe meine Zeit sehr genossen“, sagt der alte Mann heute und erzählt von damals, als er mit seiner Yacht „Don Alfonso“ auf dem Bodensee und seinem Jaguar E in Monte Carlo und Baden-Baden war. Roulette war sein Lieblingsspiel. Seine Frau Charlotte hielt es eher mit den schönen Künsten, seine Tochter Alexandra war Malerin, und die Geschäfte führte ein umsichtiger Manager, der einmal sein Nachfolger werden sollte. Was also sollte schief gehen? Passiert ist das Unglück am 27. Juni 1983 bei Biberach, als sein Geschäftsführer in einer Privatmaschine mit einer französischen Mirage zusammenstieß. Der Manager Gerhard Weber war auf der Stelle tot, und mit ihm war auch die Bereitschaft des Eigentümers gestorben, das Unternehmen zu halten. Fünf Jahre sollte es noch dauern, dann verkaufte Walz und machte Kasse.

Der Patron hatte sich in den 80er Jahren von den Windeln innerlich verabschiedet, weil er etwas viel Faszinierenderes entdeckt hatte: das Abenteuer Gold. Mit 68 Jahren wurde er Goldsucher. In Bolivien, Französisch-Guyana, Australien investierte er Millionen, immer in der Hoffnung, den großen Nugget zu finden. Man muss ihn nur sehen, auf den Fotos, die in seinem Büro hängen, in das er jeden Tag geht, hoch erhobenen Hauptes, um Nachrichten von „seinen“ Minen zu bekommen, die ihm schon lange nicht mehr gehören. Der süchtige Schürfer vor riesigen Schaufelbaggern, im Rio Bipo stehend, die Waschpfanne schüttelnd, im Barackenbüro die winzigen Stückchen zählend, andächtig beobachtet von seinen Indios, die ihn Don Alfonso nannten. Es muss die fiebrige Welt des Dschungels gewesen sein, die Gier nach dem Gold, in der er sich verloren hat und krank geworden ist.

Bis heute ist nicht geklärt, was dazu geführt hat, dass er 1992 zwei Wochen im Koma lag. Die Ärzte hatten ihn schon aufgegeben. Klar ist nur, dass Walz allein in Bolivien 5,7 Millionen Mark in den Sand gesetzt hat. Auf die Frage nach dem Warum antwortet er schlicht: „Wissen Sie, wenn Sie viel Geld haben, wollen Sie immer noch mehr.“

Es ist das Lebensprinzip des Alfons Walz, das ihn getrieben hat, das sich auf die Erfahrung stützte, dass immer alles geklappt hat, dass ein Absturz undenkbar war. Letztlich mündete es in der Katastrophe. Nach dem Gold kamen die Immobilien, Aktien und Anlageabenteuer. Gedrängt von seinem Chauffeur und Schneeschipper, seinem einzigen Vertrauten, der als Versicherungsvertreter firmierte, kaufte Walz, über die ganze Republik verteilt, wahllos Häuser und Grundstücke, die er nie gesehen hatte. In Berlin, Magdeburg, Hannover, Ludwigshafen – die Liste ließe sich schier endlos fortsetzen. Allein dafür sollte er am Ende 60 Millionen Euro aufbringen. Parallel dazu geriet er in die Fänge eines Schweizer Anlagebetrügers, dem er zehn Millionen Euro überließ, weil der ihm eine 24-prozentige Rendite versprach. Das Geld verschwand in obskuren Fonds, die von der Schweizer Staatsanwaltschaft nun in Zürich, New Jersey und London gesucht werden. Ob er davon jemals wieder einen Cent sehen wird, ist mehr als fraglich.

Wie kann einem Unternehmer, der einst europaweit aktiv war, das passieren? Walz beteuert, er sei es gewohnt gewesen, seinen Geschäftspartnern zu vertrauen. Rückblickend müsse er allerdings erkennen, dass er „Halunken“ aufgesessen sei. Er zuckt mit den Schultern, und darin drückt sich die ganze Hilflosigkeit aus, die Unfähigkeit zu begreifen, wie blind er mit seinen Dollarzeichen in den Augen war. „Jetzt kann ich wenigstens keine Dummheiten mehr machen“, sagt er und erinnert mit seinem schuldbewussten Lächeln an ein Kind, das eine Vase vom Tisch gestoßen hat und verwundert auf den Scherbenhaufen guckt.

Alfons Walz ist seit März 2001 geschäftsunfähig. Ein Psychiater hat ihm „leichte kognitive Störungen“ attestiert, was auch mit den beiden Schlaganfällen im Jahr 2000 zusammenhängen kann. Seitdem hat er eine Betreuerin, die früher Vormund hieß. Es ist sein einziges Kind, seine Tochter Alexandra. Die 40-jährige Malerin hätte bis ans Lebensende unbesorgt an ihrer Münchner Staffelei stehen können, wäre ihr Vater kein Hasardeur gewesen. Erst vor drei Jahren hat sie, die vermeintliche Millionenerbin, erfahren, dass er heillos verschuldet war. „Der Babbe“, sagt sie, „hat nie den Eindruck gemacht, Hilfe zu brauchen.“ Allerdings: Jede Wohnung, die er ihr überschrieben hatte, wurde irgendwann weggepfändet. „Wenn du eine neue brauchst, kaufe ich sie dir“, hat er ihr gesagt, und so geschah es. Im Plan des Patriarchen war eine Pleite nicht vorgesehen. Ob sie sauer ist ob der versauten Perspektive? Manchmal ja, räumt sie ein und zieht den Kragen der Fleece-Jacke hoch. Im Hause Walz wird man den Eindruck nicht los, dass an der Heizung gespart wird.

Der Träumer

An der Wand hängt ein Bild von Che Guevara und eines von ihrer Erstkommunion: Alexandra im weißen Kleid mit weißer Kerze. Sie schaut hinauf, mit dem bewundernden Blick eines Mädchens, das einen großen Vater hat. Die Rollen haben sich verkehrt. Alfons Walz weiß, dass er jetzt auf seine Tochter hören muss. Zusammen mit dem Stuttgarter Anwalt Hans-Georg Grossmann versucht sie, sich durch den ganzen Irrsinn zu kämpfen. Sie forschen den Millionen nach, beruhigen Banken, vergleichen sich mit Gläubigern und fangen die Briefe ab, die fast nur Pfändungsbeschlüsse enthalten. „Der Babbe“, befürchtet Alexandra Walz, „würde das nicht überleben.“

Irgendwann, hofft sie, irgendwann muss das alles doch ein Ende finden. Für Alfons und Alexandra Walz wäre das die Erlösung. Sie könnten die Akte Wahnsinn schließen und wenigstens bei Null anfangen. Die Tochter muss nur aufpassen, dass der Vater nicht meint, als Unternehmer wieder etwas unternehmen zu müssen. Er träumt schon wieder von einem kleinen Versandhandel. Er liest schon wieder in einem Buch mit dem Titel: „Am Anfang stand die Idee – Strategien erfolgreicher Firmengründer“.

Seinen letzten Traum aber will seine Tochter ihm nicht nehmen. Noch einmal nach Bolivien fahren und mit der Waschpfanne im Rio Bipo stehen. Während sie ihm das zusagt, drückt sich der 83-Jährige aus seinem Sessel und zeigt, wie es geht: hin und her, bis das Gold vom Sand befreit ist. Und er strahlt wie ein Kind vor dem Weihnachtsbaum.

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