Zeitung Heute : Die aktuelle Frage

Der Tagesspiegel

Ein Mitarbeiter des Neuköllner Sozialamtes hat zwischen 1994 und 1999 gemeinsam mit einem Klienten 180 000 Euro veruntreut. Wie ist so etwas möglich?

Mit einem hohen Maß an krimineller Energie von beiden Seiten.

Hätten Kollegen des Sachbearbeiters dessen Buchungen nicht nach dem Vier-Augen-Prinzip gegenzeichnen müssen?

Der mutmaßliche Täter hat die Unterschlagung als fast perfektes Verbrechen organisiert. Er legte den kontrollierenden Kollegen falsche Fakten vor.

Aber der Sozialhilfeempfänger wird doch auch kontrolliert. Hat der zuständige Prüfdienst nichts gemerkt?

Der Prüfdienst wird auf Grund von Hinweisen des zuständigen Sachbearbeiters tätig. In diesem Fall gab es vom Sachbearbeiter logischerweise keinen Hinweis. Dann gibt es noch Revisoren, die Entscheidungen der Mitarbeiter stichprobenartig überprüfen. Es gibt aber nur zwei Revisoren für 25 000 Fälle, die von 200 Mitarbeitern bei den sozialen Diensten bearbeitet werden.

Können solche Betrugsfälle also weiterhin passieren? Ist der jetzt vor Gericht stehende womöglich nur die Spitze des Eisberges?

Ich bin überzeugt, dass es ein Einzelfall ist. Immerhin liegen zwischen diesem 1999 entdeckten und dem ähnlich gravierenden aktuellen Spandauer Fall, wo eine Mitarbeiterin 230 000 Euro in sechs Jahren abzweigte, drei Jahre. Ich betone: Meine Mitarbeiter sind leistungsorientiert und motiviert. Sie werden durch solche Fälle diskreditiert. Nachdem der Fall vor drei Jahren entdeckt wurde, hat meine Vorvorgängerin die Revisorentätigkeit intensiviert und noch einmal auf das Vier-Augen-Prinzip hingewiesen – unter den gegebenen personellen Möglichkeiten.

Und die sind alles andere als ideal.

Wir haben die schlechteste Personalausstattung aller Bezirke. Der Finanzsenator müsste uns Mittel zur Verfügung stellen, die eine Personalausstattung garantieren, die sich am Berliner Durchschnitt orientiert.

Das Gespräch führte Amory Burchard

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