Zeitung Heute : Die Alchemie des Cocktails

Sylvia Vogt

Aphrodite ist ein Geheimtipp im Kurvenstar. Aphrodite schmeckt allerdings nicht halb so lieblich, wie der Name glauben macht. Eher wie Hustensaft. Aber was tut man nicht alles, wenn man laut Prospekt ein „Elixier für besonders lustvolle Augenblicke, beliebt in tantrischen Liebesnächten“ vor sich hat. Moonwalk, der „das Leben durch Schweben erleichtern“ soll, schmeckt als Mojito dagegen ausgezeichnet.

Aphrodite, Moonwalk, Rou Gui: hinter diesen Namen verbergen sich die Space-Drinks der Firma „Sensatonics“. Gemein ist ihnen – außer den blumigen Namen – die pflanzliche Herkunft und eine außergewöhnliche Wirkung. Psychoaktiv sollen sie sein, also bewusstseinsverändernd. Das kann euphorisierend, beruhigend oder anregend sein.Vor allem Kreative, Künstler und Medienleute seien dafür aufgeschlossen, sagt der Keeper.

Hergestellt werden die Pflanzenliköre in einem Fabrikgebäude in Treptow. Hier drängeln sich Medienfirmen und Weiterbildungsinstitute auf den Etagen. Dazwischen ein merkwürdiger Kräuter-Geruch: „Willkommen in unserer Alchemisten-Küche“, begrüßt Jörg Happe, einer der Sensatonics-Leute, den Besuch. Säcke mit getrockneten Pflanzenteilen stehen in den Regalen und große Ballonflaschen, gefüllt mit bräunlichen Flüssigkeiten, den Liköransätzen. Im Labor allerlei Gerä tschaften, Mörser, Kräuterschleudern, Kocher. An der Wand hängt ein Mondkalender. „Wir versuchen, bei der Herstellung auf Mondphasen und Planetenkonstellationen zu achten“, erklärt Happe.

Es war die Techno-Szene, die Anfang der neunziger Jahre die magische Kraft der Pflanzen entdeckte. Vor allem Guarana, der koffeinhaltige Wachmacher, war plötzlich in aller Munde. Aus diesen Kreisen kommen auch die vier Sensatonics-Leiter. Auf Reisen begannen sie, herumzuexperimentieren. Seit 1993 mischen sie professionell.

Die Namen der verwendeten Pflanzen klingen so exotisch wie die Drinks: Bella Muira, Galanga, Catuaba. Es sind Pflanzen, die am Amazonas oder in Afrika traditionell bei Ritualen eingesetzt werden. Die Substanzen sind alle legal. Dennoch wählt Happe seine Worte mit Bedacht. Er vermeidet das Wort „Drogen“ und berichtet von den Vorschriften des Arzneimittelgesetzes. So darf beispielsweise nicht mit der Wirkung der Liköre geworben werden.

Lieber erzählt der 35-jährige Happe von seinen Expandierungsträumen. So kann er sich vorstellen, die Kräuterliköre in kultivierten Erotik-Läden an den Mann zu bringen und im Wellness- Bereich einzusteigen. „Unsere Elixiere lassen sich durchaus mit Thai-Ginseng vergleichen.“ Bisher kann man die Drinks vor allem im „Elixier“ in Prenzlauer Berg kaufen.

Happe und seine Mitstreiter verstehen sich als Alchemisten. Die Rezepte gehen teilweise auf Hildegard von Bingen und Paracelsus zurück. Happe selbst kann auf Erfahrungen als Schamane zurückblicken. „Wir wollen den Pflanzengeist ganzheitlich vermitteln und Erlebnismittel zur Verfügung stellen, die das Verständnis universeller Zusammenhänge erweitern können.“

Und wie wirken die Drinks? Die Rätsel des Universums konnten im Kurvenstar nicht gelöst werden. Dafür breitete sich auf den Minen der „ Versuchskaninchen“ ein zufriedenes Grinsen aus, und ein Gefühl der Leichtigkeit stellte sich ein. Ob es an Aphrodite lag?

Die Sensatonics-Drinks gibt es in mehreren Bars. Weitere Informationen im Internet unter www.sensatonics.de und www.elixier.de

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