Zeitung Heute : Die Alpaka-Connection

Der Modewettbewerb der Welthungerhilfe verbindet Peru mit dem Rest der Welt

Grit Thönnissen

Ein Stoff kann als Lackmustest dienen. Man muss nur dasselbe folkloristisch bunt gemusterte Material Modestudenten in Lima und in Deutschland geben, dann kann man erkennen, wie Kultur in den jeweiligen Ländern funktioniert.

Heute wird in Peru fast alles, was nach Folklore aussieht, für Touristen produziert. Die Studenten der Ceam, der einzigen Modeschule Perus, sagen zwar brav: „Toll, die traditionellen Stoffe, ganz toll.“ Doch sie bemühen sich sichtlich, den bunten Stoff – kombiniert mit pinkfarbenem Satin an möglichst kurvigen Kleidern – in der Gesamtoptik untergehen zu lassen. Die meisten wollen am liebsten so schnell wie möglich zu Dior nach Paris und Haute Couture machen.

Die meisten deutschen Studenten dagegen zerschneiden den Stoff, der bei uns vor allem an Musikgruppen in Fußgängerzonen erinnert, nähen ihn in neuen Mustern wieder zusammen, flechten ihn und zerlegen ihn in einzelne Fäden, abstrahieren und europäisieren.

Die Welthungerhilfe hat vor fünf Jahren den Wettbewerb „Weltgewänder“ ins Leben gerufen, weil es in den Ländern, in denen sie Projekte gegen Hunger und Armut durchführt, auch eine textile Kultur gibt, die man jeden Tag auf der Straße sehen kann. In Peru arbeiten zehn Studenten mit dem Stoff, in Deutschland beteiligen sich zehn Modeschulen mit jeweils zehn Studenten.

„Vor zehn Jahren waren wir Peruaner nicht sehr selbstbewusst und haben unsere Kunst nicht benutzt. Mode spielt bei der Identitätsfindung eine große Rolle“, sagt Carola de Castillo, Schulleiterin der Ceam. Dass sich ein Land entwickelt, kann man auch daran sehen, dass es sich seiner textilen Tradition wieder bewusst wird. Die reicht in Peru erstaunlich weit zurück: Es ist wie ein Einblick in eine andere Welt, wenn die Museumsmitarbeiterin in der bedeutendsten Sammlung peruanischer Stoffe Fundación Museo Amano die Schubladen aufzieht, in denen mehr als 1000 Jahre alte Stoffe lagern. So modern muten die gewagten Farbzusammenstellungen und geometrischen Muster an, dass man sich vorkommt wie ein Science-Fiction-Wissenschaftler, der über Materialen unbekannter Herkunft rätselt. es muss viele Jahre gedauert haben, bis so ein Stoff aus feinsten Wollfäden fertig gewebt war – nur, um in ein Grab gelegt zu werden.

Wichtigster Umschlagplatz für Produktion und Handel mit Textilien ist der Stoffmarkt Gamarra in Lima; dort arbeiten offiziell mehr als 15 000 Menschen. Straßenzugweise gibt es nur Nähmaschinen, Knöpfe, Garne, Stoffe. Aber Traditionelles wie den bunten Wollstoff für die großen Röcke, die die Frauen außerhalb der Städte im Hochgebirge der Anden tragen, sucht man hier vergebens. Auf der Rückseite des Marktes, wo das Gedränge noch ein wenig aggressiver ist, wo an kleinen Ständen getrocknete Papageien, eingelegte Schlangen und Reptilien aller Art angeboten werden, gibt es billige Varianten davon. Sie sind aus Polyester und Polyamid, ahmen die traditionellen Stoffe nur nach und leuchten statt beispielsweise in einem satten Fuchsia in giftigem Neonpink.

Wolle ist für die meisten Peruaner unerschwinglich. „Außerdem wollen die Frauen Kleider aus Polyester, die kann man besser waschen, sie sind leichter und halten länger“, sagt Gonzalo Pajares von der Organisation Cuencas, die sich in den nördlichen Anden um Bauernfamilien kümmert. Hier tragen alle Frauen diese Röcke, kombiniert mit zahlreichen Unterröcken aus karierter Baumwolle, dazu Kunstfaserblusen mit Lochstickereien und abgerundeten Kragen, auf dem Kopf große Hüte je nach Region aus Filz oder Stroh. In großen Tüchern transportieren sie Gemüse und Meerschweinchen zum Markt und manchmal auch ihre Neugeborenen zur 20 Kilometer entfernten Arztstation.

„Unser Präsident hat ein Freihandelsabkommen mit China unterzeichnet, jetzt können mehr Sachen exportiert, aber auch importiert werden. Deshalb müssen die Menschen von Gamarra ausgebildet werden“, sagt Carola de Castillo. Sie hofft, dass ihre Absolventen etwas dazu beitragen können: „90 Prozent von ihnen gehen in die Industrie, der Rest macht sich mit einem eigenen Label selbstständig.“ Bisher findet man selbst in jungen Läden fast nur Kleider mit der Aufschrift „Made in Peru“, die in Lima entworfen und produziert wurden. Das führt im Moment noch dazu, dass jeder Laden, der sich auf eine junge, urbane und etwas weniger konventionelle Zielgruppe ausrichtet, dieselben vier Marken anbietet – aber das soll sich ändern.

Im Partnerland des letzten „Weltgewänder“-Wettbewerbs, Mali, gibt es noch nicht einmal eine richtige Modeschule, geschweige denn eine Modeszene. Es gibt dort eigentlich nur eine Designerin, die es schafft, die Tradition von bedruckten Stoffen mit europäischen Schnitten zu vermischen und so für ein wenig Aufmerksamkeit außerhalb Afrikas zu sorgen.

Nach Peru dagegen kommen viele Touristen, die nicht mehr nur Mützen mit Ohrenklappen aus kratziger Wolle kaufen, sondern immer mehr hochwertige Ware aus Alpaka, der Wolle der gleichnamigen Lamaart. Die Zahl der Souvenirläden auf Boutiquenniveau ist in den vergangenen Jahren gerade in Lima sprunghaft gestiegen – hier werden Schals, Wolldecken und Pullover aus feinstem Babyalpaka angeboten.

In einer Alpakafabrik in einem staubigen Vorort von Lima kann man sich anschauen, wie das Material verarbeitet wird. Für heute sind keine Touristenbusse angemeldet. So muss in der Lagerhalle, die jetzt ein Museum ist, erst das Licht angeschaltet werden. Die Hilfskräfte huschen in ihre Ausstellungsnischen und fangen emsig an zu spinnen, weben und flechten, wenn die Schritte der Besucher näher kommen.

Auf einem Handwebstuhl ist eine als Inkaangehörige verkleidete Mitarbeiterin damit beschäftigt, ein kompliziertes traditionelles Inkamuster zu fabrizieren. Draußen kauen Alpakas in einem Unterstand Heubüschel und schauen die Besucher aus tellergroßen Augen an. „Alpaka ist sehr viel beliebter geworden. 90 Prozent exportieren wir nach Japan, in die USA und nach Europa. Mittlerweile steigt die Nachfrage am peruanischen Markt – auch wenn das meiste an Touristen verkauft wird“, sagt Verkaufsleiter Jorges Luis Vásquez.

Die Berliner UdK-Studentin Teresa Fagbohoun, die am Wettbewerb teilnimmt, kommt beim Anblick eines typisch peruanischen Musters auf folgende Gedanken: „Der künstliche und fast kitschige Stoff vermittelt ein plakatives Klischee von Peru – langhaarige Peruaner, die unter Begleitung von Panflötenmusik selbst geknüpfte Bänder verkaufen. Das wird diesem Land nicht gerecht und wirkt albern. Für mich enthält dieses Projekt viel Komik, Parodie und Dramatik. Dem entspricht die komische, narrenhafte und burleske Ästhetik meines Entwurfs“.

Unter den Peruanern hat nur eine Studentin versucht, die Folklore zu abstrahieren. Sandra Fernández del Rio, 21, nimmt in ihren Entwurf auf, was sie jeden Tag auf der Straße sieht. Den Stoff für den Rock aus geschichteten Volants hat sie selbst bedruckt, das Muster sind Menükarten, die von fliegenden Händlern verteilt werden. Die Jacke aus dem bewussten bunten Stoff hat am Rücken eine Wölbung, einen Buckel: „Ich sehe immer die Frauen, die ihre Kinder in Tüchern auf dem Rücken durch die Stadt tragen. Sie sind vom Land gekommen, um in Lima ein besseres Leben zu finden.“

Am 27. März zeigt die Welthungerhilfe die Entwürfe der Modestudenten auf einer Schau im Palais am Funkturm. 20 Uhr, Karten 25 €, 18 €, erm. 10€ unter www.ticket-online.de.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar