Zeitung Heute : Die alte Heimat feiern

Wie ein Neu-Berliner diese Stadt erleben kann

Till Hein

WAS MACHEN WIR HEUTE?

Foto: Mike Wolff

Das Fest findet hinter der Schweizerischen Botschaft im grünen Gras statt. Sicher als Reminiszenz an die Rütliwiese. Dort haben sich am 1. August 1291 die Schwyzer, die Unterwaldner und die Urner versammelt und beschlossen, von nun an zusammen zu halten. So ist die Schweiz entstanden.

Beim Armbrustschießen kann jeder sein Talent zum Wilhelm Tell unter Beweis stellen. Dann tritt Botschafter Baumann auf die Bühne, der neue Herr Borer. Böse Zungen behaupten, seine Kernkompetenz sei seine Unauffälligkeit. Dafür versuchen einige Damen den Stil von Borers Shawne zu kopieren.

Vielleicht haben die grotesken Hüte und Klamotten aber auch mit der Basler Fasnacht zu tun. Eine Art Karneval, bei dem wir im Februar Masken und Kostüme tragen. Meine Heimatstadt ist heute Abend nämlich Mitveranstalter der Fete: „Basel tickt anders“, lautet unser Marketing-Motto – das passt ja hervorragend zu „Mir geht’s Berlin!“.

Wo Basler sind, wird fasnachtlich getrommelt und geflötet. Und ein Marsch, den unsere Delegation zum Besten gibt, heißt „Nunnefürzli“, zu Deutsch: „Nonnen-Furz“. Wahrscheinlich ist das als sanfte Kritik an der Situation in der Botschaft zu verstehen: In der Villa riecht es nämlich streng, wenn auch nach Weihrauch. Der Ex-Botschafter Borer soll sich hier ja ziemlich ausgelebt haben, was man so in der Zeitung las. Aber deswegen gleich ein katholisches Kloster aus der Botschaft machen?

Mit dem Essen haben meine Basler Freunde den Vogel dann endgültig abgeschossen: tausende Cocktail-Tomaten und Mozzarella-Stückchen haben sie zu einem Schweizerkreuz aufgeschichtet. Dazu Raclette, Mehlsuppe und „Mistkratzerli“. Letztere sehe auch ich zum ersten Mal, nach über 25 Jahren Basel. Es handelt sich dabei um eine Art Broiler, habe ich mir erklären lassen.

Die „Leckerli-Rösti“ kennt noch überhaupt niemand: Sie wurde von Basler Spitzenköchen extra für diesen Abend „kreiert“. Basler Leckerli schmecken hervorragend: Ein Gebäck mit viel Zucker, Zimt, Ingwer und Anis. Aber ob diese Würzmischung zu geriebenen Kartoffeln passt? Läckerli-Rösti muss man mögen, ähnlich wie Streuselkuchen mit Spiegelei. Die Berliner futtern das Zeug weg wie die Scheunendrescher.

Inzwischen hat Bettina Schelker die Bühne betreten, eine Art Tracy Chapman aus Basel. Leider sind ihre neuen Songs auf Hochdeutsch. „Gefühle des Lebendigseins“ heißt einer. Klingt kompliziert. Wahrscheinlich hat sie den Text wörtlich aus dem Vietnamesischen übersetzt.

Schließlich dürfen wir uns noch 3-D-Brillen aufsetzen, und der Basler Wirtschaftsminister Ralph Lewin nimmt uns auf einen „virtuellen Stadtrundgang“ mit. Er erzählt von „Industrie-Clusters“ und projiziert unfassbare Bilder meiner Heimat an die Wand. Ich bin kein sehr guter Fotograf. Selbst die „Weiler Zeitung“ hat sich geweigert, meine Bilder ihren Lesern zuzumuten, als ich dort Praktikant war. Doch ich habe den Verdacht, dass Herr Lewin für den heutigen Abend meine alten Fotos ausgegraben hat.

Das Rezept der neuen Lieblingsrösti der Berliner und auch die grausigen 3-D-Bilder sind für alle unter www.basel.ch abgespeichert.

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