Zeitung Heute : Die alte Industriestadt Brandenburg neu beleben

Der Tagesspiegel

Der Präsident der Fachhochschule für Technik und Wirtschaft (FHTW) wird neuer Oberbürgermeister der Stadt Brandenburg. Am Wochenende gaben 51,15 Prozent der Havelstädter dem SPD-Kandidaten Helmut Schmidt ihre Stimme. Schon am 6. Mai wird der 58-jährige Ingenieur im altehrwürdigen Rathaus seinen neuen Job antreten. „Bis dahin muss ich mich vorbereiten", sagt er. Sein Amt als FHTW-Präsident ruht ab sofort. „Die neue Aufgabe erfordert eine klare Strategie für die Zukunft dieser Stadt."

Helmut Schmidt ist ein Stratege, der geruhsame Posten meidet. Unruhe bestimmte schon früh sein Leben: 1943 im Sudetenland geboren, floh die Familie zum Kriegsende ins Rheinland. 1963 machte er in Düsseldorf sein Abitur und begann ein Studium an der TU Berlin. Er wollte Nachrichtentechniker werden. Von 1970 an forschte er am Heinrich-Hertz-Institut in Charlottenburg, sein Spezialgebiet war die Fernmeldetechnik. 1976 verdingte er sich bei einer Elektronikfirma in Frankfurt am Main. Doch schon zwei Jahre später sah man ihn wieder in Berlin, als Dozent an der Fachhochschule der Deutschen Bundespost. Seit August 1989 durfte er sich Professor nennen, in dieser Zeit wurde er auch Rektor der Hochschule.

1992 riefen ihn die Brandenburger in die Havelstadt, er sollte dort eine neue Fachhochschule aufbauen. Sechs Jahre lang stellte er sein enormes Arbeitspensum in den Dienst dieser Aufgabe: Die Fachhochschule Brandenburg , die im April ihr zehnjähriges Bestehen feiert, bildet in Maschinenbau, Elektrotechnik und Betriebswirtschaft aus. Heute studieren dort 1800 junge Leute. Ohne diese Hochschule wäre der Exodus der Jungen vermutlich kaum aufzuhalten. Die DDR hatte in Brandenburg zwar ein Stahlwerk aus dem Boden gestampft, doch die alten Industrieareale sind längst verwaist. Nur das kleine Elektrostahlwerk beschäftigt noch ein paar Leute. Ein Maschinenhersteller fertigt am Stadtrand Teile für Druckmaschinen, ein mittelgroßer Zulieferer produziert Getriebe für Autos. Von 80 000 Einwohnern sind 8500 arbeitslos, die Quote erreicht 22 Prozent.

1998 bewarb sich Helmut Schmidt als Präsident der FHTW in Berlin-Karlshorst, die 8500 Studenten hat. Binnen vier Jahren brachte er weit reichende Veränderungen in Gang. Die Hochschule erhielt zahlreiche Auszeichnungen, beispielsweise als reformfreudigste deutsche Fachhochschule. In den nächsten Jahren soll die FHTW in Karlshorst und auf dem früheren AEG-Gelände in Oberschöneweide konzentriert werden. „Trotzdem blieb ich Brandenburg immer verbunden", erzählt Helmut Schmidt. „Ich bin in der kommunalen Jugendarbeit engagiert und leite dort nebenbei eine Stiftung."

Der neue Oberbürgermeister denkt langfristig und in großen Räumen: „Wir müssen uns als gemeinsame Region mit Potsdam und Berlin begreifen", sagt er. „Wir brauchen den Anschluss an den boomenden Speckgürtel um die Bundeshauptstadt. Ich hoffe, meine Berliner Kontakte mitnehmen zu können." Dabei setzt er ganz auf Bildung. Im vergangenen Jahr wurde die Stadt Brandenburg zur „Bildungsmodellstadt im Land Brandenburg" gekürt. Alle Träger von der Kita bis zur Seniorenweiterbildung sitzen an einem Tisch, um Konzepte für die Ausbildung oder Umschulungen zu entwickeln. „Warten wir die ersten hundert Tage meiner Amtszeit ab", meint er. „Dann werden wir sehen, ob es uns gelingt, das historische und touristische Potenzial der alten Industriestadt neu zu beleben." Heiko Schwarzburger

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben