Zeitung Heute : Die alten und die neuen Freunde

Veteranen, Monarchen, Regierungschefs - und zum ersten Mal ist auch ein deutscher Kanzler bei einem D-Day-Jubiläum dabei

Hans-Hagen Bremer[Caen]

Nur einer ist am 6.Juni 1944 auch selbst als Soldat mit der Waffe in der Hand an Land gegangen. Ein anderer war, als die Alliierten mit der Landung in der Normandie das Ende des Zweiten Weltkriegs einleiteten, gerade zwei Monate alt. Welten der Erfahrung liegen zwischen Großherzog Jean von Luxemburg, der als Offizier in den britischen Truppen kämpfte, und Bundeskanzler Gerhard Schröder, der den Krieg nicht mehr bewusst erlebt hat, aber seinen Vater verlor, Welten zwischen ihnen und den anderen der 22 Könige, Staats- und Regierungschefs der einst gegen Hitler-Deutschland verbündeten Nationen, die Frankreichs Präsident Jacques Chirac am Sonntag zu einem Mittagessen ins Rathaus von Caen bittet. Doch sie alle eint eins, der Wunsch, die Allianz der Freiheit zu bekräftigen, zu der nun auch Deutschland gehört. Die Herzlichkeit, mit der Schröder, der Neuankömmling – neben dem russischen Präsidenten Putin –, in diesem Kreis begrüßt wird, lässt keinen Zweifel daran.

Die Geschichte lastet schwer über diesem Tag, und der Ernst der Zeremonien, an denen die Staats-und Regierungschefs der USA, Großbritanniens, Kanadas, Belgiens, Norwegens, der Niederlande, Polens, Luxemburgs, Griechenlands, Tschechiens, der Slowakei, Neuseelands und Australiens in Anwesenheit tausender von Veteranen teilnehmen, ist den Gesichtern anzusehen. Viele der ehemaligen Soldaten kommen jedes Jahr in die Normandie, einige sind zum ersten Mal hier. Nathan Gronstein, ein US-Veteran, der in seinem Rollstuhl von einer Pflegerin betreut wird, stehen Tränen in den Augen, als er am amerikanischen Soldatenfriedhof in Colleville einen Platz an der Uferböschung erreicht, von dem aus er noch einmal einen Blick über den Strand wirft, den Omaha Beach, an dem er an dem Tag, der als der längste in die Geschichte einging, viele seiner Kameraden verlor.

In den Orten des 80 Kilometer langen Küstenabschnitts zwischen Ranville im Osten und Sainte-Mère-Eglise im Westen begannen die Feiern zur Erinnerung an diesen Opfergang schon am Samstag. Viele Veteranen mit ihren Angehörigen und noch mehr Schaulustige waren schon Tage vorher eingetroffen. Aus dem südenglischen Hafen Portsmouth hatte sich eine ganze Armada von Kriegsschiffen und Fähren Richtung Ouistreham an der Ornemündung in Bewegung gesetzt. Nahe der Pegasus-Brücke bei Benouville, die britische Fallschirmjäger in den ersten Stunden der Nacht des 6.Juni im Handstreich nahmen, weihte Prince Charles ein nachgebautes Modell der Horsa-Lastensegler ein, mit denen Soldaten und Jeeps in den Ornewiesen abgesetzt wurden. „Kommt mir viel größer vor als damals“, sagte Jim Wallwork, ein ehemaliger Sergeant, der damals als Erster mit seiner fliegenden Kiste gelandet war. Mehrere zehntausend Menschen schauten beim anschließenden Absprung von 400 britischen Fallschirmjägern zu, ähnlich viele waren in Saint-Mère-Eglise bei der Landung von 800 amerikanischen und französischen Fallschirmspringern dabei.

In den mit Fähnchen in den Farben der Alliierten geschmückten Orten herrscht Festtrubel. Vom üblichen D-Day-Kitsch bis zu nachgemachten Militaria haben Händler fast alles im Angebot. Selten haben so viele Lebende von so vielen Toten profitiert. Besonders gefragt sind SS-Artikel. Für einen Totenkopf-Helm werden 300 Euro verlangt. Der Tag endet mit Feuerwerken, die um Mitternacht in 25 Orten gleichzeitig gezündet werden.

Und der nächste beginnt mit einem Bild, das lange in Erinnerung bleiben wird. Ein einsamer Dudelsackbläser steht in den frühen Morgenstunden am Strand von Ouistreham. Lange steht er da, bis die Sonne den Dunst durchdringt. Der Nebel verzögert den Beginn der Zeremonien. Eine weitere Verspätung müssen die Teilnehmer der amerikanisch-französischen Gedenkfeier am Friedhof in Colleville hinnehmen, da US-Präsident George W. Bush zunächst noch für die Fernsehzuschauer zu Hause zum Tod von Ronald Reagan spricht. Auch Chirac würdigt den am Vorabend gestorbenen ehemaligen US-Präsidenten.

Für ihren gemeinsamen Auftritt auf dem Friedhof, auf dem das Andenken an 9387 gefallene und 1557 vermisste US-Soldaten bewahrt wird, hatten sich die beiden über den Irak-Krieg zerstrittenen Präsidenten versöhnliche Worte vorgenommen. Die „ewige Freundschaft“ zwischen Frankreich und den USA bekräftigt Chirac. Bush nennt Frankreich den „ersten Freund der USA“. Ohne den Irak zu erwähnen, lassen sie dennoch in Anspielungen politische Botschaften anklingen. „Der ruhmreiche Kampf der Männer, die wir heute ehren, ist eine Forderung für die Zukunft und eine Verpflichtung für die Gegenwart“, sagt Chirac. Im Namen jedes Franzosen dankt er den Söhnen der USA, die durch ihr Opfer „auch unsere Söhne geworden sind“. Auch Bush spricht bewegend: „Das Höchste ist, sein Leben für seine Freunde zu opfern. Amerika ehrt hier die Befreier, die für die nobelste Sache gefallen sind, und Amerika wird es wieder für seine Freunde tun.“ Stehend applaudieren ihm die Veteranen. „Das ging mir ans Herz“, sagt Bill Coleman, einer von ihnen, unter Tränen, „es ist genau das, was ich hören wollte.“

Die Meinungsverschiedenheiten zwischen den beiden Präsidenten über den Irak bestehen indes fort. Am Vorabend hatten Chirac und Bush nach einem Gespräch im Elysee-Palast zwar Fortschritte bei der Ausarbeitung einer UN-Resolution zur Übertragung der Souveränität an die irakische Regierung festgestellt. Doch Chirac zeigte sich weiter skeptisch. Man sei nicht aus den Schwierigkeiten heraus. Den Vergleich, den Bush zwischen der Landung in der Normandie und der Intervention im Irak anstellte, wies er zurück.

Gerade wegen dieser anhaltenden Differenzen kommen die Bilder von den D-Day-Zeremonien zur rechten Zeit. Laut Umfragen halten nur noch 55 Prozent der Franzosen die USA für ihren besten Verbündeten. Vor zehn Jahren waren es 65.

Die Umfrage ergab auch folgendes: Nach Ansicht von 82 Prozent der Franzosen sind die Deutschen heute die zuverlässigsten Alliierten. Niemand hat Einspruch erhoben in Frankreich und alle haben den Satz geschätzt, mit dem der Kanzler die Einladung zur D-Day-Feier annahm: „Der Sieg der Alliierten war kein Sieg über Deutschland, sondern ein Sieg für Deutschland.“

Am Sonntagnachmittag, bei der Zeremonie auf dem Felsenplateau über Arromanches, hat Schröder auf der Ehrentribüne in der zweiten Reihe seinen Platz neben dem britischen Premierminister Tony Blair gefunden, der Blick geht weit aufs Meer hinaus, wo unweit der Flugzeugträger Charles-de-Gaulle auszumachen ist. Stehend applaudieren die 7000 Gäste dem Aufmarsch der geladenen Veteranen, von denen Chirac je einem stellvertretend für seine Kameraden den Orden der Ehrenlegion an heftet. Noch einmal sagt Chirac, was für ihn dieser Tag bedeutet, er sagt, dass die Opfer damals für eine Welt der Toleranz gebracht wurden. Dies sei die Verpflichtung für uns Heutige. Auch Großbritannien und den „heroischen Soldaten“ der Roten Armee spricht er seinen Dank aus.

Zusammen mit Chirac tritt Schröder dann am Abend am Friedensmemorial in Caen, einer Gedenkstätte, die am Platz eines einstigen deutschen Kommandostabs entstand, vor Veteranen und Schüler aus beiden Ländern. „Die Franzosen empfangen Sie als Freund und als Bruder“, sagt Chirac in der Rede dort, Schröder antwortet ihm mit diesem Satz: „Wir leben heute in Frieden und Freiheit. Wir werden die Opfer nie vergessen.“

Und in Schröders Manuskript steht auch noch dies: „Mein Land hat den Weg zurück in den Kreis der zivilisierten Völkergemeinschaft gefunden. Wir setzen auf das Erbe der Aufklärung, auf Toleranz und auf die tröstliche Schönheit der europäischen Kultur.“ Danach sollte er mit Chirac noch eine Gedenktafel enthüllen und sich in das Goldene Buch der Stadt eintragen.

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