Zeitung Heute : Die Alternativen ohne Alternative

BERND ULRICH

Die Entscheidung, vor der die Grünen am Himmelfahrtstag stehen, ist klar: Entweder sie stimmen für das Ende des Nato-Bombardements.Dann zerbricht die Koalition, die Grünen hätten einen Teil ihrer pazifistischen Glaubwürdigkeit wiederhergestellt, aber allen realpolitischen Kredit für immer verloren.Denn wenn ihr erstes großes Rendezvous mit der Verantwortung scheitert - ein zweites werden sie nicht bekommen.Diese Option bedeutet nicht das Ende des Krieges, sondern nur das Ende der Partei.

Oder aber: Die Grünen fordern ihren Außenminister auf, sich in der Nato für eine befristete Feuerpause einzusetzen.Dieses Ansinnen wird dann Fischer bei Schröder vortragen, vielleicht sogar Schröder bei Solana und, wenn es ganz hoch kommt, Solana bei Clinton.Auch dann wird gar nichts geschehen.Und wenn doch, dann nicht wegen der Bielefelder Beschlüsse einer kleinen Partei aus Westdeutschland.Alles in allem hieße das vorerst: Der Krieg geht weiter, und mit den Grünen geht es auch weiter.

Da die Partei also allenfalls sich selbst, nicht aber den Krieg stoppen kann, müßte sie verrückt sein, wenn sie etwas täte, womit sie ihrem Außenminister in den Rücken fällt.Genau dies aber, daß die Grünen an sich selbst irre geworden sein könnten, läßt sich mit hundertprozentiger Sicherheit nicht ausschließen.Schon haben die innerparteilichen Kriegsgegner einen Gesang angestimmt, der geeignet sein könnte, einen aufgewühlten Parteitag noch einmal, ein letztes Mal, in grünem Illusionismus enden zu lassen: Sie wollen einen unbefristeten, einseitigen Waffenstillstand, aber trotzdem in der Regierung bleiben.Als ob die Grünen das zu entscheiden hätten! Wenn sie in Bielefeld die magische Grenze zwischen der Forderung nach einem "befristeten" und der nach einem "dauerhaften" Waffenstillstand überschreiten, wird nicht der Kreuzberger Christian Ströbele über den Verbleib der Grünen in der Regierung entscheiden, auch nicht Joschka Fischer, sondern ein Mann, der mit dieser Partei keinerlei Emotionen verbindet: Gerhard Schröder.

Die meisten grünen Antragsteller und Delegierten sind mittlerweile ausgiebig mit jenen politischen Wassern gewaschen, von denen man nicht sauber wird, sondern abgeklärt.Mit anderen Worten: Sie wissen das alles selbst.Wenn sich nun, in den Tagen vor Himmelfahrt, dennoch ein Raum für Irrationalität auftut, hängt das nicht allein mit der Schwere der Verantwortung zusammen.Angst macht den Grünen auch, daß ihnen die Überlebensgewißheit schon vor Kriegsbeginn abhanden gekommen war.Bei der verlorenen Hessen-Wahl sind der Partei in Scharen die jungen Leute weggelaufen.Den Grünen wurde erstmals in voller Härte klar, daß sie eine Generationenpartei sind und damit sterblich.Das grüne Urthema Ökologie läßt sich kaum mehr in den Vordergrund schieben.Vielleicht ist es sogar führenden Grünen nicht mehr gar so wichtig.Und nun sollen auch noch die letzten Reste des Pazifismus ad acta gelegt werden.In Zukunft können sie sich auch nicht mehr damit beruhigen, sie würden stellvertretend für die Gesellschaft eine Debatte führen.Was künftig zu diskutieren bleibt, sind Details, keine Grundsätze mehr.

Die Ökologie ist in der Defensive, der Pazifismus ist abgelegt, und die ewige Jugend ist vorbei.Die Grünen werden - wenn alles nach dem Fischer-Plan läuft - am Donnerstag abend endgültig so sein wie alle.Mit einem Unterschied: Sie sind es noch nicht so lange wie die im letzten Jahrhundert entstandenen Parteien.Sie wurzeln flach, es herrscht Gegenwind.Und mit noch einem Unterschied: Wenn die Grünen das einzig Vernünftige tun und Fischer folgen, dann haben sie sich vollends zum Vize-Kanzler-Wahlverein, nein, das wäre zu unpersönlich, zu einem Joschka-Fischer-Wahlverein gewandelt.Die Grünen werden ihre Identität in seiner Personalität, ihre Tradition in seiner Karriere auflösen.Das beunruhigt: Fischer bekommt immer wieder Beifall dafür, daß er nun endlich denkt und tut, was andere schon vorher dachten und taten.Ihn macht es stark, doch der Partei nimmt es ihren Denk- und Sprachraum.Sie verliert ihren Grund.

Normalerweise überdauern Parteien die Politiker.Bei den Grünen und Joschka Fischer wird das wohl anders sein.Selbst wenn sie in Bielefeld das Unabweisbare tun, wird man sagen müssen: Operation gelungen, Patient stirbt weiter.

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