Zeitung Heute : Die Ameisen kommen

Der Tagesspiegel

Von Bas Kast

Eine Kolonie dieser immensen Größe wurde noch nie beobachtet. Sie beginnt in der Gegend von Genua und reicht von dort bis zur französischen Riviera, nach Nizza und Marseille. Von hier geht’s weiter nach Spanien: Barcelona, die Küste runter nach Valencia bis hin zu Gibraltar. Dann weiter über die Atlantikküste hoch nach Lissabon – um schließlich im nordwestlichen Zipfel Spaniens ihr vorläufiges Ende zu finden.

Der Spruch, dass es die Touristen in diese hübsche Küstengegend zieht wie die Ameisen, ist mehr als ein Gleichniss – er könnte die Realität nicht besser treffen. Denn die Kolonie, von der hier die Rede ist, besteht aus einer Spezies, die man als „Linepithema humile“ bezeichnet, zu Deutsch: Die Argentinische Ameise. Über eine Strecke von 6000 Kilometern bevölkern Milliarden von Ameisen die Küste. Das Verblüffende und gleichzeitig Gespenstische ist: Alle diese Ameisen gehören offenbar zur gleichen Gruppe.

Wie ist das möglich? Man vermutet, dass alles um das Jahr 1920 begann, als eine kleine Kolonie Argentinischer Ameisen hier den Kontinent erreichte, und zwar über Pflanzenimporte aus Südamerika. Aber wie kam es, anschließend, zu diesem beispiellosen Feldzug?

Ein Team von Wissenschaftlern aus der Schweiz, Frankreich und Dänemark glaubt, das Rätsel der argentinischen Superkolonie jetzt gelüftet zu haben. Ihre Ergebnisse sind im Fachblatt „Proceedings of the National Academy of Sciences“ veröffentlicht. Die Lösung lautet: Kooperation statt Krieg.

Um herauszufinden, wie eine Argentinische Ameise tickt, schnappten sie sich an 33 verschiedenen Küstenstellen eine Gruppe von jeweils 5000 Arbeitern. Dann begannen sie mit einer Reihe von Tests.

Test 1: Die Aggression. Warum, fragten sich die Wissenschaftler, bekämpfen sich die Ameisen der Superkolonie nicht gegenseitig und bilden, wie es üblich ist, eigene Kolonien? Um herauszufinden, wie ausgeprägt das Aggressionsverhalten der Superkolonie-Ameisen tatsächlich ist, setzten sie jeweils eine Ameise von einer der 33 Regionen mit einer anderen in eine 5,5 Zentimeter kleine Kampfarena. Das Resultat: Keine der Ameisen kämpfte mit der anderen – es sei denn, einer der Ameisen stammte aus der Gegend von Katalanien. Dann wurde gekämpft bis zum bitteren Ende, „in 98 Prozent der Fälle bis zum Tod“, wie die Forscher berichten.

So entdeckte das Wissenschaftlerteam, dass die Superkolonie in Wahrheit aus zwei Kolonien besteht: einer, die ihren Hauptstützpunkt in Katalanien hat – und einer anderen, die den Rest der Küste erobert hat.

Test 2: Die Gene. Für noch größere Verblüffung sorgte die Analyse der Ameisengene. Die naheliegendste Erklärung für das Auftreten zweier Kolonien wäre, dass von den Ameisen-Importen aus Südamerika letztlich zwei Kolonien überlebt haben. Die Ameisen einer Kolonie müssten dann genetisch sehr ähnlich sein – was auch der Grund dafür wäre, sich nicht untereinander zu bekämpfen, dafür aber um so mehr die Mitglieder der anderen Kolonie. Es ist, wie wenn zwei Familien ausgewandert wären und sich anschließend untereinander vermehrt hätten.

Erstaunlicherweise aber waren die genetischen Unterschiede zwischen den Ameisen relativ groß – und zwar zwischen allen Ameisen, die aus unterschiedlichen Regionen kamen, egal, zu welcher der beiden Superkolonien sie gehörten. „Das Ausmaß der Aggression wurde davon bestimmt, ob die Ameisen von der selben Superkolonie stammten, und nicht von den genetischen Unterschieden“, berichten die Forscher.

Diese biologische Kuriosität können sich die Wissenschaftler nur so erklären: Die Ameisen einer Superkolonie haben die Fähigkeit verloren, sich als fremd zu erkennen. „Das machte es möglich, auf dichtem Raum zusammenzuarbeiten“, sagt auch Jürgen Heinze, Ameisenforscher an der Universität Erlangen. Somit ist es eine Art Defekt, der den Krieg zwischen den Ameisen vermeidet – auch wenn keiner weiß, wie der Mechanismus genau funktioniert. „Ameisen erkennen sich am Geruch – vielleicht riechen die Ameisen einer Kolonie gleich, vielleicht erkennen sie die unterschiedlichen Gerüche auch nicht mehr“, sagt Heinze.

So kooperativ die Ameisen einer Kolonie sind, so aggressiv sind sie nicht nur gegenüber den Mitgliedern einer anderen Kolonie – die sie offenbar schon noch als fremd erkennen können –, sondern auch gegenüber dem Rest der sie umgebenden Biologie: Die Argentinische Ameise zerstört nicht nur alle anderen Ameisenarten, die ihr über den Weg laufen, sondern auch Früchte, Knospen und indirekt Pflanzen (indem die Ameise zum Bodyguard von Blattläusen wird).

„Zum Glück befinden sich die Alpen zwischen uns und der Superkolonie im Süden“, sagt Experte Heinze. Allerdings hat man nun auch in nördlicheren Gegenden eine besonders aggressive Ameise gefunden. Ihr Name: „Lasius neglectus“. Noch hat der Volksmund keine Bezeichnung für die Ameise gefunden, auch wenn man in Budapest, Warschau und Jena schon Kolonien von ihr entdeckt hat. Heinze: „Sie ist auf dem Vormarsch.“

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