Zeitung Heute : „Die Amerikaner dürfen sich das nicht bieten lassen“

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Amerikanische Truppen haben die Rebellenhochburg Nadschaf in einer Großoffensive angegriffen . Herr Perthes, was ändert sich zurzeit im Irak?

Herr Perthes, ist das, was wir jetzt im Irak erleben, der Beginn eines Krieges nach dem Krieg?

Nein, das ist kein neuer Krieg. Wir sehen hier, dass sich etwas wiederholt, was wir vor wenigen Monaten schon einmal erlebt haben, nämlich eine Aufstandsbewegung der schiitischen Bevölkerung, angeführt von dem Prediger Muktada al Sadr und seiner MahdiMiliz. Diese scheint nicht koordiniert zu sein mit anderen Aufständen im Land. Es handelt sich um eine Initiative von al Sadr, die zwei Ebenen hat. Die eine ist der Kampf gegen die Besatzungstruppen. Die zweite ist die massiv vorgetragene Forderung nach politischer Anerkennung, der Versuch zu demonstrieren, dass er und seine Miliz eine Kraft sind, an der man bei der zukünftigen Machtaufteilung im Irak nicht vorbei kann.

Täuscht der Eindruck, dass das aktuelle Vorgehen der US-Truppen nochmal eine andere Qualität hat als in den vergangenen Wochen und Monaten?

Das ist schon so. Die Amerikaner dürfen, aus ihrer militärischen Logik heraus, sich ein solches Vorgehen nicht bieten lassen. Wenn sich Aufstände dieser Art alle zwei Monate wiederholen würden, von den gleichen Leuten, an den gleichen Orten, würde das beweisen, dass auch die Amerikaner sich nicht durchsetzen können gegen eine letztlich lokal oder regional begrenzte Miliz. Das ist also eine Frage der Glaubwürdigkeit.

Ist das Vorgehen der US-Truppen ohne Alternative?

Für die militärische Besatzungsmacht scheint das so zu sein. Die Frage ist aber jetzt, welche politischen Alternativen es für die irakische Übergangsregierung gibt. Neben der militärischen Auseinandersetzung, die in erster Linie von den Amerikanern geführt wird, gibt es da interessanterweise reichlich politische Kontakte und Verhandlungen. Mit dem Ergebnis, dass, anders als andere Gruppen des nationalistischen Aufstands, al Sadr den Vertretern der Interimsregierung nicht jegliche Legitimation abspricht, sondern sie sogar um Vermittlung bittet.

Nun wirft die Interimsregierung ihrerseits al Sadr aber vor, den Machtkampf zu proben. Drohen dem Irak afghanische Verhältnisse?

Ein Vergleich mit der Situation in Afghanistan ginge sicherlich zu weit, wo die Autorität der Regierung Karsai kaum über die Grenzen der Hauptstadt Kabul hinausreicht. Aber richtig ist, dass es dem irakischen Regierungschef Allawi gelingen muss, die von Widerstand leistenden Sunniten kontrollierte Stadt Falludscha nicht zum Exempel für andere Städte und Regionen werden zu lassen.

Al Sadr hat sich in der heiligen Stadt Nadschaf verschanzt. Zwingt das die US-Truppen zu besonderer Vorsicht?

Die USA müssen darauf achten, nicht die schiitische Bevölkerung im ganzen Irak gegen sich aufzubringen. Den Aufständischen, die die USA als Feind des Islam zeigen wollen, kann kein Bild gelegener kommen als das von US-Soldatenstiefeln, die über heilige Stätten trampeln.

Anfang der Woche hatte al Sadr angekündigt, bis zum letzten Blutstropfen kämpfen zu wollen, gestern bat er die UN um Vermittlung – ein Zeichen der Schwäche?

Taktik gehört zur Kriegsführung. Zur Taktik gehören widersprüchliche Botschaften, die sich an ein unterschiedliches Publikum wenden – Durchhalteparolen an die eigenen Leute, und Verhandlungsangebote an die Gegner. Für al Sadr ist, da der Kampf militärisch nicht zu gewinnen ist, kaum ein größerer Sieg denkbar, als wenn er bei Vermittlungsverhandlungen der UN tatsächlich auf Augenhöhe dabei sein könnte.

Was kann, was müsste mit al Sadr geschehen, sollte man seiner vorher im Zuge der Kampfhandlungen habhaft werden?

Er hat derzeit eine zu große und zu hoch mobilisierte Anhängerschaft als dass es möglich wäre, ihn wegzusperren und gar abzuurteilen. Die irakische Regierung redet deshalb auch nicht davon.

Volker Perthes ist Irakexperte der Stiftung Wissenschaft und Politik.

Das Gespräch führte Michael Schmidt.

Seiten 1, 5 und Meinungsseite

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