Zeitung Heute : Die andere Antwort

Der Tagesspiegel

Es ist der inzwischen übliche Empfang in Nahost: Ein amerikanischer Gesandter, in diesem Fall gar Außenminister Colin Powell selbst, kommt in die Region, um einen Waffenstillstand zu verhandeln. Und wird mit Selbstmordanschlägen begrüßt. Die Palästinenser sind empört, die Welt ist besorgt darüber, dass die Amerikaner Israel kein Ultimatum gesetzt haben zur Beendigung ihrer blutigen Terroristenhatz in der Westbank. Aber es sind gerade diese Art von Selbstmordanschlägen auf israelische Zivilisten, die die Amerikaner in ihrer Überzeugung bestärken: dass Israel dasselbe Recht hat wie die USA, sich gegen Terroristen zur Wehr zu setzen. Und, wenn die Autonomiebehörde das nicht tut, auch auf deren Territorium. Nach den Pessach-Anschlägen und den darauf folgenden hohen Zustimmungswerten in der israelischen Bevölkerung für seine Militäraktion fühlt sich Scharon stark genug, dem großen Bruder noch ein wenig die Stirn zu bieten. Er habe keinen Zeitplan für einen Rückzug erhalten, sagte Powell nach dem Treffen mit Scharon. Er wird in den nächsten Tagen zwischen dem israelischen Premier und Arafat hin- und her pendeln und versuchen, eine Beruhigung der Situation zu erreichen. Nachdem er sich bei seiner letzten Nahostreise von Scharon hat übertölpeln lassen und es ihm überließ, die im Tenet-Plan vorgesehene siebentägige Waffenruhe selbst festzustellen, hat Powell jetzt einen Ruf zu verlieren auf arabischer Seite. Will er nicht als zahnloser Vermittler erscheinen, muss Powell Scharon in den nächsten Tagen einen konkreten Rückzugsplan abfordern und darauf beharren, dass die Antwort auf den Terror auch eine politische sein muss. Ansonsten braucht er in die anderen arabischen Staaten gar nicht erst zu reisen. clw

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