Zeitung Heute : Die andere Wahrnehmung

In seiner Berliner Rede hat sich Horst Köhler zur Globalisierung geäußert. Wie werden seine Worte wirken?

Axel Vornbäumen

Knappe zehn Minuten spricht Horst Köhler an diesem Montag – soll man sagen: erst? – da wird mal wieder klar, dass die Welt, wie sie Horst Köhler sieht, so schnell nicht zu der Sichtweise passen wird, die sonst üblich ist im politisch-publizistischen Berliner Komplex. Der Präsident ist angekommen bei jener Passage seiner „Berliner Rede“, in der es um die allgemeine Wahrnehmung dessen geht, was Globalisierung genannt wird. Von Ängsten und Nöten wäre üblicherweise erst mal die Rede, von Ausbeutung und sich verschlechternden Arbeitsbedingungen. Doch Köhlers Bilanz ist eine andere: Der Präsident hat nun die sinkende Kindersterblichkeit in den Entwicklungsländern vor Augen, er führt die halbe Milliarde Chinesen an, die sich in den vergangenen Jahren aus „krasser Armut“ herausgearbeitet habe, spricht über zurückgehende Kinderarbeit weltweit. Tolle Erfolge!

Horst Köhler freut sich an solchen Dingen, ja, man kann sagen: In diesen Momenten freut er sich an der Welt. Das tut er gelegentlich. Es ist der Blick des anderen. Von Amts wegen sieht das in Berlin allenfalls noch HWZ so, Heidemarie Wieczorek-Zeul. Von Amts wegen, wie gesagt. Sie ist Entwicklungshilfeministerin. Köhler müsste die Welt nicht so sehen.

Es ist nicht ganz klar, ob der politisierte Teil der Republik in den vergangenen Tagen tatsächlich den Atem angehalten hat, was da nun wohl wieder aus dem Munde des Präsidenten kommen mag, angesichts der Melange aus sattsam bekanntem Köhler’schen Eigensinn und ambitionierter Themenstellung – „Das Streben der Menschen nach Glück verändert die Welt“, ist der Titel der Rede. Ein Hamburger Nachrichtenmagazin will Unruhe wahrgenommen haben. Gesichert ist indes die Frage von Brigitte Zypries in der Kabinettssitzung vom vergangenen Mittwoch. Die Bundesjustizministerin wollte von den Kollegen wissen, wer denn eigentlich am Montag beim Bundespräsidenten vorbeischaue. Die Reaktion waren verständnislose Blicke. Was macht der denn schon wieder, hieß es.

Gekommen ist aus dem engeren Kabinettskreis nur Annette Schavan, wahrscheinlich auf die Schnelle zwangsverpflichtet; und FDP-Chef Guido Westerwelle ist da, in dessen Wohnzimmer Köhler sozusagen vorinthronisiert wurde. Dabei ist die „Berliner Rede“ im politischen Kalender eigentlich bedeutungsschwer verankert, seit Roman Herzog vor zehn Jahren den Ruck anmahnte, der durch Deutschland gehen müsse. Seitdem hat, wenn man ganz, ganz ehrlich ist, das gesprochene Wort allerdings selten für längeren Nachhall gesorgt. Johannes Rau hat sich mal für eine verbesserte Ausländerintegration starkgemacht, Köhler im vergangenen Jahr in einer Neuköllner Schule für gleiche Bildungschancen. Denkanstöße aus berufenen Mündern waren das, nicht mehr, aber auch nicht weniger. Die Welt ist nicht mehr so, als dass sie sich an einer einzigen Rede orientieren müsste.

An diesem Montag also, hineingestellt ins „Radialsystem V“, ein ehemaliges Pumpwerk, dessen schlichtes Ambiente erst gar nicht vom gesprochenen Wort ablenkt, präsentiert der Präsident sein Weltbild. Es ist ein hoffnungsfrohes, ja ermunterndes – und am Ende wird Horst Köhler fast ein wenig pastoral in seinen gesammelten Ermahnungen, „das Unbezahlbare“ zu pflegen, die Familie, die Freundschaften, die gute Nachbarschaft.

Bis es indes so weit ist, hat der Bundespräsident einiges an, früher hätte man gesagt: Hausaufgaben zu verteilen. Europa, die westliche Welt überhaupt, kommt nicht so gut weg bei Köhler, ja, dort ist nach Ansicht des Präsidenten jene „Rücksichtslosigkeit des Stärkeren“ beheimatet, die zur „hässlichen Seite der Globalisierung“ überhaupt erst geführt habe. „Das Zeitalter der Einseitigkeit ist vorbei“, sagt Köhler; er meint damit, dass schon bald keine Regierung dauerhaft das Wohl ihres Volkes wird mehren können, ohne Rücksicht auf die anderen zu nehmen. Wer will, kann das als Mahnung verstehen. Weghören geht aber auch.

Weghören geht indes nicht, wenn der Präsident anmahnt, dass die innenpolitische Debatte künftig viel stärker um die Wechselwirkungen von innen und außen kreisen müsste. Es ist die Stelle, die der politische Komplex in Berlin in den nächsten Tagen mutmaßlich am ehesten als Einmischung in innere Angelegenheiten begreifen wird, Tagespolitik halt. Köhler hat, zur besseren Einordnung, gleich derer vier Botschaften mitgebracht: 1. Der Aufstieg der einen darf nicht der Abstieg der anderen sein. 2. Arbeitnehmer sollten stärker als bisher an den Erträgen und am Kapital der Unternehmen beteiligt werden. 3. Wer unverschuldet in Not gerät, soll sich auch künftig auf das soziale Netz verlassen können. 4. Es müssen endlich alle wirklich gleiche Zugangschancen zu guter Bildung, wirtschaftlichem Erfolg und sozialem Aufstieg haben.

Bei manchen Gedanken – siehe 4. – kann es nicht schaden, sie auf Wiedervorlage zu legen. Warum sollte das für eine „Berliner Rede“ nicht auch gelten?

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