Zeitung Heute : Die angesehene Frau

Sie galt als kalt. Aber als Regierungschefin ist sie beliebt. Angela Merkel hat in den letzten hundert Tagen ihr zweites Gesicht gezeigt

Tissy Bruns

Angela Merkel wusste es schon im letzten Sommer, vor der Wahl, was sie als Kanzlerin erwartet: Sie werden größer, „die Anforderungen an die Freundlichkeit und Zuwendung zu den Menschen“, hat sie damals gesagt. Da war sie Kanzlerkandidatin. Man muss ihren Wahlkampf nicht gleich als „eiskalte Polarexpedition“ bezeichnen, wie der ehemalige Stoiber-Berater Michael Spreng. Aber dass irgendetwas mit den Temperaturen nicht stimmte, mit der Wärme, die von der CDU und ihrer spröden Spitzenfrau ausging, das wissen heute alle Beobachter, das flüstern alle in der Union, auch ohne gründliche Analyse der Bundestagswahl.

Nach hundert Tagen großer Koalition ist Angela Merkel die beliebteste Politikerin in Deutschland. Kein Kanzler vor ihr hatte einen derart kometenhaften Start. Die Deutschen mögen, sie schätzen und bewundern ihre erste Bundeskanzlerin. Merkels Popularitätskurve ist mit 80- Prozent-Traumnoten der deutlichste Indikator für die bisher größte Leistung der großen Koalition: Im Land der schlechten Laune hat sich die Stimmung aufgehellt. Wir haben eine Bundeskanzlerin, die uns gefällt.

Das ist nun wirklich ein schönes politisches Rätsel. Die erste Frau, die es geschafft hat, geht ja nicht Hände schütteln auf Straßen und Plätzen und stürzt sich auch nicht ins mediale Getümmel. Nirgendwo kann man derzeit beobachten, wie sie sich zuwendet oder freundlich ist zu den Menschen. Ja, eigentlich können nicht einmal professionelle Beobachter aus dem Stand heraus sagen, wo sie gerade steckt, die Bundeskanzlerin. Und die Bürger wissen ohnehin nicht, was Angela Merkel macht, wenn sie nicht gerade in Brüssel oder London auftritt. Oder in Paris, Warschau, Washington, Moskau.

Auf Rügen, da hat man sie kürzlich gesehen, auch abends in den Nachrichten. Als es um die Vogelgrippe ging, mit zerzausten Haaren, im grünen Parka – eine schwache Erinnerung kam auf, an einen Herrn Schröder, der in Gummistiefeln und ähnlicher Jacke die Elbeflut besichtigte.

Die Bundeskanzlerin arbeitet. Am letzten Freitag war Merkel zum Beispiel in Halle, um mit den ostdeutschen Ministerpräsidenten zu verhandeln, über sperrige Fragen wie die, ob die Finanzströme in den Osten dort zweckentfremdet verwendet werden. Am Donnerstag ist sie, was bisher selten vorkommt, ins Land gereist und hat in Rheinland-Pfalz einen Betrieb besucht. Dort wird demnächst gewählt. Am Mittwoch war Kabinettssitzung, es ging um den Bundeshaushalt und die „größte Steuererhöhung in unserer Geschichte“, wie die „Bild“-Zeitung unfreundlich über die Mehrwertsteuererhöhung schreibt. Merkels letzter Großauftritt in Berlin hat nach der Koalitionsklausur in Genshagen stattgefunden, Anfang Januar, für das Tempo im Regierungsviertel ist das lange her.

Die Zeit der „roten Teppiche“ ist vorbei, sagen ihre Bündnispartner von der SPD, die sich innenpolitisch viel mehr in die Galeere legen und viel weniger davon haben. Sie haben erkennbar ihre Not damit, das Erfolgserlebnis der ersten hundert Tage zu verarbeiten. Es hat nämlich so etwas wie eine psychologische Wende in der Koalition gegeben, und im öffentlichen wie im sozialdemokratischen Bewusstsein läuft sie darauf hinaus, dass die SPD von dem Unternehmen weniger hat als die Union, und SPD-Chef Matthias Platzeck entschieden viel weniger als die strahlende Kanzlerin.

Es war eine launige Veranstaltung, am vergangenen Mittwoch, als die Fraktionsspitzen von Union und SPD ihre erste Bilanz präsentierten. Seit Genshagen duzen sich die Herren öffentlich, Volker Kauder, CDU, Peter Struck, SPD und Peter Ramsauer, CSU. Es scheint fast, als suche Kauder die neue Männerfreundschaft zu Struck noch mehr als der die zu Kauder.

Struck jedenfalls trägt routiniert vor, was sich gehört. Dass nämlich eine 70-Prozent-Mehrheit für die Regierung im Parlament die Ausnahme bleiben muss – um von dieser staatsbürgerlich korrekten Einordnung das große Lob der großen Koalition fortzusetzen. Allgemeines und gegenseitiges Schulterklopfen, von Struck für die Kanzlerin und, vice versa, von Kauder für Müntefering, den Vizekanzler. Doch als ein Journalist von Struck wissen will, ob SPD-Chef Platzeck nicht ins Kabinett gehöre, antwortet der ziemlich knapp: „Das müssen Sie ihn selber fragen.“ Ausgerechnet Ramsauer, der CSU-Landesgruppenchef, überbrückt den Moment mit einem Witz auf eigene Kosten: „Vielleicht, wenn der Stoiber auch zurückkommt …“

Man kann die kleine Szene so zusammenfassen: Die Probleme der Union mit der großen Koalition liegen in der Vergangenheit, die der SPD in der Zukunft.

Merkels „rote Teppiche“ und die ersten hundert Tage haben die innerkoalitionäre Verfassung gewissermaßen vom Kopf auf die Füße gestellt. Angela Merkel, CDU, CSU und SPD sind in der Kanzlerdemokratie angekommen und damit in einem Normalzustand, der sich vom Anlauf auf dieses Regierungsbündnis vollkommen unterscheidet. Verstört war nach den Wahlen am 18. September die Union, die alle Erwartungen enttäuscht sah, um das Kanzleramt feilschen und zentrale Programmpunkte bereits vor Verhandlungsbeginn opfern musste. Die SPD, die von verlorenem Posten gekämpft hatte, fand sich mit annähernd gleichem Gewicht wieder in der Regierung, verhandelte acht Ministerposten heraus und eine Koalitionsvereinbarung, die Gerhard Schröders Positionen näher steht als Angela Merkels Wahlkampfprofil der entschiedenen Reformerin, die „durchregieren“ wollte mit der FDP und „Politik aus einem Guss“ angekündigt hatte. Jetzt sind die „vielen kleinen Schritte“ angesagt.

Darum gibt es ein zweites und weniger schönes Rätsel um die Bundeskanzlerin. Sie war kaum gewählt – und die Attribute standen fest: Die Politikerin Merkel, die lange als zu weich und unprofiliert, dann als zu reformradikal kritisiert wurde, gilt von nun an als pragmatisch und unideologisch. Sie ist es auch, wie ihr Weg von der christdemokratischen Radikalreformerin zur Chefin einer großen Koalition beweist. Pragmatisch und unideologisch sind Worte mit gutem Klang. In der Politik entscheiden indes nur Zufall, Zeit oder schlechte Wahlergebnisse darüber, ob substanziell Gleiches positiv oder negativ eingeordnet wird. Dann gilt als opportunistisch oder grundsatzlos, wer vorher noch pragmatisch nach Lösungen gesucht hat. Die zweite Rätselfrage lautet: Welche ist denn die wirkliche Merkel?

Es gab die eine, die ihre Partei und die CSU zweimal mit kräftiger Hand nach vorn getrieben hat. 1999 zur Emanzipation von Helmut Kohl, zu der sie öffentlich und ganz auf eigene Rechnung aufgerufen hat. Das führte sie zum CDU-Vorsitz und zu einem kurzen Leben als Lichtgestalt der öffentlichen Meinung; der Absturz in den Medien erfolgte schnell und gnadenlos. Vor der letzten Bundestagswahl brachte sie sich mit der „Kopfpauschale“ bei der Gesundheit in Stellung und mit einem Wahlprogramm, das viele Christdemokraten wegen neoliberaler Kälte schaudern ließ. Die CSU erst recht.

Zur scharfen Kontur passte eine machtbewusste Merkel, die ohne Rücksicht auf die Befindlichkeit der eigenen Leute im Bündnis mit Guido Westerwelle den Bundespräsidenten Horst Köhler durchgesetzt hat. Und den Professor aus Heidelberg – Kirchhof, Flat-Tax – in den Wahlkampf holte. An deren Wegesrand mancher Parteifreund zurückblieb, der zu spät gemerkt hat, wie entschlossen und kalt sich diese Frau durchsetzen kann.

Bei der Rätselfrage nach der wirklichen Merkel haben ihre neuen Bündnispartner, die aus der SPD, die geringeren Schwierigkeiten. Das 34-Prozent-Ergebnis der SPD wäre ohne die Steilvorlagen von Merkels Wahlkampf kaum zustande gekommen, die sich in einfache Wahrheiten (Merkel, die personifizierte soziale Kälte) und Sätze („Sie kann es nicht“) verdichten ließen. Franz Müntefering, der Wahlkämpfer, hat damals ein männlich-gefühlvolles Bild gefunden, um die kühl berechnende Naturwissenschaftlerin zu charakterisieren. Die könne exakt die Flugbahn des Balles berechnen: „Aber sie weiß nicht, wo der Ball ist“. Den bekanntlich Gerhard Schröder wie kein anderer mit Wumms zu treten weiß.

Müntefering, der Vizekanzler, weiß das noch und leugnet nicht. Er lehnt sich zurück, blickt nach oben, stößt den Rauch des Zigarillos aus, lächelt mit einem Mundwinkel und sagt ganz ruhig: „Sie ist sehr klug.“ Er und andere Sozialdemokraten haben nichts dagegen, dass mittlerweile auch öffentlich die Runde macht, dass der Kernsatz der Wahlkämpfer überholt ist. Nun heißt es: „Sie kann es doch.“ Die alt gedienten SPD-Ministerinnen, die schon an Schröders Kabinettstisch saßen, haben unlängst der „Süddeutschen Zeitung“ ausführlich zu Protokoll gegeben, wie ernst sie sich genommen fühlen. Neuerdings, von der Regierungschefin Merkel. Anders als am Alphatier-Tisch von Gerhard Schröder und Joschka Fischer.

Dass Merkel nicht nur klug ist (ein Markenzeichen, dass ihr die Deutschen schon immer zugeschrieben haben), sondern überdies wie sonst niemand den Überblick über alle Themen hat, wie sie mit allen redet und jeden einbezieht – das alles muss man der sozialdemokratischen Abteilung nicht mühsam entlocken. Kanzlerin und Vizekanzler sind über gesprochene Worte und SMS-Texte im Dauerdialog. Müntefering und Merkel, das Groko-Team. Manche Bilder zeigen es so nett, dass Fraktionschef Peter Struck sich im fernen Rheinland-Pfalz von einem alten Genossen die Klage anhören musste, nun sei es aber genug mit der gegenseitigen Anstrahlerei.

Diese Merkel, die Kanzlerin, liefert das perfekte Gegenbild zu der Parteivorsitzenden Angela Merkel, die von ihren eigenen Leuten als misstrauisch und abgekapselt, nach den Rückzügen von Friedrich Merz oder Horst Seehofer schließlich als „Merkel allein zu Haus“ beschrieben wurde.

Noch vor den Genossen waren es die Mächtigen der Welt, die eine neue Merkel gesehen und den Deutschen ins Haus geliefert haben. Es war keine eiserne Lady, die im Paris aus dem Wagen stieg und Jacques Chirac zu einem Handkuss hinriss. Und wenn Anhänger der reinen Stillehre darauf hinweisen, dass hier ein Fauxpas vorliege, weil Handküsse unter freien Himmel sich nicht schicken, dann gefällt es umso mehr. Mindestens dem weiblichen Teil der deutschen Beobachter ist nicht entgangen, dass Merkel in Frankreich genießt, was sie sich in Deutschland (noch) nicht erlauben mag: von Männern hofiert zu werden. Und wie schön Frau Merkel den kleinen Unterschied ausreizt! George W. Bush wollte gleich mit ihr essen gehen; Putin – geredet wurde über Gasprom – rang sich zu einem sonst undenkbaren Bekenntnis durch und sprach das Wort „Fehler“ aus.

Überhaupt sehen die Bushs und Putins dieser Welt neben der Kanzlerin doch aus wie Buben, die sich mächtig zusammennehmen müssen, um sich richtig zu benehmen. Merkel muss dafür übrigens gar nichts machen. Sie steht nur da, hört zu und parteiübergreifend lachen sich die Frauen in Deutschland ins Fäustchen.

Allerdings: Oft hat Merkel dann den ganz kleinen Mund. Das erfrischende Lachen, das verschmitzte Lächeln, das erst die Kanzlerin ihrem Volk häufig und gern zeigt, das ist weggewischt, wenn sie, zum Beispiel, neben Putin steht. Merkel schluckt in solchen Situationen mehrfach und tief. Sie ist konzentriert. Sie denkt. Man sieht förmlich, wie die Konzentration sich darauf richtet, nicht zu sagen, was sie denkt, sondern was dem Moment angemessen ist. Sie wirkt dann sehr gesammelt und verströmt: Es geht um etwas, und ich werde es richtig machen. So ganz anders hat das Gesicht der abgekapselten, misstrauischen CDU-Chefin nicht ausgesehen, die sich mit ihren Konkurrenten plagen und um ihren Platz an der Spitze kämpfen musste.

Es hat aber ganz anders gewirkt. Die kluge, schlagfertige, witzige und zugewandte Angela Merkel konnte vor ihrer Kanzlerinnen-Zeit nur sehen, wer ihr direkt begegnet ist. Für die Fernsehzuschauer gab es eine spröde CDU-Vorsitzende ohne Aura, keine Projektionsfigur, an die Menschen Phantasien und Hoffnungen hängen mögen.

Wer das erste Rätsel lösen will, findet entscheidende Hinweise beim zweiten. Die Stilistin Angela Merkel gefällt durch den unprätentiösen Kontrast zu ihren Amtsvorgängern, die immer so viel Lärm und Bilder um alles und jedes machen mussten. Am Mittwoch, als im Kabinett verhandelt wurde, hing in ihrem Arbeitszimmer schon der erste Bundeskanzler. Lärm hat sie darum nicht gemacht, aber Fotografen waren dabei, als Bundestagspräsident Norbert Lammert der Regierungschefin das Konrad-Adenauer-Porträt von Oskar Kokoschka übergeben hat, angemessen und bescheiden als Dauerleihgabe.

Hinter ihrem Amtsvorgänger Schröder hing eindrucksvoll dramatisch der abstürzende Adler von Georg Baselitz: Ein durchaus ehrliches Bekenntnis zu den beschränkten Möglichkeiten der Politik in Zeiten der Globalisierung. Eine Grundbedingung, der auch Merkels Kanzlerschaft sich nicht entziehen kann. Aber die Botschaft an ihrer Wand spricht mit Adenauer über Politik als einer „Kunst des Möglichen“.

Am selben Tag führt die amtierende einen Altkanzler durch das Kanzleramt; „Bild“ hält es übrigens in Bildern fest, die größer sind als die Texte über die Steuern. Merkels erster großer Lehrmeister Helmut Kohl steht mit seinem „Mädchen“ vor Adenauer. Sie ist längst kein Mädchen mehr – und Kohl nicht mehr ihr größter Lehrmeister.

Der hat sich in Gestalt von Millionen Wählern am 18. September in Merkels Leben gedrängt. In acht Ministerjahren unter Kohl, in sieben Jahren Opposition hat Merkel gelernt, wie selten man offensiv sein kann, wie häufig man eine Volkspartei mit Aussitzen, Abwarten und Vorsicht lenken muss. Als sich am Wahlnachmittag die unglaublich schlechte Zahl von 35,2 Prozent für die Union ankündigte, durchlitt die ostdeutsche Protestantin an der Spitze der westdeutschen CDU ihre wichtigste Lektion: Sie hat Deutschland kennen gelernt. Von Demut und Dienen hat sie im Wahlkampf oft gesprochen, um sich von ihren rot-grünen Kontrahenten abzugrenzen. Niemand hat wie sie verstanden, was die Wähler da verlangt haben: Die Einsicht nämlich, dass ihr Wahlkampfkurs nicht gewollt ist in diesem Land.

So bleibt das zweite Rätsel vorerst ungelöst, welche Merkel die wirkliche ist. Das aber erklärt das erste: Nicht grundsatzlosen Opportunismus sehen die Bürger, wenn die erste Kanzlerin aus einem Wahldebakel nach Adenauers Devise von der Kunst des Möglichen ein Koalitionsprogramm schneidert, sondern unideologischen Pragmatismus. Solche Demut vor dem Wählerwillen macht populär. In den ersten hundert Tagen konnte die Kanzlerin ihrem Volk ein verloren gegangenes Idealbild vorleben: Auf roten Teppichen und neben den Mächtigen der Welt hat sie ein Deutschland repräsentiert, das gern so selbstsicher, geachtet und auf Augenhöhe mit den Nachbarn wäre wie seine Kanzlerin. Die souverän ist wie nie zuvor. Denn ihre Union besitzt wieder, was ihr am wichtigsten ist: Regierungsmacht und eine Kanzlerin. Und wer das ist in den Christparteien, steht unangefochten im Mittelpunkt.

Merkels waghalsige Wende war ihre größte Mutprobe, sie wird belohnt mit Macht und Zuneigung. Bis zur nächsten Bewährung. Am 26. März wird in drei Bundesländern gewählt – dann erst endet Merkels persönliche 100-Tage-Frist.

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