Zeitung Heute : Die Angst-Bändiger

Man braucht ein Ziel, sagte sich die arbeitslose Annette Spreer, gründete eine Sprachschule – und jetzt belohnt sie ein Wettbewerb für die Idee

Marc Hasse

Vor kurzem waren die Handwerker da, es riecht noch nach Laminat und frischer Farbe. Annette Spreer führt durch die neuen Räume ihrer Sprachschule in Chemnitz. In der Diele hängen Klassenfotos ihrer Schüler, die Zimmer sind voll mit Puppen und Kartenspielen. Spreer gibt hier Kindern von drei bis zehn Englischunterricht. Und jedesmal, wenn wieder Eltern bei ihr anrufen, um ihr Kind anzumelden klingelt ihr Handy so laut, dass man erschrickt. Vor zwei Monaten wurde die 45-Jährige für ihre Geschäftsidee vom bundesweiten Wettbewerb „Mutmacher der Nation“, der vom Telefonbuchverlag „Das Örtliche“ und dem Unternehmermagazin „Impulse“ ausgeschrieben wurde, als „Local Hero“ ausgezeichnet. In der Jury sitzen unter anderen die Unternehmerin Britta Steilmann, die Wirtschaftsberaterin Gertrud Höhler und der ehemalige Ministerpräsident Lothar Späth, Aufsichtsratsvorsitzender bei Jenoptik. Der Wettbewerb soll zeigen, dass sich trotz aller Klagen über Arbeitslosigkeit und Hartz IV etwas bewegt im deutschen Mittelstand. Dass es Menschen gibt, die gegen ihre persönliche Misere kämpfen. Fast 600 Selbstständige und Unternehmer haben sich beworben, zwölf „Local Heroes“ wurden vorab gewählt, drei davon werden beim Finale in Berlin im Oktober zu „Mutmachern der Nation“ gekürt.

Um zu verstehen, was die Auszeichnung für Annette Spreer bedeutet, muss man ein paar Jahre zurückblicken, als sie „ganz tief in ein Loch“ gefallen war. Zeiten, in denen es qualvoll für sie war, sich immer wieder zu motivieren und nach einem Job zu suchen. 16 Jahre hatte sie in Chemnitz als Kindergärtnerin gearbeitet, als sie 1999 einen Bandscheibenvorfall hatte, ein Jahr später musste sie aufhören zu arbeiten. Das Arbeitsamt bot ihr immer wieder Stellen an, die sie aus versschiedenen Gründen nicht annehmen konnte: Umschulung zur Optikerin, dafür waren ihre Augen zu schlecht. Hörgeräteakustikerin, dafür hätte sie nach Hamburg ziehen müssen, aber ihre Tochter war 16 und Spreer allein erziehend – ein Umzug kam nicht in Frage. Logopädin hätte sie gern gelernt – „zu alt“, hieß es. Wenn sie über diese Zeit spricht, verliert sich ihr Blick im Raum: „Man hat sich nicht mehr anerkannt gefühlt von der Gesellschaft“, sagt sie, „man braucht doch irgendein Ziel.“

Natürlich, sie hätte sich hängen lassen können damals. Das Arbeitsamt zahlte ihr ja Arbeitslosenhilfe. Sie wollte aber unabhängig sein, schließlich hatte sie auch ihre Tochter allein großgezogen. Und jahrelang herumtollende Kinder gebändigt. Schon während ihrer Arbeit als Kindergärtnerin hatte sie oft mit dem Gedanken gespielt, ihre große Leidenschaft, Fremdsprachen, zum Beruf zu machen. Sie besuchte während ihrer Arbeitslosigkeit Sprachkurse, die sie selbst bezahlte. Im September 2001 gründete sie dann ihre Sprachschule. Doch die größten Hürden lagen noch vor ihr.

Auch Peter Grüner, 53, ist als „Local Hero“ ausgezeichnet worden, weil er sich durchgekämpft hat, als er arbeitslos wurde. „Und wenn ich nachts Zeitungen ausgetragen hätte – ich habe mir gesagt: Irgendetwas findest du immer.“ Über seine Stirn ziehen sich sechs lange Falten, die zu kleinen Gräben werden, wenn er redet. Neben ihm sitzt Richard Klein, 48, zusammen gehört ihnen die Spedition „Service-Team Grüner und Klein“ in Darmstadt, die sie 2003 gegründet haben.

Grüners 25-jähriges Dienstjubiläum war gleichzeitig sein letzter Arbeitstag. Die große Spedition, deren Niederlassung er in Darmstadt geleitet hatte, machte dicht. Klein hatte für diese Niederlassung über zehn Jahre als selbstständiger Dienstleister gearbeitet. Weil sich das Ende der Firma 15 Monate vorher angekündigt hatte, hatten die beiden aber unter Geheimhaltung vorgesorgt. „Wir haben uns mit Kunden getroffen und gefragt, ob die auch mit uns beiden weitermachen würden“, sagt Grüner.

Geholfen hat ihnen dabei die mangelnde Flexibilität großer Speditionen, die meist nur große Aufträge mit zeitlichem Vorlauf erledigen können. Doch die Idee allein reichte nicht. Monatelang mussten sie bei potenziellen Kunden für sich werben. Klein drückt es drastisch aus: „Man muss das wollen bis zum Erbrechen. Das muss man auch bei den Kunden rüberbringen.“ Sie haben 14 Stunden am Tag gearbeitet und überall gespart: Der deckenhohe Aktenschrank aus Buchenholz im Büro war Sperrmüll aus der Firma von Grüners Frau, die Homepage hat ein befreundeter Informatik-Student gebaut. Die Ehefrauen der beiden, die selbst noch berufstätig sind, kümmern sich als bezahlte Aushilfen um Rechnungen und Buchhaltung. Vom Überbrückungsgeld des Arbeitsamtes zahlten sie einen kleinen Transporter an und kauften Schreibtische und Stühle aus der alten Spedition. Sie stellten einen Subunternehmer an, der mit seinem Laster für sie Transporte übernahm. Für den Kauf eines eigenen Lkw bekamen sie bei Banken aber keinen Kredit. Ein befreundeter Händler bürgte dann für sie – was Peter Grüner heute noch „unglaublich“ findet. Sie ließen 20000 Flyer drucken, die sie ihren Fahrern mitgaben. Dadurch und durch Mundpropaganda ist das Geschäft dann in Schwung gekommen.

Annette Spreer war genauso zäh bei der Suche nach Kunden. Sie klapperte pro Woche 20 Kindergärten in Chemnitz und Umgebung ab. Immer wieder warb sie auf Elternabenden für ihr Konzept. „Kinder lernen Sprachen viel schneller, die saugen alles auf wie ein Schwamm“, sagt sie. Im Januar 2002 unterrichtete sie bereits an zwei Kindergärten, im März waren es 15. Sie stellte drei Mitarbeiterinnen auf Honorarbasis ein. Mit einer von ihnen schrieb sie ein Arbeitsbuch und nahm dazu eine CD mit selbst getexteten Liedern auf.

Peter Grüner und Richard Klein haben inzwischen vier Laster und zehn fest angestellte Mitarbeiter. Aus anfangs zwei festen Kunden sind 50 geworden. Der Umsatz lag zehn Monate nach der Firmengründung bei einer Million Euro. Und wenn sie als Mutmacher der Nation ausgezeichnet werden und 10 000 Euro gewinnen? „Dann investieren wir sie“, sagt Grüner. Dann hat er noch eine bessere Idee: Sie schenken ihren Frauen einen Urlaub.

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