Zeitung Heute : Die Angst der Beschützer

Wieder waren deutsche Soldaten Opfer von Anschlägen in Kundus. Doch hier und da gelingt es, den Kreislauf der Gewalt zu brechen

Thomas Gack[K] us

Vor dem Eingang der Lehmhütte stehen ein Dutzend sandfarbene Soldatenstiefel, Tropenausführung, staubgepudert, aber sauber aneinander gereiht. Im Halbdunkel des Innenraums sitzt Uwe K., der weißbärtige Spieß der Stabskompanie, im Schneidersitz auf dem Teppich, stochert in einem gehäuften Teller Reis und kaut an einem Hammelknochen. Man sieht ihm an, dass ihm jetzt – die trockene Mittagshitze steigt gerade auf 38 Grad Celsius – ein Bier lieber wäre. Dennoch widmet er sich, gleichsam in höherem politischen Interesse, dem Hammel und schlürft anschließend grünen Tee. Kontaktpflege nennt sich das, Vertrauensbildung im Dorf Tal-Guzar, rund 30 Kilometer südwestlich des Provinzstädtchens Kundus. Dort unterhält die Bundeswehr seit Oktober 2003 ein so genanntes „PRT“, ein „Provincial Reconstruction Team“, übersetzt: Wiederaufbauteam.

Insgesamt gibt es im Norden von Afghanistan neun international besetzte PRTs, die von der Bundeswehr geführt werden; allein dem in Kundus gehören 370 Deutsche an. Und seit Montag ist auch die Verlegung von Bundeswehrtruppen von Kabul in den Norden abgeschlossen, 900 der insgesamt 2700 deutschen Afghanistan-Soldaten haben ein Lager im nahen Masar-i-Scharif bezogen.

Sie und die Soldaten vom Wiederaufbauteam in Kundus haben nicht die Aufgabe, Taliban oder Drogenhändler militärisch zu bekämpfen. Das bleibt nach wie vor den Amerikanern überlassen, die ihre „Operation Enduring Freedom“ vor allem im Süden und im Osten des Landes fortsetzen. Die internationale Schutztruppe für Afghanistan (Isaf) hingegen, zu der die PRTs gehören – am 1. Juni haben die Deutschen die Isaf-Verantwortung für ganz Nord-Afghanistan übernommen – soll in den Provinzen Kundus und Takhar Stabilität schaffen und der Zentralregierung den Rücken stärken. Allein durch ihre Anwesenheit soll nach und nach ein stabileres Umfeld für die Hilfsorganisationen geschaffen werden, die den Wiederaufbau des Landes betreiben. Außerdem treffen sich die PRT-Offiziere mit allen örtlichen Gruppierungen, vom Provinzgouverneur, dem Polizeichef, der Schulverwaltung und dem gewählten Provinzrat bis zu den Mullahs und den Stammesältesten, um zu erfahren, was gebraucht wird.

Während sich die Soldaten mutig durch den Reis kämpfen, tauscht ihr Chef, Stephan Leistenschneider, ein Oberstleutnant, mit den Dorfältesten, dem Lehrer und dem Mullah Höflichkeiten aus; ein deutsch-afghanischer Feldwebel übersetzt. Der Dorfälteste erzählt von der Zeit, als das kleine Dorf zwischen den Fronten des Bürgerkriegs lag und die Taliban und die Mudschahedin sich über ihre Köpfe hinweg beschossen. „Aber seit ihr da seid, geht es uns besser. Wir können wieder unsere Felder bebauen. Die Kinder gehen zur Schule“, sagt Mullah Mohamad Wali.

Am frühen Morgen war der kleine Trupp der Bundeswehr im Lager Kundus aufgebrochen, um dem Dorf vier weiße Zelte zu bringen. Sie sollen den Kindern beim Unterricht in der brennenden Sonne Schatten spenden und im Winter vor dem Wind schützen. Nach mehr als eineinhalb Stunden Fahrt auf löchrigen, sandigen Pfaden, über wacklige Behelfsbrücken und einst umkämpfte kahle Anhöhen öffnet sich der Blick auf eine grüne Ebene. Lehmhütten stehen im Schatten von Silberpappeln und Weiden, Kanäle durchziehen die Landschaft. Auf dem Lößboden wachsen Hirse, Reis, Baumwolle, Gemüse und die im ganzen Land berühmten Honigmelonen. Der Weizen steht schon kniehoch.

Die Gegend um Kundus gilt als der Garten Afghanistans. Hungern muss offenbar niemand mehr seit die Kämpfe beendet sind – die Kinder, die die Bundeswehrsoldaten zu Dutzenden umringen, wirken gut ernährt und gesund. In wenigen Minuten sind die Zelte aufgebaut, Matten ausgelegt, die Schiefertafeln aufgestellt. Rund 200 Kinder sind gekommen, zum Teil haben sie eine Stunde Fußmarsch zur Behelfsschule hinter sich. Die älteren Mädchen verhüllen ihr Gesicht, und die Frauen des Dorfes lassen sich gar nicht sehen, aber die Männer, die Dorfältesten, zahnlose Alte mit Turbanen über braunen bärtigen Gesichtern, kommen heran, um die Deutschen zu begrüßen. Es wäre ein friedliches Bild, wären da nicht die Soldaten in den gefleckten Kampfanzügen, die die bunte Szenerie im Hintergrund mit Gewehren nach allen Seiten sichern.

Im Süden des Landes, wo die Briten stationiert sind, spitzt sich die Lage zu, aber im Norden sei es noch „überwiegend ruhig“, so hat es der Kommandeur des PRT- Kundus, Oberst Hans-Werner Patzki, noch vor einigen Wochen gesagt. Aber auch die deutschen Soldaten müssen in letzter Zeit immer häufiger erfahren, wie schnell die Situation kippen kann. Es ist so gefährlich wie noch nie seit dem Sturz der Taliban vor fast fünf Jahren. Allein seit dem 10. Juni sind fünf Anschläge auf die Bundeswehr im Norden verübt worden. Vergangene Woche wurden drei Soldaten leicht verletzt, als eine Patrouille des Panzeraufklärungsbataillons aus Eutin, das in Kundus den Kern der Truppe bildet, in den Außenbezirken der Stadt unter Feuer geriet. Die Soldaten schossen zurück, Fahrzeugscheiben gingen zu Bruch. Die Männer trugen zwar Splitterwesten und Helme, aber Verteidigungsminister Jung will nun prüfen lassen, ob die Zahl der Panzerfahrzeuge erhöht werden kann, außerdem will er Technik und Personal für die Verbesserung von Aufklärung und Überwachung schicken.

Kommandeur Patzki, ein untersetzter Mann, sitzt in einer Holzbaracke, in der der militärische Stab des PRT untergebracht ist. Eine Wand von Sandsäcken schützt den Eingang. Fotos hängen an der Wand, Bücher und Souvenirs stehen herum, ein Versuch von Normalität – aber stabil, nein, stabil sei die Lage nicht, gibt Patzki zu. Das PRT hilft der Polizei und der afghanischen Armee bei der Entwaffnung der verschiedenen Gruppierungen und Privatarmeen, die Soldaten wissen jedoch, dass einige freiwillig zwar ihre alten Flinten abgeben, zu Hause aber ihr modernes Schnellfeuergewehr weiter unterm Bett verstecken. Außerdem sind auf dem Basar von Kundus Waffen aller Art leicht zu kaufen. „In den 23 Jahren des Kriegs und der Anarchie sind zwei Generationen aufgewachsen, die keine staatliche Organisation und weder Recht noch Sicherheit kennen“, sagt Patzki. „Streit wurde mit der Waffe ausgetragen. Diese Kultur der Gewalt verliert sich nicht über Nacht. Es knallt mal hier, mal da.“

Wer steckt hinter solchen Angriffen? Werden sie militärisch geplant? Die Provinzregierung macht Rebellen wie die radikalislamischen Taliban verantwortlich, sie hatten in den letzten Monaten wieder vermehrt Selbstmordattentäter losgeschickt. Oberst Patzki vermutet, dass die Bundeswehr-Patrouillen die Drogenbarone stören.

Vor allem die Gegend um Rustaq auf halbem Weg zwischen Kundus und Faisabad, wo ein weiteres PRT stationiert ist, gilt als gefährlich. Dort scheint der undurchsichtige „starke Mann“ der Region Drogengeschäfte abzuwickeln. Wer ihm in die Quere kommt, riskiert sein Leben, die lokale Politik und die Opiumproduktion sind fest miteinander verfilzt. Dafür ist die afghanische Polizei zuständig, unterstützt von den britischen Truppen. Den deutschen Soldaten bleibt nichts anderes übrig, als mit ihren Patrouillen zu stören – und sich ihrer Haut zu wehren, wenn sie von den Banden ins Visier genommen werden.

Lange haben die Deutschen geglaubt, dass sie in Afghanistan einen besonders guten Ruf genießen und bei der Zivilbevölkerung beliebt sind, aber die Erkenntnis, dass auch sie Gewalttätern ausgesetzt sind, hat bei den Soldaten im Lager Kundus Spuren hinterlassen. Die Mullahs in Faisabad und Kundus haben bei den Freitagsgebeten und im Rundfunk die Anschläge zwar sofort verurteilt. Aber die Soldaten verlassen das Lager nur noch in schusssicherer Weste, den Stahlhelm auf dem Kopf, selbst im Fahrzeug. Jede Stunde wird per Funk an die Operationszentrale der Standort durchgegeben. Bei Patrouillen, die in ihren gepanzerten „Dingos“, „Mungos“ und „Fenneks“ den Radius von einer Stunde ums Lager verlassen, fährt immer ein gepanzertes Sanitätsfahrzeug und ein Arzt mit. Und in Kabul stehen die F-16-Kampfflugzeuge der Niederländer und Norweger bereit, um im Notfall Luftunterstützung zu geben.

Hauptfeldwebel Hubertus U., der Spieß der Sicherungskompanie, setzt sich in diesen Tagen gerne mal in die Kantine, um mit seinen Soldaten ein Bier zu trinken. „Wenn meine Soldaten abends von ihren Patrouillen ins Lager zurückkommen, dann sinken sie nur noch in ihre Kojen“, sagt er. „Ich muss hier viel mehr als zu Hause die Rolle der Mutter der Kompanie spielen“, sagt er. „Wenn einer nur noch schweigend in der Ecke sitzt, weiß ich, dass er Hilfe braucht.“

Es ist fast ein Wunder, dass es nicht mehr Soldaten sind, die nach Wochen in der afghanischen Hitze einen Lagerkoller bekommen. Vier Monate dauert ihr Einsatz, viele verlassen das drängend enge Lager nie, eine chaotisch wirkende Ansammlung von Containern, Zelten und Holzhütten in einem mit Sandsäcken verbarrikadierten Schrebergarten mitten in Kundus. Nur die Patrouillen und die Offiziere, die mit den lokalen Würdenträgern Kontakt halten, kommen raus.

In Kundus scheint sich das Leben immerhin normalisiert zu haben. In Holzverschlägen bieten hunderte von Händlern längs der Straßen ihre Waren an. Es gibt fast alles, vom Hammel bis zum Handy. Die Wege wimmeln von Kindern, turbantragenden Bauern, Frauen in blauen Burkas, die nur durch ein gesticktes Gitter den Blick auf die Außenwelt erlauben, aber auch immer mehr jungen Frauen, die nur ein Kopftuch tragen. Trotz der Anschläge nähert sich Kundus in den Augen der Afghanen, die jahrzehntelang unter Krieg und Gewalt gelitten haben, einem Zustand der Ruhe. Auch weil die PRTs für mehr Stabilität und Sicherheit sorgen. Nach 23 Jahren Krieg ist das viel.

Die Menschen haben hohe, vielleicht zu hohe Erwartungen an die westlichen Helfer. „Keiner hat hier gelernt, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen und zu planen“, sagt Kommandeur Patzki. „Das ist Kriegsmentalität: Wer fürchtet, dass sein Haus niedergebrannt wird, der sorgt nicht vor und baut nicht auf.“ Aber da sind Zeichen der Hoffnung: „Die Leute haben den Krieg satt, sie wollen ein normales Leben und beginnen dem Frieden zu trauen.“ In den Dörfern werden wieder Bäume gepflanzt.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar