Zeitung Heute : Die Angst der Italiener

Marcel Reif blickt täglich auf die Spiele voraus

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Und dann auch noch in Dortmund, in der emotionsgeladensten Arena Deutschlands. Es gehört nicht viel Fantasie dazu, sich vorzustellen, wer nun die größere Angst hat, auf diese Bühne zu treten. Verlangen selbstbewusste, vor Kraft strotzende Fußballer den Ausschluss eines Spielers des Gegners? Eben. Diese unbillige Forderung der Italiener, die Fifa möge Torsten Frings sperren, ist gewiss mehr Ausdruck ihrer Furcht als ihres Gerechtigkeitssinns. Mag sein, dass die Italiener die besseren Einzelspieler haben, mag sein, dass es ein Segen für den italienischen Fußball ist, dass Trainer Lippi die scheinbar genetisch angelegten taktischen Zwänge früherer Zeiten in Ansätzen abgezwackt hat, mag alles sein. Aber ob das reichen wird gegen den Wind, der durch Deutschland pustet? Die Argentinier hatten auch die besseren Einzelspieler, sie hatten auch die abgeklärtere Taktik, der Wind indes war stärker.

Und auf der anderen Seite, auf der deutschen? Man wird die Spieler fragen können, wie sie das alles empfinden, was derzeit geschieht. Und sie werden antworten, dass sie das alles super und toll und Klasse finden. Und aus jedem super, toll und Klasse wird zu hören sein, dass sie nicht wirklich realisiert haben, was geschehen ist im Lande und wofür sie verantwortlich zeichnen. Und das ist gut so. Wüssten sie, dass ihr Fußball, ihr Auftritt bei dieser WM als eine Art Ruckrede für Deutschland gefühlt wird, würde ihnen wirklich ins Bewusstsein gelangen, dass Deutschland gerade einen kleinen Versuch wagt, sich neu zu erfinden, wahrscheinlich würde ihnen der Schreck derart in die Glieder fahren, dass sie vor verständlicher Angst ganz starr werden. Aber sie haben es noch nicht realisiert, sie können das gar nicht realisieren, dort auf der Wolke, auf der sie schweben. Schwebt weiter, Jungs, schwebt weiter. Noch zwei Spiele.

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