Zeitung Heute : Die Angst der Systemchefs vor der WM

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Von Kurt Sagatz

Fußball ist Fußball, und Arbeit ist Arbeit. Dies gilt auch während der Fußball-Weltmeisterschaft in Japan und Südkorea, die wegen des Zeitunterschieds hierzulande zu großen Teilen in die Arbeitszeit fällt. Weil in vielen Unternehmen zwar kein Fernsehgerät, dafür aber ein Internet-Zugang zur Standardausrüstung gehört, wird für die WM 2002 mit einem regelrechten Ansturm auf Internet-Seiten wie www.fifaworldcup.com gerechnet. Aus Angst, zu viele Abfragen von Fußballseiten oder Downloads von Spielszenen könnten die eigenen Firmennetze zum Erliegen bringen, rüsten viele Systemadminstratoren derzeit ihre Filtersysteme auf. Doch selbst ohne diese elektronischen Vorsichtsmaßnahmen ist längst nicht alles erlaubt, was technisch möglich ist, wie eine Umfrage bei Berliner Unternehmen und öffentlichen Einrichtungen ergab.

In vielen Firmen regeln Betriebsvereinbarungen, wofür die Mitarbeiter das Internet nutzen dürfen. Der Berliner Pharmakonzern Schering hat darin festgeschrieben, dass das weltweite Netz ausschließlich für betriebliche oder geschäftliche Dinge genutzt werden darf. Ausnahmen sind nicht vorgesehen, weder für die Fußball-WM noch für die Tour de France oder die Love-Parade. Unternehmenssprecher Mathias Claus begründet die restriktive Haltung damit, dass es nicht gut für das Unternehmen wäre, wenn man den Mitarbeitern den privaten Gebrauch des Netzes gestatten würde. Den Fußball-Fans unter den Schering-Mitarbeitern bleibt nichts anderes übrig, als sich mit ihrem Vorgesetzten über Urlaubstage oder das Abbummeln von Gleitzeitguthaben zu verständigen. Allenfalls, wenn die Deutschen das Halbfinale erreichen, müsse man noch einmal nachdenken, sagt Claus. In welche Richtung diese Überlegungen gehen könnten, verriet der Sprecher allerdings nicht. Nur so viel ist klar. Auch in diesem Fall wird es keine Ausnahmeregelung für die Internet-Nutzung geben.

Etwas anders sieht die Situation bei den Beschäftigten des Landes aus. Das Land Berlin verfügt über rund 40 000 Bildschirm-Arbeitsplätze, von denen rund die Hälfte einen Zugang zum World Wide Web hat. Auch für sie existiert seit Anfang des Jahres eine Internet-Dienstvereinbarung, wie der Vorsitzende des Hauptpersonalrats, Dieter Blank, sagte. Die private Nutzung ist demnach grundsätzlich ausgeschlossen. Klang verweist auf die nicht lösbaren arbeits- und dienstrechtlichen Probleme, die eine private Nutzung mit sich bringen kann – und dies in einigen Fällen in Berlin auch getan hat. Ausnahmen sind beim Land nicht vorgesehen.

Allerdings gibt es für die Dienststellenleiter bei den Berliner Behörden einen gewissen Ermessensspielraum, wo das Betriebliche aufhört und die private Nutzung anfängt. Dies gilt beispielsweise bei Recherchen in den Online-Ausgaben von Tageszeitungen oder beim Abruf von Online-Lexika. Klang kann sich deshalb auch nicht vorstellen, dass der Abruf von WM-Ergebnislisten zu einem Problem führen könnte.

Die ganze Aufregung ist für Sylvius Bardt, den Vorstandschef des Internet-Unternehmens Questico nicht nachvollziehbar. Für ihn ist es wichtig, dass seine Mitarbeiter den „natürlichen Umgang mit einem funktionierenden Internet“ erhalten – die Fußball-WM eingeschlossen. Wenn er während des vierwöchigen Wettstreits Fernsehgeräte mit Premiere-Anschluss in dem Unternehmen in Mitte aufstellt, dann nicht, um den Mitarbeitern das Internet zu verleiden. Das Ziel ist vielmehr, die Mitarbeiter auf diese Weise früher ins Büro zu bekommen, auch wenn es bei dem Expertennetz abends meist etwas später wird. Doch nicht nur bei der Internet-Nutzung unterscheidet sich Questico von Unternehmen der Old Economy. Denn Angst, dass die Fußball-WM die Leistung der Mitarbeiter beeinträchtigt, hat Bardt nicht. Die Produktivität ergebe sich aus der Leistungserfassung und sagt etwas darüber aus, ob die Projektarbeit vorankommt. Nötigenfalls müssen die Mitarbeiter eben am Wochenende ins Büro kommen, allerdings wohl kaum bei einem wichtigen Spiel bei der Fußball-Weltmeisterschaft.

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