Zeitung Heute : Die Angst ist ein weißes Pulver

Silke Becker

Das erste Mal verbrachte er acht Stunden im Sicherheitslabor. Professor Georg Pauli brauchte Zeit, bis das weiße Pulver präpariert und unter den Mikroskopen verteilt war. Beim zweiten Mal saß er nur vier Stunden, bis die Untersuchungen beginnen konnten. Gestern musste er sich nur zwei Stunden hinter der blanken Stahltür einschließen. Er kommt langsam in Übung.

Zehn, 15, vielleicht 20 Proben, er ist da sehr verschwiegen, hat Georg Pauli bislang untersucht. Er ist einer der Chefs im S 3-Sicherheitslabor des Berliner Robert-Koch-Instituts, das in einem Altbau im Wedding untergebracht ist. Der erste Brief kam aus dem Möbelhaus Höffner, aber seitdem immer mehr Sendungen in Umlauf sind, untersucht er nur noch die Proben von der Polizei, der Regierung und der Post. Letzte Woche Montag kam der Anruf aus dem Kanzleramt. Um 13 Uhr 30 war der verdächtige Brief in der Poststelle aufgetaucht.

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Trittbrettfahrer: Empfindliche Strafen Pauli kann nicht sagen, dass er nervös war oder Angst hatte. Er arbeitet schließlich seit 17 Jahren an HIV, da ist Angst ohnehin ein schlechter Begleiter. Aber der 59-Jährige sagt, "wenn ich Terrorist wäre, würde ich auch Milzbrand an Stellen wie Kanzleramt oder Außenministerium schicken". Soll heißen, dass ihm wohl auch etwas mulmig war. Pauli redet schnell, sein linkes Auge flackert unter der Brille mit dem feinen Metallrand. Eigentlich ist er ein ruhiger, gemütlicher Mann, der gerne lacht und in seinem Büro alte Laborgerätschaften anhäuft, aber jetzt hat er wenig Zeit. Gerade sind wieder irgendwo Umschläge aufgetaucht. Der Termin mit der Presse muss abgebrochen werden. Später sieht man den 59-jährigen Herrn durch die Gänge laufen. Eigentlich rennt er.

Nach zwei Stunden im Labor gibt es eine erste Entwarnung. In den Nachrichten heißt das dann: "Laut ersten Erkenntnissen ..." So etwas widerstrebt dem Wissenschaftler Pauli, weil natürlich viele andere Untersuchungen notwendig sind, bis man wirklich Gewissheit hat. Die Umschläge werden in einem Sicherheitskasten geöffnet, unter dem ein Luftstrom zirkuliert. Das Pulver wird mit Formaldehyd "inaktiv" gemacht, in Kochsalzlösung überführt, Teile davon werden erhitzt, und in einer kleinen Schale, in der die Erreger wachsen sollen, kann man nach zwei Stunden sehen, ob die Proben eine andere Farbe bekommen. Echte Anthrax-Erreger würden sich lila färben. Sicher kann man aber erst nach 20 bis 24 Stunden sein, erst dann "bilden sich Kolonien". "Sehr schnell", findet Pauli. Da die Inkubationszeit beim Menschen doch einen bis sieben Tage dauert.

Georg Pauli ist nicht gerade guter Laune. Eigentlich ist er sogar ziemlich sauer. Erstens halten ihn diese Trittbrettfahrer von der eigentlichen Arbeit ab, zweitens findet er Leute, die meinen, sie erlaubten sich mit diesen Briefchen einen Scherz, gar nicht witzig. Dahinter steckt insbesondere die Sorge, dass ein Gewöhnungseffekt eintritt und man die Briefe irgendwann nicht mehr ernst nimmt.

Knapp zwei Wochen sind vergangen, seitdem in Deutschland die ersten Trittbrettfahrer auftauchten. An manchen Tagen musste die Berliner Polizei 21-mal ausrücken. Die Panik steigt. Neulich schlugen Frauen in Köln in einem Supermarkt Alarm, weil sie weißes Puder auf dem Boden entdeckt hatten - ein Mehlpaket war aus dem Regal geplumpst. Die Beruhigung, dass Milzbrand nicht ansteckend ist, verhallt weitgehend ungehört.

So sehr sich Georg Pauli über die Trittbrettfahrer ärgert, so sehr hofft er, dass es dabei bleibt. Zwar gibt es Notpläne für den Fall einer großen Seuche, in denen durchgespielt wird, wie Reha- und Privatkliniken geschlossen werden, um darin Kranke unterzubringen. Aber eigentlich möchte er das nicht erleben.

Dabei ist Pauli an allerhand gewöhnt. Er arbeitet seit 20 Jahren in Hochsicherheitslaboren, untersuchte Influenza-Viren und Fälle von Hirnhautentzündungen, hat auch noch die Pocken mitbekommen. Er ist der Mann im Labor, identifiziert die Keime. In den letzten Jahren arbeitet er bei Infektionen oft mit Kollegen vom Außendienst zusammen. Diese Kollegen sitzen in einem anderen Teil des Robert-Koch-Instituts in Kreuzberg am Anhalter Bahnhof, dritter Stock. Niemand kann hier einfach hineinlaufen. Eine dicke Tür mit Klingel und Sprechanlage hält Besucher fern. Hier sitzt Andrea Ammon. Bis letzten Mittwochnachmittag um halb fünf dachte die Ärztin, dass sie den Rest der Woche auf einer Tagung in Frankreich verbringen würde. Dann tauchten immer mehr Briefe auf, und die Sache mit der Dienstreise hatte sich erledigt.

Frau Ammon redet von ähnlichen Dingen wie Herr Pauli, auch sie sagt mehrmals, "man kann sich nicht vollständig auf Katastrophen vorbereiten". Dabei soll sie genau das jetzt tun, sich auf die Katastrophe einstellen oder zumindest vorsorgen und sich kluge Gedanken machen oder irgendetwas dazwischen und von allem etwas. Auch in Amerika, in Hollywood, fragten Experten an, man möge bitte den übelsten Fantasien freien Lauf lassen, damit der Staat sich vorbereiten kann. Aber Andrea Ammon kann sich nicht in die "kranken Hirne" denken, will das auch nicht.

Andrea Ammon, Anfang 40, ist die Leiterin der "Aufsuchenden Epidemiologen", einer mobilen Einsatzgruppe, einer Art Task Force der Gesundheitsbehörden, einige Zeitungen nannten die Gruppe schon die "Gladiatoren der Gesundheit". Sie werden gerufen, wenn Ärzte und Gesundheitsämter nicht mehr weiter wissen.

Die Vorgeschichte. In den 70er und 80er Jahren dachte man, das Problem mit den schweren Infektionskrankheiten sei weitgehend gelöst. Die Pocken waren ausgerottet, die Menschen geimpft, es gab Antibiotika. Aber dann tauchten erste Antibiotikaresistenzen auf, Aids kam, und das Problem mit den Infektionen schien nun wieder keineswegs gelöst. Anfang 1996 wurde dann die Gruppe der "Aufsuchenden Epidemiologen" am Berliner Robert-Koch-Institut gegründet. Das Bundesforschungsministerium finanzierte fünf Jahre lang einen Wissenschaftler von den Centers for Disease Control in Atlanta. Er zeigte den deutschen Kollegen, wie sie in den Staaten arbeiten.

Andrea Ammon fand den Job als Ärztin früh "frustig", "diese Reparaturhaltung" vieler Patienten. Jetzt hat sie das Gefühl, größere gesundheitliche Zusammenhänge zu sehen, aber dafür hat sie keine Zeit mehr für Kinder oder Familie. Sie musste ins bayerische Pfarrkirchen, als dort unter Jugendlichen Hirnhautentzündungen ausbrachen, wurde gerufen, nachdem ein Mädchen gestorben war. Andrea Ammon kann viele Fälle erzählen, von Trichinenerkrankungen, Grippeviren, von diesen und jenen Infektionen. Sie redet davon in gleichbleibendem Ton, ohne jeden Anflug von Pathos, und doch klingt es jedes Mal, als schilderte sie eine neue Szene aus dem Hollywood-Film "Outbreak", in dem Dustin Hoffman im Schutzanzug durch den Dschungel hechelt. Manch ein Gesundheitsamt ist inzwischen gar nicht mehr glücklich über den Einzug der Gladiatoren, weil ihnen oft eine Schar Journalisten folgt. In vielen dieser Fälle haben die Ärzte des mobilen Kommandos mit Pauli und seinem Berliner Labor zusammengearbeitet.

Andrea Ammon redet sachlich, krisenerfahren. Und doch ist dieses Mal alles ganz anders. Sonst hat sie mit konkreten Krankheiten an konkreten Orten zu tun. Sehr real. Jetzt ist alles hypothetisch. Nur eines weiß Andrea Ammon ganz sicher: Das Problem ist nicht die Behandlung, sondern das frühe Erkennen, um weitere Ausbreitung zu verhindern.

Andrea Ammon sitzt jetzt in ihrem Büro, die Daumen hinter den Gürtel geklemmt. Von ihrem Bürofenster kann sie bis auf den Potsdamer Platz sehen, auf die Hochhäuser und dahinter auf den Fernsehturm. Ob sie sich mal gefragt hat, wie das wäre, wenn da ein Sprühflugzeug rübersaust? "Hätte ich mich gefragt, wenn ich Zeit gehabt hätte, aber ich hatte keine Zeit." Andrea Ammon redet jetzt nicht mehr so flüssig, will vorsichtig sein, die Antworten sind knapp. Spricht von Übungen nach dem Tschernobyl-Unfall, so etwas könne sie sich vorstellen. Wie solche Übungen aussehen, will sie nicht sagen. Dann hat sie eine Ebene gefunden, auf der sich leichter reden lässt, unverfänglicher. Dass die eigentliche Arbeit doch "sehr unspektakulär" sei, sagt sie. Gerade erarbeiten sie Merkblätter mit Informationen über Krankheiten, die von Bio-Waffen hervorgerufen werden können. Kümmern sich darum, dass Experten eine gemeinsame Linie vorgeben, keine widersprüchlichen Informationen in Umlauf gebracht werden.

Nachmittags, halb fünf. Unten vor dem Fenster von Andrea Ammon schiebt sich der Berufsverkehr über die Straßen. Die Hotline des Robert-Koch-Instituts ist seit Stunden besetzt, die Homepage hat mehr Zugriffe denn je, und wahrscheinlich steht in diesem Moment auch Professor Pauli in seinem Labor, in Kittel, Haube und Atemschutzmaske, und flucht wieder über diese Trittbrettfahrer. Andrea Ammon muss jetzt dringend zum nächsten Termin. Wahrscheinlich, denkt sie, wird es beim nächsten Einsatz um "Salmonellen oder sowas" gehen. Das wäre in diesen Zeiten eine gute Nachricht.

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