Zeitung Heute : Die Angst reist mit

Zwei Bomben in Regionalverkehrszügen – was die Bahn tun kann, damit sich die Fahrgäste sicherer fühlen

Stephan Haselberger[Bernd Hops] Sarah Kramer

Die Bundesanwaltschaft ermittelt wegen der Bombenfunde in Regionalzügen in Dortmund und Koblenz. Welche Konsequenzen will die Bahn nun ziehen, um ihre Fahrgäste zu schützen?


Es ist Mittwochmorgen, im Regionalexpress zwischen Dortmund und Aachen. Auf den Titelseiten der Zeitungen, hinter denen die Köpfe der Reisenden verschwinden, prangen Schlagzeilen wie „Terror-Angst bei der Bahn“ oder „Bombenkoffer in Bahnhöfen“. Ein wenig mulmig ist den Fahrgästen schon, schließlich sitzen sie in dem Regionalexpress, in dem am Montag eine der beiden Bomben gefunden worden war. „Ich muss doch mit diesem Zug fahren. Und wenn ich mir das jetzt zu Herzen nehme, dann haben die Bombenbauer doch genau das erreicht, was sie wollten“, sagt ein junger Mann.

Die Bundesanwaltschaft hat mit den Ermittlungen begonnen. Klar ist bisher allerdings nur, dass die Koffer aus Dortmund und Koblenz Gasflaschen, brennbare Flüssigkeit und Zündvorrichtungen enthalten haben. Ob die Taten einen terroristischen oder kriminellen – zum Beispiel Erpressung oder Rache – Hintergrund haben, ist aber noch offen. Zumal es bisher auch kein Bekennerschreiben gibt.

Experten jedenfalls bezweifeln, dass eine Terrororganisation mit den Bomben von Dortmund und Koblenz zu tun haben könnte. „Sicherlich ist eine Terrorgefahr in Deutschland durchaus gegeben, aber sie geht nicht von Gasflaschen in Zügen, sondern von islamistischen Gruppen aus“, sagt Kai Hirschmann vom Institut für Terrorismusforschung und Sicherheitspolitik in Essen. Der Forscher glaubt, dass es dem Täter oder den Tätern beim Bau der „Bomben“ nicht um deren tatsächliche Sprengkraft gegangen sei, sondern um ihre psychologische Wirkung. „Professionelle Terroristen hätten dafür gesorgt, dass die Koffer explodieren und möglichst viele Menschen verletzen oder töten“, sagt Hirschmann. „Die in Dortmund und Koblenz gefundenen Koffer verfügten aber wahrscheinlich nicht einmal über funktionierende Zünder und waren nicht mit Sprengstoff ausgestattet. Allein deswegen sei es unwahrscheinlich, dass hier Terroristen am Werk gewesen seien.

Komplexe Anschläge, wie die von Madrid oder London, seien bis ins kleinste Detail geplant gewesen, sagt Hirschmann. „Da greift ein Rädchen ins andere, was in Dortmund und Koblenz überhaupt nicht der Fall gewesen ist.“ Allein schon die offensichtliche Platzierung der Koffer spreche nicht für terroristische Urheber. „Die hätten dafür gesorgt, dass sie bis zur Explosion nicht entdeckt werden“, erklärt Hirschmann. Er vermutet daher, dass die beiden Bombenkoffer von ein und denselben Leuten gebastelt und dann in den Zügen platziert worden sind. „Das waren keine Terroristen, sondern ein frustrierter Bahnhasser.“

Die Bahn jedenfalls hat nach den Bombenfunden die Sicherheitspräsenz verstärkt, wie ein Konzernsprecher dem Tagesspiegel sagte. Dabei werde eng mit der Bundespolizei zusammengearbeitet. Seit einem Jahr gibt es zudem in Berlin ein Sicherheitszentrum, von dem aus die Zusammenarbeit der bahneigenen Sicherheitskräfte und der Sicherheitsbehörden des Bundes koordiniert wird – insbesondere für solch eine Situation, wie sie jetzt eingetreten ist. „Wir sind aber ein offenes System, da ist keine absolute Sicherheit herzustellen. Wir können nicht jeden Fahrgast kontrollieren“, hieß es bei der Bahn.

Die Sicherheitsvorkehrungen stützten sich auf die Mitarbeiter, die für Auffälligkeiten sensibilisiert sind. Daneben gebe es an allen wichtigen Stationen Videoüberwachung. Außerdem werde mit den Bestellern im Nahverkehr nun darüber geredet, ob wieder mehr Schaffner in den Zügen eingesetzt werden, sagte der Bahnsprecher. Denn die Bahn betreibt Regionallinien und S-Bahn-Verbindungen nur im Auftrag der Länder oder von Verkehrsverbünden, weil sie sich eigenwirtschaftlich nicht tragen würden. Mit den Bestellern wird auch festgelegt, wie viel Service geboten werden muss.

Karl-Peter Naumann, Chef des Fahrgastverbandes Pro Bahn, fordert: „Das Wichtigste ist, dass es genügend Personal gibt – und keine Züge ohne Schaffner.“ Personaleinschnitte müssten auch aus Sicherheitsgründen rückgängig gemacht werden. Der Bahn macht Naumann allerdings keinen Vorwurf, wenn es um die Sicherheit geht. „Hier wurde das Menschenmögliche gemacht“, sagte er dem Tagesspiegel.

Bei der Bundespolizei schätzt man die Sicherheitslage heute sogar besser ein als noch vor einigen Jahren. „Der Personaleinsatz wurde fast verdoppelt“, sagt Josef Scheuring, Vorsitzender des Bezirks Bundespolizei in der Gewerkschaft der Polizei. Es seien mehr als 6000 Bundespolizisten bei der Bahn im Einsatz, die, wenn wie jetzt notwendig, noch Verstärkung erhalten. Derzeit gehe es darum, die Bürger und Fahrgäste zu sensibilisieren. „Bei auffälligen Dingen sollten sie die Polizei sofort informieren“, sagt Scheuring. Der öffentliche Nahverkehr sei ein neuralgischer Punkt, wenn es um Terrorismus oder kriminelle Machenschaften wie Erpressung gehe. „Man darf auf keinen Fall nachlassen beim Sicherheitsverhalten.“

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