Zeitung Heute : Die Angst vor dem Absturz

Die Versicherer haben an der Börse Milliarden verloren. Die Kunden fürchten um ihre Altersvorsorge

Andreas Kunze Heike Jahberg

WIE SICHER IST MEINE LEBENSVERSICHERUNG?

Von Andreas Kunze und

Heike Jahberg

Vielen Kunden von Lebensversicherungen wird mulmig. Denn Analysten beschreiben ein düsteres Szenario: „Existenz bedrohende" Abschreibungen kämen auf einige Gesellschaften zu, heißt es etwa bei der Ratingagentur Fitch. Und die Branche selbst hält inzwischen den aktuellen Garantiezins (Mindestzins) von 3,25 Prozent für zu hoch.

Zuerst die schlechte Nachricht: Theoretisch kann eine Lebensversicherung in Deutschland – wie in Japan mehrfach geschehen – durchaus insolvent werden. Die Aufsichtsbehörde BaFin (Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht) darf zuvor bereits versprochene Auszahlungen begrenzen oder stoppen. Die gute Nachricht: Bisher ist in Deutschland noch niemals eine Lebensversicherung Konkurs gegangen, und nach Einschätzung der BaFin ist derzeit auch kein Unternehmen unmittelbar bedroht. Dennoch hat der Versichererverband GDV für diesen Fall kürzlich eine Auffanggesellschaft namens Protektor gegründet, die im Ernstfall die Verträge weiterführen soll.

Protektor würde das angesparte Kapital und die Versicherungsverträge von dem insolventen Lebensversicherer übernehmen. Die bereits gutgeschriebenen Überschüsse blieben dem Kunden erhalten. Für die Zukunft würde aber nur der Mindestzins gezahlt. Je nach Restlaufzeit der Police kann das zu erheblichen Einbußen im Vergleich zu der prognostizierten Auszahlung führen.

Eine Höchstgrenze wie bei der gesetzlichen Sicherungseinrichtung der Banken gibt es bei Protektor nicht. Jeder Vertrag müsste von der Auffanggesellschaft übernommen werden – egal, wie viel bislang dort eingezahlt wurde. An den vertraglichen Verpflichtungen des Kunden ändert sich indes nichts.

Auch Riester-Rente betroffen

Von der Krise der Lebensversicherer sind auch private Rentenversicherungen oder Riester-Renten betroffen. Die Einbrüche bei den Kapitalanlagen betreffen alle Tarife eines Lebensversicherers. Der Versicherer hat aber etwas Entscheidungsfreiheit, wie er seine verbliebenen Überschüsse verteilt. Oft bekommen die Tarife etwas mehr ab, die noch weiter verkauft werden sollen.

Wie es um den eigenen Versicherer steht, können die Kunden kaum in Erfahrung bringen. Denn Namen nennt die BaFin nicht, aus Angst, ein Lawine loszutreten. Denn kommt ein Unternehmen erst einmal in Verruf und steigen die Kunden massenhaft aus, ist der Niedergang nicht mehr zu stoppen.

Selbst wer Unternehmensbilanzen lesen kann, kommt nicht weiter. Zwar könnte man Warnsignale in den Zahlenwerken entdecken, doch Bilanzen sind Stichtagsbetrachtungen, die schon nach zwei, drei Monaten überholt sein können. Bei der Bewertung von Vermögen und Verbindlichkeiten bleibt außerdem etwas Spielraum. Die größte Gefahr droht nach Ansicht von Analysten ohnehin im laufenden Geschäftsjahr: Wenn sich in diesem Jahr die Aktienkurse nicht erholen, würden bei einigen Gesellschaften massive – bislang unterlassene Abschreibungen – unvermeidbar. Zwar versucht der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft die Zeiträume zu verlängern, die für eine Beurteilung der Kursverluste entscheidend sind, und hofft, dadurch weiteren Abschreibungen in Milliardenhöhe zu entgehen. Doch Erfolg dürfte dieser Vorstoß nicht haben. Denn die Gefahr, die mit einer solchen Lockerung verbunden wäre, ist groß: Springen die Börsen nicht wieder an, müssen die Versicherer dann so hohe Werte abschreiben, dass einige tatsächlich in ihrer Existenz bedroht sein könnten.

Zu einem anderen großen Problem neben den Aktienkursen ist das Zinsniveau geworden. Denn wichtigste Ertragsquelle für Lebensversicherer sind die Zinspapiere. Das schon seit Jahren niedrige Zinsniveau könnte noch weiter sinken, wenn die Europäische Zentralbank zur Konjunkturbelebung weiter an der Zinsschraube dreht.

Bereits jetzt liegt die Umlaufrendite als wichtigstes „Zins-Barometer" unter dem Wert, den Lebensversicherer für zahlreiche Verträge noch garantieren müssen. Selbst der reduzierte Garantiezins von derzeit noch 3,25 Prozent könnte bei einem weiter sinkenden Zinsniveau zur Hürde werden. Deshalb gibt es Überlegungen, den Garantiezins noch weiter auf einen Wert von 2,75 Prozent zu senken – auswirken würde sich das aber nur auf neu abgeschlossene Verträge.

Neue Verträge könnten künftig auch steuerlich schlechter gestellt werden. Denn die Rürup-Kommission, die sich mit der Besteuerung der Altersvorsorge beschäftigt hatte, hat vorgeschlagen, das Steuerprivileg der Kapital bildenden Lebensversicherung aufzuheben. Konsequenz: Anders als heute müssten die Versicherungskunden am Versicherungsende die gezahlten Gewinne voll versteuern. Eines der wichtigsten Verkaufsargumente für die Policen fiele dann weg.

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