Zeitung Heute : Die Angst vor dem China-Syndrom

ROBERT RIMSCHA

Amerika hat ein ruhiges Wochenende erlebt.Genau genommen: So ruhig war es seit Beginn des Kosovo-Krieges noch nie.Während sonst die Phalanx der Erklärer durch die Polit-Talkshows tingelt, enthielten sich diesmal Clinton, Albright und Cohen der Stimme.Zum Bombardement der chinesischen Botschaft sagten sie außer sorry lieber nichts.Das Schweigen ist freilich beredt: Dieser Kollateralschaden hat das Zeug zum kapitalen Irrtum.

Bill Clinton hat die üblichen Worte des um Verzeihung Bittenden gefunden - und gleichzeitig mit Nachdruck in Erinnerung gebracht, nicht der versehentliche Beschuß sei barbarisch, wie Peking dies zuvor bewertet hatte, sondern einzig die Massenvertreibung, die Slobodan Milosevic organisiert.Natürlich hat er recht - nur hilft dies keinen Zentimeter weiter.Das Schweigen in Washington übersetzt nur die jähe Hilflosigkeit, die nach dem bisher fatalsten Kriegs-Irrtum ausgebrochen ist.Der Fehler der Geheimdienste, ausgerechnet die chinesische Botschaft in Belgrad als jugoslawisches Waffenlager einzuschätzen, hat den bisherigen Planungen für ein allmähliches Ende des Krieges einen Strich durch die Rechnung gemacht, wie dies drastischer kaum möglich ist.

Da hatte der kriegsführende Westen sich wochenlang bemüht, Moskau auf seine Seite zu ziehen, und dabei mit kräftiger deutscher Hilfe auch sichtbare Erfolge verbucht.Wer nach Peking fragte, bekam stets zur Antwort: Wer die Russen auf die Seite der Nato zieht, erntet Chinas Unterstützung im Schlepptau.Das spätestens seit dem Nato-Gipfel in Washington Ende April sichtbare Kalkül lautete: Der unpopulären Bodentruppen-Frage, die für sich genommen genügend Sprengkraft hat, um der 19er-Allianz etliche Mitglieder abspenstig zu machen, entgeht nur, wer sich ein kräftiges Sicherheitsrats-Mandat in New York holt.Wenn die UN den Auftrag geben, eine friedensstiftende Mission in ein nur noch halbkriegerisches Kosovo zu entsenden, werde sich die öffentliche Meinung in Italien, Griechenland oder Deutschland schon zähmen lassen.Soweit das Kalkül.Peking wurde darin stets als nachrangig zu buchender Posten verstanden.Daß etwas geschehen könnte, was die Russen im Boot läßt, es den Chinesen aber unmöglich macht, neben der Nato Platz zu nehmen - dies war in den Planspielen nicht vorgesehen.

So hat sich mit dem Beschuß der Belgrader Botschaft etwas ereignet, das nicht nur taktische Umstellungen in der kriegsbegleitenden Diplomatie verlangt.Das Endgame selbst ist nicht mehr dasselbe.Sich den schützenden Mantel der UN umzuhängen ist seit Sonnabend eine Null-Option: Es muß als unmöglich betrachtet werden, daß Peking der Entsendung einer bewaffneten Truppe zustimmen wird und die Nato damit ein UN-Mandat bekäme.Was bleibt, ist die unbequemste aller Fragen: Wie weiterkämpfen, wenn dies bedeutet, daß die Nato Belgrad alleine entgegenzutreten hat? Wie Unterstützung in den Mitgliedsstaaten sichern, wenn klar ist, daß die Absolution für den Waffengebrauch, die einzig New York erteilen kann, nicht ausgesprochen werden wird?

Die zur Antwort Verurteilten schweigen nun und denken nach.Daß Peking, der bislang fest eingeplante Partner, nicht mehr zur Verfügung steht, nimmt der Nato die Möglichkeit, die Verantwortung für Gewesenes und noch Kommendes auf mehr Schultern zu verteilen.Großbritannien, die USA und die Türkei scheinen am ehesten bereit zu sein, mit diesem Zwang zur Selbstlegitimation umzugehen.Der Nato mag es beim Überprüfen ihrer Standfestigkeit helfen, sich an zwei Dinge zu erinnern.Da sind zunächst die Kriegsziele, deren Durchsetzbarkeit zwar schwieriger geworden ist, deren Berechtigung aber keinen Schaden genommen hat.Und dann ist da die Einsicht, daß dieser Krieg längst zu Frontverschiebungen geführt hat, wie sie niemand voraussagen konnte.Wer hätte gedacht, daß die Nato ihren ersten Krieg zur Wiedereinsetzung der Menschenrechte für moslemische Zivilisten führen würde? Wer hätte für möglich gehalten, daß die erste Hilfe für die vertriebenen Kosovaren auch aus Israel kam, weil die Erinnerung an den Holocaust schwerer wiegt als der Graben zwischen Juden und Moslems? Dieser Krieg lehrt, daß alte Fronten hinfällig sind.Neue gegenüber China zu vermeiden wird nun sehr, sehr schwierig.

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