Zeitung Heute : Die Angst vor dem Experiment

Der Tagesspiegel

Von Stefan Hermanns

Stuttgart. Am späten Abend geriet Martin Max noch einmal in die Rolle des Außenseiters. Ganz links wurde er zur Pressekonferenz platziert, neben Rudi Völler, den Teamchef im offenen Hemd und mit Jackett, Harald Stenger, den Pressechef des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) in Anzug und mit Krawatte, und Mannschaftskamerad Oliver Bierhoff mit Hemd und Strickjacke. Nur Max trug den DFB-Trainingsanzug, und neben seinen gut gekleideten Nachbarn wirkte es fast so, als könne er sich gar nicht trennen von dem guten Stück. Ein achtjähriger Junge würde sein erstes Trikot ja auch am liebsten noch im Bett anbehalten.

Der Stürmer von 1860 München, der beim 0:1 gegen Argentinien sein erstes Länderspiel bestritten hatte, ahnte wohl, dass er nicht mehr viele Gelegenheiten erhält, offizielle DFB-Kleidungsstücke zu tragen. Bald wird Max 34, und in diesem Alter neigen sich die meisten Nationalmannschaftskarrieren ihrem Ende zu. Bei Max ist das nicht anders, und seine Sätze klangen nach Abschied. „Ich bin zufrieden mit der Zeit, die ich hier hatte“, sagte Max, als blickte er auf hundert Einsätze zurück und nicht auf dreizehn Minuten (inklusive Nachspielzeit). „Es war für mich eine schöne Zeit.“ Den Rest konnte man sich denken: Schade, dass es vorbei ist.

Martin Max wird wohl nicht mit zur Weltmeisterschaft reisen. Teamchef Rudi Völler hat zwar in den Tagen von Stuttgart ein paar Worte der Anerkennung über den derzeit erfolgreichsten Stürmer der Bundesliga gesagt, aber echtes Vertrauen war aus seinen Sätzen nie herauszuhören. Wenn er den Münchner wirklich auf seine WM-Tauglichkeit hätte testen wollen, hätte Völler ihn nicht erst nach 82 Minuten einwechseln dürfen. „Insgeheim hatte ich schon gehofft, eher ins Spiel zu kommen“, sagte Max. Realistisch waren solche Hoffnungen nie.

Im Grunde war er nur das Füllsel für einen ausgedünnten Kader, und vielleicht war Völler sogar froh, dass Max zwei Minuten vor Schluss den Ball nicht richtig getroffen und nicht noch den Ausgleich erzielt hatte. Seine Erklärungsnot wäre noch größer geworden.

Schon so ist sie immens. Das Publikum versteht nicht, warum Max mit 16 Saisontoren keine echte Chance bekommt und Völler stattdessen an Carsten Jancker (null Tore) festhält. Als Jancker gegen Argentinien vor Max eingewechselt wurde, pfiffen die Zuschauer. Doch vermutlich richtete sich der Unmut weniger gegen den Stürmer des FC Bayern als gegen die Feigheit Völlers.

„Die Statistik spricht natürlich gegen ihn“, sagte der Teamchef über Jancker. Aber Völler hat Janckers bessere Spiele nicht vergessen, „deswegen weiß ich, dass ich mich auf ihn verlassen kann".

Man könnte das Treue nennen. Oder Starrsinn. Seitdem Völler Teamchef ist, scheut er jegliche Form von Veränderung. Es hat ihn zum Beispiel nie gestört, dass die Öffentlichkeit nach der EM 2000 einen radikalen Neuaufbau forderte.

Der Teamchef berief trotzig das alte Personal. Es hat ihn auch nie gestört, dass bei jedem Länderspiel über die Eignung Oliver Bierhoffs als Kapitän diskutiert wurde. Erst als es allen zu blöd war, das Thema zum siebenundfünfzigsten Male zu erörtern, ersetzte Völler Bierhoff durch Kahn. Und genauso stört es ihn jetzt auch nicht, dass alle Welt Max für Jancker fordert.

Im Grunde hat Völler seinen WM-Kader schon Ende vorigen Jahres festgelegt, als er den Spielern, die im November die Qualifikation geschafft haben, einen Bonus aussprach. Die beiden Ausscheidungsspiele gegen die Ukraine besitzen für den DFB inzwischen eine ähnliche Aura wie eine Marienerscheinung für die katholische Kirche. Etwas Mythisches haftet ihnen an, sie sollen in die Fußballgeschichte eingehen als die Geburt einer neuen großen Mannschaft. Ärgerlich ist das nur für die, die nicht dabei waren.

Völlers weitgehend abgeschlossene Personalplanung stellt den Sinn der Testspiele noch mehr in Frage. Gegen Argentinien wollte er ursprünglich Carsten Ramelow in der Abwehr spielen lassen. Nur weil kurzfristig Dietmar Hamann ausfiel, rückte Ramelow auf seine gewohnte Position im Mittelfeld, und nur deshalb bekam der junge Dortmunder Verteidiger Christoph Metzelder die Gelegenheit, sich mit einem international erstklassigen Gegner zu messen. „Christoph Metzelder hat für mich ein sehr gutes Spiel gemacht“, sagte Abwehrchef Jens Nowotny, „er hat fast keinen Zweikampf verloren."

Drei Spiele gegen Kuwait, Wales und Österreich bleiben noch bis zur WM, doch schon nach dem nächsten muss Völler seinen Kader bekannt geben. Weil die Spieler aus Dortmund, Schalke und Leverkusen wegen Verpflichtungen mit ihren Vereinen beim Spiel gegen Kuwait verhindert sind, könnte Völler einigen unsicheren Kandidaten eine letzte Chance geben. Frings und Baumann zum Beispiel. Oder Max. Völler hat schon angekündigt, dass er die Plätze mit Spielern aus der U 21 auffüllen werde. Von denen muss er mit Sicherheit niemanden mit nach Japan nehmen.

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