• Die Angst vor der Unsterblichkeit Das Fragen unterscheidet den Menschen seit jeher von allen anderen Lebewesen. Doch im Lauf der Jahrtausende haben sich die Inhalte

Zeitung Heute : Die Angst vor der Unsterblichkeit Das Fragen unterscheidet den Menschen seit jeher von allen anderen Lebewesen. Doch im Lauf der Jahrtausende haben sich die Inhalte

auf paradoxe Weise gewandelt / Von Jens Reich

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Fragen stellen ist eine Eigenschaft, die vermutlich Menschen deutlich von allen Tieren unterscheidet, auch von solchen, denen wir die Fähigkeit zutrauen, Rudimente von Sprache zu erlernen oder gar eine leistungsfähige Zeichensprache. Ich meine nicht einfach fragende Erwartungen, wie sie der Hund zeigt, wenn er gespannt ist, ob es jetzt zum Spaziergang geht. Ich meine Fragen als formulierte Aussagen, die mit einem Fragezeichen versehen sind, wo also eine erklärende, bejahende oder verneinende Antwort erwartet wird. Soweit ich aus der Lektüre von tierpsychologischer Literatur ersehe, können zum Beispiel Schimpansen und Papageien eine Sprache entwickeln, mit denen sie Aussagen treffen, zum Beispiel Rechenaufgaben lösen. Sie stellen aber keine Fragen. Auch sehr kleine Menschen tun das nicht. Die Fragewut des Kindes, die viele Eltern und Angehörige so erstaunt und oft nervt, setzt in einem Alter ein, in dem das Kind längst die Fähigkeiten solcher intelligenten Tiere übertroffen hat und im Vollbesitz seiner menschlichen Sprache ist.

Fragen in einem höheren Sinne (nicht nur, wo der Kochtopf steht) hat die Menschheit in der Epoche gelernt, die Karl Marx als das Kindesalter bezeichnet hat: in der griechischen Antike. Wenn man die theologischen und philosophischen Aussagen der ersten Zivilisationen miteinander vergleicht, dann fällt bei den Griechen auf, dass ihre Philosophie sich aus Anfängen, in denen die Vorsokratiker noch fraglose metaphysische Aussagen machten, in eine Reifephase entwickelt hat, wo Fragestellen geradezu das Kennzeichen philosophischen Denkens wurde: bei Platon. Die meisten platonischen Dialoge, besonders diejenigen, an denen Sokrates führend beteiligt ist, sind voll von Fragen, gelegentlich richtige FrageAntwort-Spiele wie im Fernsehquiz. Oft wird ganz banal gefragt, oft so lange, dass man beim Lesen ganz ungeduldig wird, und plötzlich entwickelt sich dann aus einem Bündel von Fragen und Antwortversuchen eine ganz vertrackte Problemfrage, die den Angeredeten zu einer tief liegenden Antwort bringt. Das Fragen hat also die Funktion, die Wahrheit ans Licht zu bringen – die berühmte Hebammenfunktion des philosophischen Problemstellens.

Auch in späteren Epochen waren Fragen der Hebel, um die Menschen zum Nachdenken zu bringen und sie zu veranlassen, fest gefügte Vorurteile „zu hinterfragen“, wie es der ölige neuere Jargon formuliert. Fragen übernahmen die Führung vor den Antworten, wenn es um Befreiung ging. Die Akademien der Aufklärungsepoche stellten öffentliche Fragen und setzten Preise auf die beste Anwort aus, und die Fragen bezogen sich auf die mögliche Auflösung von den alten Dogmen, zu denen die Autoritäten ungefragte Zustimmung verlangten. Und umgekehrt kennzeichnet es den Verfall des dialektischen Materialismus, als er zur Staatsphilosophie wurde, dass in ihm die Dialektik, die Kunst des In-Frage-Stellens zum klappernden Formalismus verkam und am Ende das Fragestellen selbst unter Strafe gesetzt wurde.

Die Technik des Fragestellens hat die Aktion Mensch nun auf eine ganz andere Grundlage gestellt. Sie fordert die Allgemeinheit auf, im Internet Fragen zur biomedizinischen Ethik zu stellen. Gleichzeitig stellt sie Raum zur Verfügung, diese Fragen auch zu beantworten, wiederum durch Wortmeldungen aus der Bürgerschaft. Hinzu kommen Chat-Runden, in denen sich eine Person (meist ein Experte für einen Aspekt der Biomedizinethik) den spontanen Fragen und Meinungsäußerungen von Personen stellt, die sich mit Namen, Decknamen oder Initialen ausweisen. Intelligent gemachte Plakataktionen haben das Unternehmen offensichtlich in weiten Kreisen bekannt gemacht. Die Fragen liegen nunmehr auch in Buchform vor. Im September sind öffentliche Diskussionsveranstaltungen und die Übergabe des Fragenkatalogs an politische und andere Entscheidungsträger geplant (was allerdings sollen sie mit den Fragen anfangen?). Die Frage zu den Fragen ist nun, was diese Aktion bringt und wie sie im Verhältnis zu älteren Formen der Meinungsbildung zu beurteilen ist.

Ich habe die im Internet dokumentierten Fragen, Antworten, Chatrunden, Foren und Gästebucheintragungen durchgesehen. Dass ich mich hauptberuflich damit beschäftigen müsste, wenn mein Eindruck vollständig und mein Urteil ausgewogen sein sollte, zeigt die Tatsache, dass anstelle von 1000 weit über 8000 Fragen zum Thema Bioethik eingegangen sind und auf die meisten Fragen eine größere Anzahl von Antworten, gelegentlich über 100. Aus vielen Antworten und vor allem aus den Kritiken im Gästebuch geht hervor, dass die Aktion von denen, die sich äußern, überwiegend gelobt wird – es gibt wenige drastische Verrisse, die das Ganze für ausuferndes Geschwätz, ewige Wiederholungen oder voreingenommene Grundhaltungen geißeln. Die Chatrunden mit Prominenten hatten den üblichen Charakter von öffentlichen Foren: Die Fragenden sind internet-untypisch höflich, und die Befragten reagieren mit mündelsicheren Stereotypantworten. Mit den formulierten Artikelbeiträgen, die ich im Forum sah, konnte ich, vorsichtig gesagt, nichts anfangen – da schien mir ein Dadaist am Werk zu sein.

8000 Fragen zu einem zwar recht weiten Thema beinhaltet selbstverständlich Wiederholungen und damit eine Art Abstimmung, welche Fragen besonders viele Menschen beunruhigen. Mir fiel auf, dass die sich anbahnende Biotechnologie des beginnenden menschlichen Lebens und die Möglichkeit der Planung des Körpers und des Gehirns mehr beunruhigen als etwa die ethischen Probleme am Lebensende, etwa Krankheitsbehandlung und Hilfe beim Sterben. Die Verschränkung beider Gebiete in der Frage, ob man Angst vor der Unsterblichkeit habe, zeigt sehr schön die Paradoxie des heutigen Bioethikdiskurses: Wo früher Hoffnung auf Gesundheit und Leben und Angst vor dem Tode sich verschränkten, formuliert man die Frage heute nach der Angst vor der Unsterblichkeit und der Hoffnung auf Eingrenzung des medizinischen Fortschritts. Mir fiel auf, dass reine Sachinformationen sehr selten gefragt wurden. Es gibt zwar ein überwiegend sachgerecht geschriebenes Lexikon von 250 Grundbegriffen und einige Dossiers (deren Überschriften bereits überwiegend die Tendenz signalisieren, zum Beispiel „Sterbehilfe - Tod auf Rezept“) – aber damit könnten Detailfragen etwa eines Schülers, der einen Aufsatz über ein bioethisches Thema vorbereitet, nicht beantwortet werden. Ich gewinne den Eindruck, dass es vielen Fragenden nicht so sehr auf den Erwerb von genauen Kenntnissen als auf die Diskussion „darüber“ ankommt, so wie viele gern „über“ den Islam, „über“ die Dritte Welt, „über“ die Klimakatastrophe reden, ohne sich allzu sehr um Sachverhalte zu kümmern. Ich bin mir durchaus bewusst, dass die Wissenschaft nicht nur beinharte ewige Wahrheiten produziert, sondern vielerorts zeit- und interessenbezogene Konstruktionen der Wirklichkeit – aber auch wenn man die „Tatsachen“ kritisch befragt, so müssen sie doch die Basis einer weltanschaulichen Diskussion sein, wenn diese Hand und Fuß haben soll. So schweben viele Fragen und Antworten im abstrakt Moralischen. Hier imponiert mir dann allerdings der Ernst, mit dem viele Menschen, auf Grund des Mediums vor allem junge Menschen, sich mit den bioethischen Fragen befassen. Läppische Kommentare und aggressive Einwürfe, von denen die Chatrunden sonst so überquellen, sind hier eher die Ausnahme (wobei ich allerdings das Ausmaß der redaktionellen Glättung nicht kenne).

Ich sehe einige Aspekte dieser Aktion kritisch, wie man sieht. Insgesamt jedoch bin ich beeindruckt von dieser modernen Frage- und Antwortaktion und hoffe, dass die Ergebnisse noch lange im Netz stehen werden, damit man beim eigenen Bemühen um Kommunikation lernen kann. Bemühungen, die Dominanz von Experten in existenziellen Fragen zurückzudrängen, halte ich für sinnvoll, um in der öffentlichen Debatte Redefreiheit und Chancengleichheit zu erhalten. Die Qualität sokratischen Fragens erreicht die Internetrunde nicht; aber dafür findet sie auch nicht mehr als Luxus statt, den damals eine harte Sklavenhaltergesellschaft abwarf.

Der Autor ist Molekularbiologe, Arzt und Essayist. Er leitet unter anderem die Arbeitsgruppe Bioinformatik am Berliner Max-Delbrück Centrum und ist Mitglied des Nationalen Ethikrats.

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