Zeitung Heute : Die Angst vor der Welle

Frank Bachner Robert Ide

Die deutschen Schwimmer haben bei den Olympischen Spielen in Athen lange die Erwartungen enttäuscht. Wie kam es dazu?

Lange erreichten uns aus Athen die immer gleichen Bilder: Deutsche Athleten standen am Schwimmbecken, das Wasser perlte an den Badeanzügen ab, über ihre Wangen liefen Tränen. Bis zum überraschenden dritten Platz der 4 x 200-m- Freistil-Staffel der Frauen am Mittwochabend konnten die deutschen Schwimmer keine Medaille bei den Olympischen Spielen gewinnen. Auch Franziska van Almsick war mit ihrem Traum vom Gold gescheitert.

Vor vier Jahren in Sydney hatte das deutsche Schwimmteam drei Bronzemedaillen geholt – obwohl es zerstritten war. Cheftrainer Ralf Beckmann, der vor Athen sechs Medaillen prognostiziert hatte, macht die Bedingungen in Griechenland für das enttäuschende Abschneiden verantwortlich. „Unsere Schwimmer kommen mit den Verhältnissen nicht zurecht. Der starke Wind erzeugt Wellen, da schwimmen manche wie gegen Wände“, sagt Beckmann. Auf die Wettkämpfe im Athener Schwimmbad, das wegen Verzögerungen bei den Bauarbeiten kein Dach hat, haben sich die Deutschen in Freibädern vorbereitet, etwa auf Mallorca. Diese Art von Training dauerte jedoch nur einige Wochen. Amerikaner und Australier, die die Schwimmwettbewerbe in Athen dominieren, trainieren das ganze Jahr über im Freien. Franziska van Almsick sagte nach ihrer Niederlage: „Ich bin das Freibecken nicht gewohnt, ich bin eine Hallenschwimmerin.“

Die Verantwortlichen im Team sind ratlos. Norbert Warnatzsch, der Trainer von Franziska van Almsick, räumte ein, er müsse sein Trainingsprogramm überdenken. „Vielleicht habe ich beim Aufbau Fehler gemacht oder in den letzten Trainingstagen.“ Möglicherweise haben van Almsick und die anderen zu viel trainiert. Und sich damit zusätzlich unter Druck gesetzt.

Der psychische Druck erscheint vielen inzwischen als das größte Hindernis. „Das ist ein mentales Problem“, sagte Christa Thiel, Präsidentin des Deutschen Schwimmverbands. Zu Beginn der Olympischen Spiele verpasste die 4 x 100-m- Freistil-Staffel der Frauen knapp die Bronzemedaille. Ein früher Erfolg hat bei vergangenen Großereignissen oft wie eine Initialzündung gewirkt. Bleibt dieser Schub aus, schwellen die Erwartungen der Öffentlichkeit und der Schwimmer an sich selbst von Tag zu Tag an – wie eine Welle.

Im Frühjahr, bei der Qualifikation für die Olympischen Spiele, hat Franziska van Almsick gesagt: „Schwimmen ist eine Psychoveranstaltung.“ 80 Prozent eines Rennens würden sich im Training entscheiden, der Rest sei geistige Fitness. „Ich will daran arbeiten“, versprach van Almsick damals. Am Mittwoch konnte sie sich immerhin mit Bronze trösten.

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