Zeitung Heute : Die Angst vor K.

Ein neuer Nachbar kam und mit ihm die Polizei. Sie sollte den Ort beschützen, jetzt schützt sie auch den Nachbarn - vor wütenden Einwohnern. Werner K. hat mehrere Frauen vergewaltigt. Keiner weiß, wie lange Ort und Täter es noch miteinander aushalten müssen.

Friedhard Teuffel[Joachimsthal]
werner k.
23.04.2008 - Angst vor Werner K.: Im brandenburgischen Joachimsthal mehren sich die Proteste gegen den ehemaligen Sexualstraftäter...Foto: dpa

Ein Kinderlachen, das vom Spielplatz herübergeflogen kommt, unterbricht für einen Moment die Anspannung. Ein Zeichen, dass alles vielleicht doch nicht so schlimm ist. Jedes Zuschlagen einer Autotür kann diese Pause wieder beenden. Weil er gerade angekommen ist oder wieder abfährt und das bedeutet, dass er noch unter ihnen lebt. Der neue Nachbar.

Seit einer Woche wohnt er in der Neubausiedlung "Am Wohnpark" in Joachimsthal, 3400 Einwohner, im Nordosten Brandenburgs. Und die anderen, die hier leben, wollen ihn so schnell wie möglich wieder loswerden. Am liebsten wäre ihnen, wenn die Polizei ihn einfach abholte. Andere behaupten, sie würden ihn auch rausprügeln, ein Vater von zwei Kindern zum Beispiel. "Ich bräuchte nur fünf Minuten, um mit ihm fertig zu werden."

22 Jahre im Gefängnis gesessen

Werner K., der neue Nachbar, hat mindestens sechs Frauen vergewaltigt und drei Mädchen missbraucht. 49 Jahre ist er alt, 22 davon hat er im Gefängnis gesessen. Mit 17 Jahren wurde er zum ersten Mal wegen sexuellen Missbrauchs von Kindern verurteilt. Jetzt ist er frei. So hat es der Bundesgerichtshof entschieden.

Die Staatsanwaltschaft in Frankfurt an der Oder wollte ihn für immer wegsperren, Sicherungsverwahrung. Selbst Werner K.'s Verteidiger erklärte, dass von seinem Mandanten "eine erhebliche, möglicherweise nicht beherrschbare Gefahr für schwerwiegende Straftaten ausgeht". Für eine Sicherungsverwahrung aber fehle die rechtliche Voraussetzung. Das sah auch der Bundesgerichtshof so. Der Frankfurter Justiz war eine Panne unterlaufen. Es ging um einen alten Missbrauchsfall. K. soll der Täter gewesen sein, aber er saß schon wegen einer anderen Sache. Das Landgericht eröffnete keinen neuen Prozess. Das Verfahren dauere zu lange. Also gab es kein Urteil, also keine Sicherungsverwahrung. Die Frankfurter Staatsanwaltschaft legte keine Beschwerde ein.

Nun ist Werner K. in einer Art öffentlichen Sicherungsverwahrung. Joachimsthal, am Rand des Erholungsgebiets Schorfheide. K.'s Schwester wohnt hier mit ihrer Familie im Wohnpark, ein paar Straßen weiter sein Vater. Meist hält sich K. bei seiner Schwester auf, sein Vater ist pflegebedürftig. Der Wohnpark ist ein eigener Ort im Ort und der Parkplatz in der Mitte der Treffpunkt der Siedlung. Viele zugezogene Familien leben hier, aber auch Alteingesessene. Alle Häuser gruppieren sich um den Platz herum. Es scheint, als werde der Platz immer enger. Die Sicherheit und die Neugier beanspruchen Raum.

Zivilpolizisten bewachen K. rund um die Uhr

Die Sicherheit, das sind jeweils zwei Männer mit Sonnenbrillen, mal in einem silberfarbenen Opel oder in einem silberfarbenen Mercedes. Polizisten in Zivil. Insgesamt 20 sind es, die K. rund um die Uhr bewachen. Die Neugier, das sind Anwohner und Journalisten. Sie sehen, dass K. manchmal von seinem Neffen abgeholt wird, sie fahren in einen der Supermärkte oder zum Vater. K., ein untersetzter Mann mit ergrautem Haar, kommt aus dem Haus, läuft schweigend an den wartenden Journalisten vorbei, steigt ins Auto und fährt weg. Und die Zivilpolizisten fahren hinter ihm her.

Die Polizisten kamen, um die Öffentlichkeit vor K. zu schützen. Jetzt schützen sie auch K. vor der Öffentlichkeit. Der Protest der Anwohner hatte friedlich begonnen. Am Wochenende fingen die Brobowskis aus dem ersten Haus an der Straße an, beschriftete Tischdecken und Bettlaken vor ihren Balkon zu hängen. "Wir haben Angst", "Wer wird der nächste? Sperrt ihn wieder weg". Mittlerweile weisen Wände aus Stoff den Weg von der Hauptstraße in den Wohnpark.

Peter Brobowski, ein Mittdreißiger, und seine Frau Grit sind so etwas wie die Pressesprecher der Anwohner geworden. Ihre Zwillinge sind acht Jahre alt. Wenn sie zur Schule, zum Fußball oder zum Tanzen gehen, dürfen die nicht mehr allein aus dem Haus. Mit den Nachbarsfamilien haben die Brobowskis Fahrgemeinschaften organisiert. "Warum kann man einen nicht einsperren, der eine Gefahr für andere darstellt?", fragt Peter Brobowski. Er arbeitet im Wachschutz, manchmal in Berlin, in diesen Tagen habe er sich jedoch freigenommen, um die Lage zu beobachten, wie er sagt.

Protestmarsch  

Zur Lage gehört, dass die Brobowskis regelmäßig den Fernseher einschalten, um zu schauen, was aus ihrem Protest geworden ist. "Wir sind schon stolz darauf, was wir geschafft haben", sagt Grit Brobowski. Sie meint die Aufmerksamkeit. Denn bei ihren Transparenten haben sie es nicht belassen. Für Dienstagabend riefen sie zu einem Protestmarsch auf. Vom Wohnpark zogen Anwohner bis zum Haus von K.'s Vater. 250 Leute seien sie gewesen, sagt Peter Brobowski. Andere sprechen von 100.

An einem Haus schräg gegenüber hängt ein Transparent. "Wir fordern: Todesstrafe für Kinderschänder", steht darauf. Die Brobowskis sind nicht die Einzigen, die sagen, sie hätten ein Problem damit. Gerlinde Schneider zum Beispiel ist beunruhigt, die Bürgermeisterin. Sie hält eine Flasche Joachimsthaler Sekt in der Hand, sie ist unterwegs zum Richtfest des neuen Aldi. "Ich kann den Frust der Anwohner verstehen", sagt sie. "Aber ich habe Angst, dass die Sache eskaliert." Dass aus dem Wohnpark ein Volksgefängnis wird und einige Anwohner anfangen, sich als Wärter aufzuspielen. Schneider ist Bürgermeisterin im Ehrenamt, parteilos, hauptberuflich arbeitet sie als Lehrerin, Deutsch und Englisch, in einem Ort ein paar Kilometer weiter. Über die Joachimsthaler spricht sie, als fühle sie sich wie ihre Mutter. Und die macht sich wirklich Sorgen. "Je mehr Meinungen sich bilden, desto mehr habe ich den Eindruck, dass es nicht nur um Herrn K. geht, sondern dass sich manche auch gegen die Stadt und den Staat richten." Beim Demonstrationszug sollen auch frustrierte Jugendliche mitgezogen sein, die auf der Suche nach Abwechslung, vielleicht auch nach Gewalt sind.

K.'s Schwester ist mit den Nerven am Ende

Gerlinde Schneider redet sonst nicht lange um die Dinge herum, aber ihre Entschiedenheit verschwindet, wenn sie gefragt wird, wie es denn weitergehen kann. Sie muss sich sammeln. "Ich sehe kein Ende." Aber sie will die Bürgermeisterin aller Joachimsthaler bleiben, auch die von Werner K.'s Familie: "Der Druck ist so schlimm, sie fühlen sich hier nicht mehr wohl." Warum das so ist, ist auf dem Parkplatz des Wohnparks zu beobachten. K.'s Schwester kommt mit Abfalltüten aus ihrer Wohnung. Eine kleine Frau mit blassem Gesicht und geröteten Augen. "Ich bin mit den Nerven am Ende", sagt sie, "ich habe ein Kind mit zwölf Jahren."

Am Montag, als die Belagerung so richtig begann, kam ihre Tochter nicht zur Schule. Dann rief die Lehrerin bei ihr an, seitdem geht sie wieder hin. "Ein liebes, nettes Mädchen", sagt Andreas Krenzien. Er ist Leiter der Grundschule, ein nachdenklich wirkender Mann. Nur die silbergrauen Haare und ein melancholischer Blick, der von vielen Erlebnissen erzählt, nicht nur von glücklichen, weisen darauf hin, dass er schon 56 Jahre alt ist. Er hat festgestellt, dass plötzlich Eltern ihre Kinder mit dem Auto bringen und abholen, die das vorher nicht getan haben. "Wir haben die Kinder sensibilisiert, dass sie es sofort melden, wenn sich eine unbefugte Person auf dem Schulgelände aufhält", sagt Krenzien. Er bleibt sachlich, wenn er über das veränderte Leben in Joachimsthal spricht. Es ist auch so schon genügend Aufregung im Ort. Aber es gibt einen Gedanken, den er nicht loswird. "Was passiert, wenn sich die Lage in einem Monat, in einem halben Jahr angeblich beruhigt hat und die Polizei abgezogen wird?"

Es ist die Frage, auf die es derzeit keine Antwort gibt. Es gibt nur Vermutungen und ein Beispiel. Sachsen-Anhalt, im vergangenen Jahr. Frank O. hatte eine Haftstrafe wegen Mordes abgesessen, eine nachträgliche Sicherungsverwahrung war nicht möglich. O. kam zurück nach Quedlinburg. Fast vier Monate begleiteten ihn insgesamt 32 Polizisten, bis er einer Therapie zustimmte. Er hat keine weitere Straftat begangen.

"Er ist eine tickende Zeitbombe"

Die Frage ist, ob eine Therapie das Problem im Fall Werner K. lösen kann. Nein, sagt einer, der ihn kennengelernt hat und auch seine Akten. "Er ist eine tickende Zeitbombe." Es gibt einen entscheidenden Unterschied zwischen Werner K. und Frank O. Bis heute leugnet K. jede einzelne seiner Taten. "Ich bin unschuldig", hat er auch jetzt gesagt. Neun Jahre saß er zuletzt in Haft. Er verließ seine Zelle nur zwei Mal in der Woche. Zum Duschen. Kein Hofgang, keine Arbeit, keine Therapie. Alles lehnte er ab. Sexualstraftäter, die sich an Kindern vergangen haben, stehen in der Gefängnishierarchie ganz unten. Ob das ein Grund für K.'s selbst gewählte Einsamkeit ist, ist sein Geheimnis.

Was hat er getan in all der Zeit? "Er hat sich seinen Phantasien hingegeben", sagt der Eingeweihte. Er meint den Gedanken an eine neue Vergewaltigung. Das entspreche K.'s Täterbiografie. Seine Verbrechen seien von Mal zu Mal ausgetüftelter, immer brutaler geworden. "Dieser Mann ist eigentlich nicht therapierbar." Bei seiner letzten Vergewaltigung vor zehn Jahren lauerte er einer 29 Jahre alten Frau auf einem Feldweg mit einer Strumpfmaske und Schreckschusspistole auf. Mit Handschellen fesselte er sie an einen Strauch.

Würde er jetzt mit Strumpfmaske, Handschellen oder einer Waffe erwischt, würde er festgenommen. Es wäre ein Verstoß gegen seine Bewährungsauflagen. K. könnte dann wieder im Gefängnis landen. Zu den Auflagen gehört auch, dass er sich eine Arbeit suchen muss.

Keine Therapie, aber auch kein Gefängnis. Möglich, dass K. noch lange bleibt und überwacht wird. Unwahrscheinlich, dass sich der Ort auf Dauer an diesen Zustand gewöhnen kann. Und was, wenn einem die Sicherung durchbrennt?

Bliebe der Umzug in einen anderen Ort. Angeblich versucht die Polizei gerade, mit ihm darüber zu verhandeln. Nach Joachimsthal kam K. Anfang der Neunzigerjahre, soziale Kontakte hat er offenbar kaum. Er saß ja die meiste Zeit im Gefängnis. Er hat seine Familie.

Es wäre der Umzug in einen anderen Wohnpark. Er würde die Polizisten mitbringen, vielleicht auch die Medien und auf jeden Fall die Angst.

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