Zeitung Heute : Die Anklägerin

Siehat sechs Bodyguards. Die Islamkritikerin Ayaan Hirsi Ali ist ständig in Lebensgefahr. Auch beim Berlinbesuch

Constanze von Bullion

So also sieht eine Amazone aus. Schmal und hoch aufgerichtet, mit einem entwaffnenden Strahlen im Gesicht und einem Blick, der mehr Schüchternheit verrät, als ihr lieb sein dürfte. Ayaan Hirsi Ali kommt natürlich nicht allein, sie ist jetzt immer von diesen schweigenden Herrn in grauen Anzügen umgeben, die ihr bei jedem Schritt auf der Pelle bleiben. Die Sicherheitsleute aber sind es nicht, die diese Frau so seltsam weit weg und manchmal fast unerreichbar wirken lassen.

Es ist Montagvormittag, und durchs Foyer der Bundespressekonferenz in Berlin rauscht eine 35-jährige Frau in feinem Tuch, deren Tempo einen ganzen Pulk von Presseleuten stolpern lässt. Hirsi Ali segelt zwischen Kameras und Mikrofonen hindurch, sie weicht nicht aus, als ein Fotograf sich ihr in den Weg stellt, und dass die Angst mitreist bei jedem ihrer Auftritte, das zeigt sie mit keinem Wimpernschlag.

Ayaan Hirsi Ali ist die Frau, die sterben sollte, als im November der holländische Filmemacher Theo van Gogh ermordet wurde. Ein mutmaßlicher Muslimextremist schlitzte ihm die Kehle auf und rammte ihm ein Messer mit einem Brief in den Bauch. „Ich weiß, o Ungläubige, dass euer aller Ende naht“, stand da drauf – es war eine Todesdrohung. Sie galt der aus Somalia stammenden Parlamentsabgeordneten Ayaan Hirsi Ali, die das Drehbuch für van Goghs Film „Submission“ geschrieben hatte. Und weil der Streifen sich nicht nur über die Frauenfeindlichkeit des Islam mokierte, sondern auch nackte, gedemütigte und mit Koransuren bemalte Frauenleiber zeigte, gilt die Autorin nun als eine der gefährdetsten Personen der Niederlande.

„Submission“, das muss man ehrlich sagen, ist ein provokanter, aber kein besonders guter Film, und Ayaan Hirsi Ali hat teuer für ihn bezahlt. Nach der Ermordung von Theo van Gogh schleppte die Polizei die Frauenrechtlerin von einem Versteck ins nächste und flog sie schließlich nach Kalifornien aus. Sie hat die Isolation nicht ausgehalten. Ein Leben im Untergrund, das sei wie tot sein, fand sie, und kehrte auf die politische Bühne zurück. Jetzt wohnen Bodyguards in ihrem Haus und beschatten sie bei jedem Schritt. „Mein Freiheit ist etwas eingeschränkt“, erzählt sie leichthin. „Das ist, als würde man bei seinen Eltern wohnen. Man muss immer sagen, wo man hingeht.“

Ayaan Hirsi Ali erzählt solche Dinge ganz gelassen, sie spricht nicht laut und ganz ohne den Eifer, der ihre Gegner inzwischen beherrscht. Dass die Tochter eines somalischen Oppositionsführers ein Leben auf der Flucht führt, dass sie als gläubige Muslimin in Saudi-Arabien und Kenia aufwuchs und vor einer Zwangsheirat nach Holland floh und jetzt, nach einem Politik-Studium und 13 Jahren im Westen, fast nirgends mehr dazugehört, das ist ihr nicht gleich anzumerken – aber in ihrem neuen Buch nachzulesen.

„Ich klage an“ heißt die Aufsatzsammlung aus dem Piper-Verlag, die sie jetzt in Berlin vorgestellt hat. In wenigen Tagen ist das Buch auf Platz 13 der deutschen Bestsellerlisten gerückt, Hirsi Ali kommt an – bei Nicht-Moslems. Was sie schreibt, gefällt Feministinnen, Islamkritikern, aber auch Stammtischbrüdern. Der Prophet Mohammed wäre heute ein Perverser, hat sie mal erklärt, weil er minderjährige Mädchen heiratete. Inzwischen ist sie etwas vorsichtiger geworden, und als ein Journalist sie fragt, was eigentlich schief läuft im Islam, da antwortet sie: „Einige Regeln entsprechen nicht dem Geist einer freiheitlichen Verfassung.“

Ayaan Hirsi Ali hat schnell gelernt, und sie weiß ihre Botschaft inzwischen etwas gefälliger zu verpacken. Statt zu wüten und zu provozieren, verbirgt sie ihren Zorn lieber hinter einer freundlichen, sehr schönen Fassade, die umso undurchdringlicher wirkt, je kniffliger die Fragen werden. Denn Kritik erntet sie nicht nur unter Moslems.

Es ist die westliche Multikulti-Ideologie, sagt Ayaan Hirsi Ali, die den Blick auf die gnadenlose Unterdrückung muslimischer Frauen versperrt, auf die Verfolgung von Homosexuellen und die Einschüchterung junger Mädchen, die in Immigrantengemeinden mit Gewalt in Schach gehalten würden. In ihrem Buch beschreibt sie Schicksale junger Musliminnen, die beschnitten, geschwängert und misshandelt werden und Brüdern oder Vätern ausgeliefert sind. „Wir können nicht wegschauen und so tun, als gehörte das nicht zu unserer Kultur“, sagt Hirsi Ali – wobei offen bleibt, ob „ihre“ Kultur noch die muslimische ist.

Dass sie Abschied genommen hat, nicht nur von ihrem Vater, der sie nach ihrem Aufbruch erst mal verstieß, sondern auch von all den Tabus, die die „Ehre“ einer Muslimin schützen sollen, das alles hat Ayaan Hirsi Ali nicht zur Heldin gemacht, aber zur Außenseiterin. Da sind nicht nur die Moslems, die ihre Kritik als Verrat begreifen. Auch die westlichen Medien hören nicht auf, sie als Traumatisierte zu zeigen, als zornige Tochter einer archaischen Gesellschaft.

Es ist kein Geheimnis, dass Ayaan Hirsi Ali als fünfjähriges Mädchen beschnitten wurde, und in ihrem Buch beschreibt sie, wie ihre Großmutter die Genitalverstümmelung heimlich und gegen den Willen ihres Vaters durchsetzte. Dass es ein Mann war, der sie beschnitt, und sie deshalb relativ glimpflich davonkam, hat sie mal in einem Interview gesagt. Das klingt überraschend und mag auch dem Wissen geschuldet sein, dass eine Frau ohne erfülltes Sexleben im Westen schnell als eine abgestempelt wird, die frustriert ist und sich nur rächen will.

Ayaan Hirsi Ali aber will alles sein, nur kein Opfer, und dass sie sich nicht allzu viel Mühe gibt, sich vor Angriffen zu schützen, das mag zu ihren größten Stärken gehören. Wenn der Islam sich nicht reformiert, wird es zu blutigen Auseinandersetzungen kommen, fürchtet sie. Schärfere Gesetze für Einwanderer sollen her, aber auch eine mutige europäische Verfassung, über die Holland am Mittwoch abstimmt. Multikulti, sagt Ayaan Hirsi Ali, bevor sie geht, das ist nicht anderes als „gut gemeinte Apartheid“.

Sie ist kaum aufgestanden, da rücken sie ihr schon wieder auf den Pelz und umzingeln sie wie ein gefährliches Tier. Sechs stämmige Herren in grauen Anzügen führen Ayaan Hirsi Ali hinaus, zu den Wagen mit den Blaulichtern auf dem Dach. Vier Limousinen rollen dann eilig davon. Freiheit, so scheint es, ist ein zerbrechliches Gut.

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