Zeitung Heute : Die Armee, die keiner wollte

Der Krieg ist vorbei. Aber Sperling trägt wieder Uniform – da bespucken sie ihn. Als die Bundeswehr 1955 gegründet wird, sind die Deutschen Pazifisten. Und heute? Welche Soldaten bringt der Frieden?

Christine-Felice Röhrs

Ein Zisterzienserkloster ist ein guter Ort für Geheimnisse. Zisterziensermönche bauen ihre Klöster immer an einsamen Orten. Am 5. Oktober 1950 machen sich 15 Männer auf den Weg ins Eifelkloster Himmerod. Es sind Soldaten, darunter zehn ehemalige Wehrmachtsgeneräle, und was sie vorhaben, verstößt gegen alle Auflagen der Alliierten. Konrad Adenauer persönlich hat sie für diese Aufgabe ausgesucht, für diese „Geheime Bundessache“; die Mönche dürfen nicht einmal Namensschilder an den Türen ihrer Gäste anbringen. Fünf Jahre nach Kriegsende planen 15 Männer eine neue deutsche Armee.

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Hans-Günther Sperling ist damals 29 Jahre alt, ein schmaler, nicht sehr großer Mann mit einem zahnlückigen Lächeln, das er nur selten zeigt, und dunklen Augen. Er lebt in Berlin und schlägt sich mit Gelegenheitsjobs durch. Er zeichnet gut, und wenn Grüne Woche ist, malt er meterweise Hühner auf Wände. Er hatte mal einen Traum, aber der ist zerplatzt , nun lebt er von Tag zu Tag. Er fühlt sich, als ob er auf einem viel zu dünnen Ast balancierte. Nichts hat hier Sinn oder Zukunft, es muss einfach überlebt werden.

Hans-Günther Sperling weiß noch nicht, dass er bald wieder eine Uniform tragen wird. Nichts liegt ferner, da doch das ganze Volk noch unter Schock steht. Tote, Vermisste, Ruinen, Notunterkünfte, Versehrte – das ist der Alltag. Die Familie ist ausgebombt, gottlob ist keiner tot, jetzt leben sie zu fünft in einem Zimmer. Es ist eine Geschichte, die Millionen anderen gleicht, und die doch besonders ist: Ganz Deutschland zieht eine Uniform aus, einer zieht sie wieder an. Warum?

Hans-Günther Sperling wird bald 85. Vor 60 Jahren hatte die Wehrmacht ihn wieder freigegeben, vor 50 Jahren ist er in die neue Bundeswehr eingetreten. Er könnte in einem Geschichtsbuch stehen. Er hat das Amt Blank erlebt, die Keimzelle des Verteidigungsministeriums, noch bevor es überhaupt eine neue Armee gab, und dann wurde er einer ihrer ersten 30 Soldaten. Wenn die Bundeswehr ab heute 50 Jahre feiert, am Tag der Umbenennung des Amts Blank in Ministerium der Verteidigung, dann ist das eigentlich auch ein Fest für ihn.

Eine Armee feiert sich selbst. Sie hat Grund: Sie hat Frieden gehalten. Sie hilft Menschen weltweit, ihre Auslandseinsätze sind humanitärer Natur. Aber kann sie auch sich selbst helfen? Am Schluss dieser Geschichte werden zwei junge Leute stehen, Nicole und Christoph, die vor ein paar Tagen bei der Bundeswehr unterschrieben haben, dass sie bleiben wollen. Sie sollen die Zukunft einer Armee sein, die sich selbst so langsam ein Rätsel wird. Neue Aufträge, neue Struktur, und schrumpfen soll sie auch.

Wenn man mal einen Bogen schlägt: Was für Soldaten hatten wir und welche bekommen wir?

Bonn, Ortsteil Pützchen, ein fünfstöckiges weißes Mietshaus, die Türen gehen raus auf Außenkorridore, rheinisch-katholisch-gepflegter Rasen vor der Tür. Die Sperlings wohnen im obersten Stock, draußen ein Meer bewegter Bäume, und hier oben, fast so hoch wie das Siebengebirge, schaut er, der Flieger, den grauen Wolken in die Augen wie damals. Sein Lächeln ist immer noch zahnlückig, aber ein Schnurrbart gibt ihm nun etwas sehr Würdiges. Es ist eine freundliche Rentnerwohnung. Ein Plüschtiger liegt neben dem Fernseher. Sperlings Frau zieht zurzeit eine Gummibaumranke von einem Topf neben der Küche quer über die Wand. Sperling erhebt sich ab und zu und geht umher, eine Hand auf dem Rücken. Bandscheiben-Operation, vor kurzem. Er gehört zu den Alten, die noch „Kriech“ sagen statt „Krieg“, abgeschliffen das Wort vom vielen Gebrauch.

Sperlings Traum vom Fliegen ist schon alt. Und stark. Er hat es sogar ausgehalten, angespuckt zu werden. Es ist wichtig, hier von Sperlings Traum zu erzählen, denn er war es, der ihn auf direktem Weg in die Bundeswehr geführt hat, in eine Armee, die halb Deutschland zuerst hasst.

Fürs Fliegen war Hans-Günther Sperling, Gymnasiast aus Berlin-Hermsdorf, in die Fliegerhitlerjugend eingetreten. Die normalen Hitlerjungen mussten lernen, zu marschieren, zu kampieren und sich einzugraben. Aber für die Fliegerhitlerjungen hatte Borsig in Reinickendorf eine Tischlerei zur Verfügung gestellt, zum Modellebauen, und am Wochenende machten die Jungs Radltouren nach Trebbin, um mit Seglern zu fliegen, an der Winde hochgezogen, bis auf 400 Meter, Nase runter, ausklinken und los. Das Gefühl vergaß er nie wieder, es wurde fast etwas Körperliches, so wie man einen Dauerschmerz spürt, so kann man auch eine Dauersehnsucht fühlen nach dem Fliegen. Sperling sagt: „Welches Kind darf denn so was schon mit 15?“

Natürlich wurde er Soldat. „Ich habe gar nicht darüber nachgedacht, dass es etwas anderes geben könnte“, sagt Sperling, „wir alle waren schon 1933 so eingeschworen“.

Aber dann flog Hans-Günther Sperling doch nicht, im Krieg. Weil er Brillenträger war. 40 Zentimeter im Quadrat – das wurde sein Krieg. Hans-Günther Sperling arbeitete in so genannten Nachtjagdstellungen. Nachts stand er auf und setzte sich ans Radar, das damals noch Funkmessgerät hieß, er sah die Flieger von England her als Punkte immer näher kommen, er las ab, welche Höhe sie hatten und welche Richtung sie nahmen, und gab ihre Positionen an die eigenen Piloten weiter, „bis sie unter den Tommys hingen, hochzogen und feuerten“. Sperling sagt: „Wenn sie ,Pauke-Pauke’ meldeten, hieß das Abschuss.“ Und er selbst war immer noch nicht geflogen. „Ich war grün vor Neid“, sagt er. Seine Frau sagt: „Na, Liebchen, ein Schorlchen? Das lockert doch ein bisschen auf.“

Und dann war’ s aus. Kapitulation. Ein komisches Gefühl. „Nicht, weil ich mich als Verlierer gefühlt hab’“, sagt Sperling, eher, weil… „Tja“, er guckt zum Fenster raus auf seine Wolken und schweigt ein bisschen.

„Bisher waren wir ja geführt worden, aber jetzt sollten wir plötzlich alleine zurechtkommen?“

Warum wird ein Mensch Soldat? Fügt sich ein in ein System von Befehl und Gehorsam? Sperling ist als Jugendlicher da hineingefallen, wie viele, ohne zu fragen. Gehorsam, das schien zu seiner Zeit eher Tugend als Fehler, der Blickwinkel auf soldatische Tugenden war ein anderer. Aber warum hatte es nach Ende eines Weltkrieges ausgerechnet wieder dieser Beruf sein müssen? Sperling sagt: „Weil ich doch Soldat war!“

Im Grunde ist es einfach: Soldatsein, das war für viele Männer vor dem Krieg das Erste und Einzige, was sie lernten, und nach dem Krieg wurde es ihnen nicht leicht gemacht, etwas Neues zu sein. Hühner zu malen, das ist nicht erfüllend. Für Hans-Günther, 29, ohne Hoffnung, war es „ein Riesenlichtblick“, als ein Kumpel ihm 1952 von der freien Stelle in Bonn erzählt, im Zeichenbüro des Amts vom Theo Blank, „Beauftragter des Bundeskanzlers für die mit der Vermehrung der alliierten Truppen zusammenhängenden Fragen“. Sperling sollte Organigramme von zukünftigen Truppenteilen zeichnen, und es gab gutes Geld dafür.

Das Amt Blank residiert damals schon zwei Jahre in der Ermekeilkaserne, und es ist eine seltsame Einrichtung zu dieser Zeit. 700 Menschen beschäftigen sich mit der Planung einer Armee, dabei legen vielerlei Verträge Deutschland auf eine langfristige Entmilitarisierung fest, während die Deutschen zu Pazifisten geworden sind. 73 Prozent lehnen es 1950 ab, Soldat zu werden oder ihre Kinder Soldat werden zu lassen. Als Adenauer das erste Mal öffentlich über eine neue Armee nachdenkt, rebellieren sie, auch die Jungen, und Carlo Schmid von der SPD, Vizepräsident des Bundestags, stellt fast verwundert fest: „Der Antimilitarismus ist die eigentliche Weltanschauung der deutschen Jugend nach dem Krieg geworden.“ Der Widerstand ist überall. Selbst Franz Josef Strauß, junger CSUler, ruft: „Wer noch einmal ein Gewehr in die Hand nimmt, dem soll die Hand abfallen.“

Aber Adenauer interessiert das nicht. Für ihn ist die Idee vom deutschen Soldaten ein politisches Instrument. In der DDR rüstet Stalin die Volkspolizei auf, der Angriff des kommunistischen Nordkorea auf Südkorea lässt befürchten, dass die Russen auf ähnliche Ideen kommen, und Adenauer pokert: der deutsche Wehrbeitrag, den die Amerikaner sich wünschen, gegen volle Souveränität der Bundesrepublik. Er beginnt einen Politthriller. Mit der späteren Dienststelle Blank richtet er ein anfangs noch geheimes Aufrüstungsbüro ein, das er absichtlich irreführend Zentrale für Heimatdienst nennt, er feuert den General, der sie anfangs leitet, weil er vor der Presse ausplaudert, was er tut, er schickt 15 Militärs in ein abgelegenes Kloster mit dem Auftrag, sich eine neue Armee auszudenken, und ohne sein Kabinett auch nur zu fragen, übermittelt er den Alliierten das Angebot, „im Falle einer Bildung einer westeuropäischen Armee einen Beitrag in Form eines westdeutschen Kontingents zu leisten“. Die Deutschen sind gar nicht entzückt. Um deutsche Soldaten entzündet sich die erste Kabinettskrise des neuen Landes. Innenminister Heinemann tritt zurück.

Sperling erfasst die großen Linien der Sicherheitspolitik damals nicht. Die Generäle, die in Zivil in seinem Amt Blank ein- und ausgehen, sind für ihn einfach nette Kerle. Dass der Baudissin, der Kielmannsegg, der de Maizière sich da für die innere Ordnung der neuen Streitkräfte etwas Bahnbrechendes ausdenken nach Jahrhunderten eines autoritär geprägten Militärs, das nimmt er nicht wahr. Verzicht auf ein Feindbild, unheroischer Friedensalltag, Verteidigung statt Angriff, nicht Staat im Staate, sondern Staatsbürger in Uniform – so eine Armee hat es noch nicht gegeben. Fühlt Sperling sich als Staatsbürger in Uniform? „Ich habe auf jeden Fall geglaubt, dass das Land Soldaten braucht“, sagt er, „da war doch die russische Bedrohung“. Aber als es die Bundeswehr endlich geben darf, wird er vom zivilen Zeichner zum Soldaten, weil sie zugesagt hatten, dass er schnell befördert werden würde – und dass er endlich fliegen darf.

In den Geschichtsbüchern ist immer vom 12. November 1955 die Rede, wenn die erste Vereidigung der Bundeswehr, die damals noch nicht Bundeswehr heißt, beschrieben wird: 101 Soldaten, Adenauer und Marschmusik. Dabei gab es die ersten Nachkriegssoldaten schon vier Tage früher, am 8. November, in einem ehemaligen Pferdestall der Ermekeilkaserne, ohne Musik und ohne Adenauer. Es sind etwa 30 Mitarbeiter des Amts Blanks. Sperling hat die Urkunde noch. „Im Namen der Bundesrepublik Deutschland ernenne ich den Oberleutnant a.D. Hans-Günther Sperling unter Berufung in das Dienstverhältnis eines freiwilligen Soldaten zum Hauptmann. Bonn, den 8. November 1955. Der Bundesminister für Verteidigung.“ Darunter in blauer Tinte ein krakeliges „Blank“. Sperling sagt: „Wir haben gefroren und gewartet, und dann kam er. Er hat gesagt, er sei dankbar für unser Vertrauen.“ Später werden die neuen Uniformen verteilt. „Sie waren ziemlich hässlich“, sagt Sperling. „Man sah aus wie ein Portier.“ Und: Auf der Straße werden die frisch Uniformierten gar nicht gut aufgenommen. Ihn halten sie an der Haltestelle in Bonn-Beuel an. „Na, willste wieder in den Krieg? Mit unserer Bahn fährste aber nicht.“ Einer spuckt nach ihm, einer schubst ihn. Sperling sagt: „Ich bin dem aus dem Weg gegangen. Ich bin ja in meinem Leben nie stark gewesen.“

Niemand spuckt Soldaten heute noch an. 86 Prozent der Deutschen haben 2003 eine grundsätzlich positive Einstellung zur Bundeswehr. Die Hilfe beim Oderhochwasser, die Einsätze in Bosnien und Somalia, die Lazarette in den Flutgebieten Südostasiens haben das Image in den vergangenen Jahren erheblich verbessert; noch Anfang der 90er, als die Bedrohung aus dem Osten endgültig geschwunden war und die Frage auftauchte, wofür überhaupt noch Streitkräfte, war das ganz anders. Es ist zwar keine Freundschaft daraus geworden, zwischen den Deutschen und ihren Streitkräften, die Soldaten sind eher auf einer Art Dauerbewährung, und das Volk jederzeit bereit, das Vertrauen zu entziehen, wenn Rekruten geschunden oder in Amtsstuben Wehrmachtsdevotionalien versteigert werden, aus Angst, das sei ein Symptom. Aber insgesamt ist die Bundeswehr in der Mitte der Gesellschaft angekommen, das ist nicht mehr das Problem.

Das Problem ist: Wo geht sie hin? Sie wird kleiner und will dafür feiner werden, aber das ohne Geld, was es noch schwieriger macht, mit der Wirtschaft um gute Leute zu konkurrieren. Es wird wieder gefährlicher, in der Bundeswehr zu sein. Die Deutschen müssten damit rechnen, hat Minister Struck dem „Focus“ gerade gesagt, dass die Bundeswehr auch wieder an Kriegseinsätzen teilnimmt, wenn UN, Nato oder EU darum bitten, und dass dabei auch deutsche Soldaten getötet werden könnten. Macht man so etwas nur für Geld? Eines der Hauptmotive für junge Leute, zur Bundeswehr zu gehen, sagen die Experten vom Sozialwissenschaftlichen Institut der Bundeswehr, der Instanz, mit der sie sich selbst erforscht, ist immerhin die Sicherheit des Arbeitsplatzes. Nicht von ungefähr kommt der Zeitsoldatennachwuchs heute überwiegend aus dem Osten. Aber braucht es für diese neuen Einsätze nicht andere Soldaten? Die neuen Idealisten?

Vor dem Wachhäuschen des Zentrums für Nachwuchsgewinnung Ost in Köpenick laufen Enten herum, die Dahme ist nicht weit. Vorsichtig kurven die Autos um sie herum. Ein paar gelb gestrichene Blocks um einen weitläufigen Parkplatz – dies ist die große Hoffnung der Bundeswehr. Vier Nachwuchsgewinnungszentren gibt es in Deutschland, aber hier schaffen sie fast ein Drittel aller Zeitsoldaten ran für die gesamte Bundeswehr.

150 bis 160 Bewerber strampeln sich in Köpenick pro Woche in bis zu zweieinhalbtägigen Assessmentcentern ab: Sporttest, Wissenstests, Arzttest, seit ein paar Tagen auch Englischtests. Sie sind jetzt strenger bei der Auswahl, „weil immer mehr kommen“, sagt Olaf Bendrat, er ist hier der Chef, ein großer Mann mit energischem Schuldirektorengesicht. Seit 2002, als der Jobmangel begann, schmerzhaft zu werden, steigen die Bewerberzahlen. Gleichzeitig hat die Bundeswehr etwas sehr Kluges gemacht, um sich Nachwuchs zu sichern. Im April 2002 hat sie die Unteroffizierslaufbahn reformiert. Seitdem kann man bei der Bundeswehr eine zivile Lehre machen, die den Zeitsoldaten, wenn er wieder austritt, auf feste Beine stellt. „Du bist Zukunft“ hieß der Slogan, den sich die Personalmarketingleute aus dem Ministerium ausgedacht hatten, um das Konzept vorzustellen. Zukunft, das Wort hat wohl einen magischen Klang, da, wo keiner sie mehr verspricht. Auf jeden Fall schnellte die Bewerberzahl zeitweise um 35 Prozent in die Höhe.

Rainer Stange, Bendrats Stellvertreter, ein Bayer mit Schnurrbart, der hier für alle „Eignungsfeststellungen“ zuständig ist, hat ein paar junge Leute zusammengetrommelt, die an diesem Tag hier sind. Er sagt, er habe sich bemüht, einen Querschnitt durch alle Motive zu finden, aber eines scheint bei allen immer wieder durch. Es ist eine einzige große Bewerbung um ein bisschen Zukunft.

Nicole Raabe, 19, aus Halle zum Beispiel, ein großes schlankes Mädchen, ungeschminkt, schüchtern. Sie sitzt in einem Wartezimmer, Neonröhren unter der Decke, Stühle an der Wand entlang, Bundeswehrzeitschriften auf einem Tisch in der Mitte, aber man sieht, sie freut sich auf diese nüchterne Welt. Vor einer halben Stunde hat sie unterschrieben. Nicole ist im August mit der Ausbildung zur Köchin fertig, Verdienst im dritten Lehrjahr: 348 Euro. Es ist schon die zweite Lehrstelle. Der erste Betrieb war pleite gegangen. Der Vater war bei der Bundeswehr, das hat es ihr leichter gemacht, aber auch der Verdienst. Mit einer abgeschlossenen Ausbildung kann sie direkt als Unteroffizier einsteigen, das bringt 1275 Euro, und: Sie kann ihren Meister machen bei der Bundeswehr. In Halle müsste sie für 800 Euro kochen, sagt sie und zuckt die Achseln. Wenn sie einen Job fände.

Oder Christoph Rehm, 20, aus Leipzig, der sich neben Nicole gesetzt hat, dunkelhaarig, sehr ruhig. Er ist Kaufmann für Bürokommunikation. „Seit November arbeitssuchend“, sagt er. Vielleicht denkt er, das klingt besser als arbeitslos, aktiver irgendwie. Dabei sitzt er den ganzen Tag zu Hause rum, da soll ihm die Bundeswehr raushelfen. Dienen? Verteidigen? „Was verteidigen?“, fragt er. Vaterland? Etwas hilflos sagt Christoph: „Wenn ich es verteidigen soll, werde ich es verteidigen.“ Dass er als Zeitsoldat auf Auslandseinsatz muss, in Krisenregionen – man gewinnt den Eindruck, er hat das nicht verstanden. Der Druck, der Arbeitslosigkeit zu entkommen, überlagert alles, die Erleichterung, entkommen zu sein, machte an diesem Tag alles gut.

Olaf Bendrat, der Chef des Zentrums, hat am Vormittag gesagt: „Die, die zu uns ins Zentrum Ost kommen, die gehen nicht zur Bundeswehr, um Recht und Freiheit des Vaterlandes zu verteidigen. Die wollen eine Arbeit.“

Idealisten hat die Bundeswehr sich mit Nicole und Christoph nicht eingekauft, das sagen sie selbst. Aber Dankbarkeit ist vielleicht nicht das schlechteste Motiv für einen guten Arbeitnehmer, Hans-Günther Sperling hat das gezeigt. Und hier schließt sich ein Kreis.

Hans-Günther Sperling hat die längste Zeit bei der Bundeswehr eine Zeitschrift herausgegeben, „Flugsicherheit“, für die er die Cover immer selbst gezeichnet hat; mühsam rappelt er sich hoch und kommt mit einem bunten Blatt wieder, das einen Jet in der Abenddämmerung auf einem Flugzeugträger zeigt. Am Ende hat er für seine Arbeit sogar ein Ehrenkreuz bekommen. Und endlich durfte er auch fliegen. Schon ein Jahr, nachdem er in die Bundeswehr eingetreten ist, lernt er das Fliegen, auf der L18, Sportflugzeug, 90 PS, die die Amerikaner den Deutschen geschenkt haben. Sperling sitzt in seinem Bonner Wohnzimmer, 50 Jahre später, und sagt sehr liebevoll „fliegen“, ganz weich, mit dem G wie ein J: „Fliiiejen.“

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