Zeitung Heute : Die Art der Bevölkerung, mit Überschwemmungen umzugehen

Dierk Jensen

Warmer Fahrtwind weht durch die offenen Fenster des Abteils. Vier Männer stehen im hellblau getünchten "Prayer room", dem Gebetsraum. Es rüttelt und schüttelt, während die weißen Kaftane der Gläubigen im schummrigen Licht tanzende Schatten werfen. Plötzlich werfen sich die Betenden auf die Jutematte; gebückt gen Mekka verharren sie minutenlang. Es ist bereits stockdunkel, als im letzten Abteil des "InterCity Dhaka-Chittagong" der abendliche Gottesdienst abgehalten wird. Die anderen Fahrgäste, ob nun Moslems, Buddhisten oder Hindu, nehmen davon keine Notiz. Sie genießen dafür die erdig duftende Luft, die durch die offenen Fenster hineinpustet. Am Tage, wenige Stunden vor der Abfahrt vom Bahnhof in der wuseligen Zehn-Millionen-Metropole Dhaka, war der erste heftigere Regenguss des Jahres herabgefallen. Der Niederschlag bewirkt in der weiten Ebene Wunder: Nach einigen Monaten der Trockenheit erwachen die Äcker zu neuem Leben. Reis, Gemüse und Jute sprießen in satten Grüntönen aus den fruchtbaren Böden. Von Anfang April bis weit in den Oktober hinein zieht der Monsun über das bevölkerungreiche Land, wo sich rund 140 Millionen Menschen eine Fläche teilen, die lediglich doppelt so groß ist wie das Bundesland Bayern, wo zehn Millionen Menschen leben. Die Flutwelle, die in jedem Jahr über Bangladesch hinwegzieht, ist dabei Schicksal und Lebensspender zugleich. Letzteres wird in hiesigen Medien allzu gerne ausgespart, wenn wieder ein Mal über die fatalen Überschwemmungen am Golf von Bengalen, zwischen Myanmar (Burma) und Indien, berichtet wird. In der Tat ertrinken jedes Jahr viele Menschen in den Fluten und richten die im Himalaya entspringenden und auf dem Territorium von Bangladesch zusammenfließenden Ströme Ganges und Brahmaputra in unzähligen Dörfern und Siedlungen sehr große Schäden an: Doch tragen die Wassermassen auch nährstoffreiche Schlämme auf die fruchtbaren Böden, ohne die die Menschen sicherlich nicht überleben könnten. Erst die unter Wasser stehenden Felder bringen die üppigen Ernten ein, die notwendig sind, um die strukturelle Not im Lande zu lindern. "Wir leben davon, dass der Himalaya langsam abgetragen wird", ist ein geflügeltes Wort im Agrarstaat Bangladesch, das sich 1971 - nach einem blutigen Befreiungskrieg und der militärischen Unterstützung vom großen Nachbarn Indien - von Pakistan loslöste und die Unabhängigkeit errang.

Es ist bereits zehn Minuten nach acht, als der Zug in den Bahnhof von Feni, einer Provinzstadt unweit der Grenze zum indischen Bundesstaat Tripura, einfährt. Am Horizont blitzt und donnert es, warmer Regen fällt. Nur wenige Flutlichtlampen leuchten das weite Gelände aus. Unzählige Menschen stehen an den Gleisen: Frauen in farbenprächtigen Saris, Kinder mit nacktem Oberkörper und Alte mit Krückstöcken. Viele haben sich unter dem Dach des Bahnsteiges ein trockenes Plätzchen erobert. Dicht an dicht liegen die Schlafenden unter dünnen Decken. Der Zug hat noch nicht richtig gehalten, da springen schon fliegende Verkäufer in die Abteile. Einige tragen auf ihren Schultern körbeweise Bananen und Mandarinen. Andere zwängen sich mit bunten Bauchläden zwischen den Ein- und Aussteigenden und bieten Popcorn, Schokoriegel, Kaugummis und Zigaretten (im Einzelverkauf!) an. "Nein, nehmen sie nicht diese", sagt Reisenachbar Pradip Kumar Dutta und zeigt auf den anderen Korb: "Die hier sind besser!" Der Rechtsanwalt aus Chittagong, der mit Frau und Tochter einige Tage in Dhaka verbrachte, ist wahrhaft ein Kenner: Die kleinen gelben Früchte schmecken köstlich. Nach drei Minuten Aufenthalt setzt sich der Zug wieder langsam in Bewegung. Auf dem Perron drücken die Raucher ihre glühenden Kippen aus und hüpfen ohne große Hast in die Zugtür. Auf dem letzten Teilabschnitt der fünfstündigen Reise sinkt der Gesprächspegel im Abteil merklich. Viele Passagiere dösen vor sich hin, die Kinder schlafen. Nur die Ventilatoren drehen sich und brummen unvermindert unter dem Waggondach. Das einschläfernde Brummen wird nur unterbrochen, wenn die Bahn die Flussbrücken überquert und es unter den Füßen eisern aufschreit. Rund 50 Brücken werden im Land der Tausend Flüsse passiert, bevor der InterCity pünktlich um halbzehn abends in Chittagong ankommt.

Nur wenige Menschen warten auf dem peinlich sauberen Bahnsteig und in der vor zwei Jahren errichteten Bahnhofshalle auf die Einfahrenden. Vor dem sakral anmutenden, von Säulen getragenen Gebäude stehen in Reih und Glied die "Babytaxis": Preisgünstige, motorisierte und teilweise mit schrillen Malereien versehene Rikschas, die auf die letzten Kunden des Tages hoffen. Ein halbe Woche später und um schillernde Begegnungen in der eigenwilligen Hafenstadt Chittagong reicher, geht es wieder zurück.

Es ist heiß an diesem frühen Nachmittag; die Sonne steht gegen drei Uhr fast noch senkrecht am wolkenlosen Himmel. Der Kiosk in der Bahnhofshalle bietet dieselbe Auswahl wie in Europa: Magazine, Zeitungen, Süßigkeiten und Getränke. Es fehlen allerdings Alkoholika, die im islamischen Bangladesch nirgendwo über den Ladentisch gehen. Eine nagelneue Lok zieht an diesem Freitag, dem islamischen Feiertag, die Blicke magnetisch auf sich. "Die ist heute Morgen das erste Mal die Strecke abgefahren", stolziert Lokführer Ismael Hossain inmitten einem Pulk von Leuten. Im Gegensatz zu den verblichenen Abteilen, die schon zehn Jahre Dhaka-Chittagong auf dem Buckel haben, sticht seine Lok in knallig schwarz-rotem Anstrich fast unwirklich hervor. Zur Feier des Tages macht Ismael eine große Ausnahme: "Okay. Setz Dich mal vorne rein." Das Cockpit der 1600 PS starken und von der GM Locomotive Group in England gebauten Lok beschert einen spannenden Rundum-Ausblick. Die Neue ziehe locker die 14 angehängten Abteile und könne auf maximal 80 Stundenkilometer beschleunigen, so der Lokführer. Bevor es um Punkt 15 Uhr mit der staatlichen Bangladesch Railway losgeht, streckt ein älterer Bettler sein dürre Hand durch das Fenster. Er hat aber an diesem Nachmittag kein Glück, der Zug fährt los, ohne dass auch nur ein Taka in seine Hände fällt. Die erste Teilstrecke von Chittagong nach Feni führt an einem der wenigen Mittelgebirgszüge in Bangladesch vorbei. Dahinter wieder der gewohnte Blick: Weite, bis zum Horizont reichendes Flachland, auf dem jeder Quadratmeter landwirtschaftlich genutzt wird. Während der Reis auf den Monsun wartet, sind der Weizen und die Gerste bereits abgeerntet. Mit Sicheln ernten die Bauern das Getreide und ihre Ochsen ziehen mit hölzernen Karren die Garben von den Feldern. Auf Hunderten von Kilometern ist kein einziger Traktor zu sehen.

Nach den Stationen Laksham, Comilla und Brahmanbaria geht es über den drittgrößten Fluss des Landes, dem Meghna. Da die Brücke ohne Geländer konstruktiert ist, wähnt sich der aus dem Fenster Schauende halb über dem Wasser. So ist der Blick frei auf Dutzende Fischerboote, schwerbeladene Lastkähne und vollbesetzte Fähren, die den sanft dahin fließenden Fluss durchqueren. Am Ende des Monsuns schwillt er zum reißenden Strom an, tritt gewaltig über die Ufer und überschwemmt Tausende Quadratkilometer fruchtbaren Landes.

Manchmal steigt der Pegel so hoch, dass sogar die hoch oben auf einem Damm gebauten Gleise überflutet werden. Im Extremfall, der mit aller Regelmäßigkeit eintritt, muss der InterCity den Verkehr einstellen. Dennoch schimpfen die Bengalis nicht über den archaischen Naturrhythmus, sondern versuchen - soweit das irgend möglich ist - mit ihm in Harmonie zu leben.

Kurz nach fünf Uhr abends geht die Sonne am Horizont unter. Bevor sie ganz verschwindet, taucht sie die Landschaft in ein poetisches Licht: Orange auf Grün, wie die Nationalflagge des Landes. Es ist schon wieder dunkel, als die Lok mit der Nummer 1201 in Dhaka ankommt und die letzten Kilometer durch Stadtgebiet, vorbei an endlosen Slums, einer weiteren Realität des Landes, zurücklegt. Angekommen im Bahnhof von Dhaka, einem gepflegten weißgestrichenen Neubau, liegen hinter den Reisenden exakt 364 Kilometer. Eine Eisenbahnfahrt, die so ganz andere Bilder und Einblicke von einem fremden Land liefert, das hierzulande leider nur mit Elend und Katastrophe in Verbindung gebracht wird. TIPPS FÜR BANGLADESCH

Anreise: Der Flughafen von Dhaka wird von British Airways von Frankfurt am Main aus einmal wöchentlich angeflogen. Eine andere Möglichkeit bietet sich für Indienreisende. Von Kalkutta aus gibt es mehrere Flüge nach Dhaka. Die Flugdauer beträgt hier lediglich 50 Minuten.

Reisezeit: Die beste Reisezeit liegt zwischen November und Anfang April.

Bahn: Die 364 Kilometer lange Strecke ist die wichtigste Eisenbahnverbindung in Bangladesch. Sie verbindet die Hauptstadt Dhaka mit der Hafenstadt Chittagong, die nur 80 Kilometer westlich der Grenze zu Burma liegt.

Der Zug verkehrt einmal täglich um 8 Uhr 30 von Dhaka nach Chittagong und umgekehrt. Die einfache Fahrt dauert fünf Stunden und kostet umgerechnet zehn Mark. Eine Reservierung ist nicht notwendig. An den Schaltern herrscht normalerweise kein allzu großer Andrang. Verspätungen gibt es selten. Wer auf Aircondition, Bett und abgetrenntes Abteil nicht verzichten mag, bezahlt 410 Taka, rund 21 Mark.

Essen und Trinken: An den Haltestellen steigen immer wieder Bauchladenverkäufer zu und bieten Wasser, Kekse, Früchte und gefüllte Teigtaschen zum Kauf an. Die traditionelle Linsensuppe, Dhal, wird ebenso angeboten, wie Chicken Beryani und der obligatorische Chai - ein süßer Gewürztee mit Zimt, Kardamom und Milch. Wichtig: Nur abgepacktes Wasser trinken!

Impfung: Hepatitis A, Typhus. Darüber hinaus ist Malaria-Prophylaxe zu empfehlen. Impfplan mit dem Arzt absprechen.

Visum: Deutsche Staatsangehörige benötigen für Bangladesch ein Visum.

Auskünfte: Botschaft der Volksrepublik Bangladesch, Bonner Straße 48, 53173 Bonn; Telefon: 02 28 / 35 25 25.

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