Zeitung Heute : Die Aschenleser

Briketts zu Büchern: Hilfe für die Anna-Amalia-Bibliothek im Leipziger Zentrum für Bucherhaltung

Kerstin Decker[Leipzig]

Manfred Anders öffnet den begehbaren Riesenschrank. Einen Augenblick allein sein mit den Überlebenden einer der schönsten, wertvollsten Bibliotheken Deutschlands. 30000 sind verbrannt, 40000 schwer beschädigt davongekommen. Wie alle, die große Krisen überstanden haben, geben sich auch die Anna-Amalia-Bücher betont alltäglich. Was ist die Alltäglichkeit der Bücher? Sie stehen im Regal, die längste Zeit ihres Bücherlebens. Das machen sie auch hier, Rücken an Rücken, von Ewigkeit zu Ewigkeit. Man könnte näher treten, um die Titel besser zu lesen. Man könnte eines herausziehen. Aber je näher man ihnen kommt, desto kälter wird es. „Rein oder raus?“ Manfred Anders’ Stimme ist weich, ohne Höhen und Tiefen. Noch ein Normalitätsvortäuscher. Denn dies hier ist nicht die Ruhe einer Bibliothek, es ist die Tiefkühl-Ruhe eines Eisschranks. Es sind eben doch keine normalen Bücher. Auf ihren Rücken blinken Kristalle. Manche tragen Mullbinden wegen der Stabilität. Die Mullbinden-Bestände sämtlicher umliegender Apotheken sind hier verarbeitet. Das 18. Jahrhundert, bandagiert und schockgefrostet. Minus 20 Grad Celsius sind es hier drin. „Also doch eher raus?“ Ein kleines Lächeln steht um den Anders-Mund. Ein allergrößter Vitalitätsbeweis. Denn Lebensretter, auch Bücherlebensretter, beschränken sich auf ein Minimum an Emotion.

Sie liegen im Tiefschlaf, sagt Anders und meint die Bücher. Es kann ihnen nichts mehr passieren. Das muss sie sein, die Poesie der Restauratoren. Anders leitet das Zentrum für Bucherhaltung in Leipzig, die Notaufnahme der Weimarer Anna-Amalia-Bibliothek. Weltberühmt war das Leipziger „Zentrum“ schon vor dem Brand. Vielleicht gibt es keinen zweiten Platz auf der Welt, wo man Büchern so gut helfen kann wie hier.

Gegenüber ist der Schrank für die „schweren Fälle“. Anders öffnet auch ihn. Hier ist die vorherrschende Farbe unter den Eiskristallen ein bedenkliches Schwarz. Vorn rechts liegt ein Riesen-Foliant. Zehn Kilo mindestens. Was ist das? Selbst nachschauen, oder weiß Anders vielleicht den Titel? Der Geschäftsführer des Zentrums für Bucherhaltung hebt leicht die Augenbrauen. Er weiß es nicht. Er will es auch gar nicht wissen. Er hat ein besonderes Verhältnis zum Buch. Nur Menschen, denen die Bücher selbst egal sind, wollen wissen, was drinsteht. Den Bücherretter dagegen interessiert nur die Oberfläche. Hätte er die zu rettenden Bücher erst alle gelesen, wie viele wären wohl noch da? Aber dass eins volle 30 Kilo wog, Nassgewicht, hat er sich doch gemerkt.

Am 2. September abends brannte die Anna-Amalia-Bibliothek. Um 21 Uhr sahen die Weimarer 15 Meter hohe Flammen. Um 22 Uhr 30 klingelte in Leipzig Anders’ Telefon. „Im Fall eines Wasserschadens sind wir unter unserer Notrufnummer 24 Stunden am Tag für Sie erreichbar und übernehmen auf Wunsch gern die Bergung, Reinigung und Trocknung der Materialien für Sie.“ So steht es in seinem Firmenprospekt. Aber das hier, er ahnte es dunkel, war etwas anderes. Er begriff nicht sofort, was passiert war, keiner tat das, aber er schaltete seine Minus-zwanzig-Grad-Eisschränke ein. Reiner Instinkt. Die Flut vor zwei Jahren war eine gute Vorbereitung. Damals hatten sie massenhaft Akten von allen möglichen Bestandteilen aller möglichen ostdeutschen Flüsse getrennt und dann schockgefrostet. Seitdem weiß man hier: viel Kühlraum ist wichtig. Dann fuhren Anders und seine Mitarbeiter nach Weimar. Was würden sie vorfinden?

Anders besitzt wirklich einen anderen Begriff vom Buch. Wo andere fassungslos „Aber das sind ja Briketts!“ rufen, formuliert er dieselbe Aussage viel positiver: „Das ist aber noch deutlich als Buch erkennbar!“ Das liegt an der Berufsehre. Eigentlich ist er Chemiker. Und wenn es sein muss, macht Anders auch Asche wieder lesbar. Gibt ihr vor allem wieder eine schöne elastische Form und beste, vollkommen ascheuntypische Gebrauchseigenschaften.

Aber darum geht es noch lange nicht. Alles, was sie noch immer tun – bis weit in das nächste Jahr hinein –, ist Erste Hilfe. 40000 Bände, mehr oder minder brikettförmig, kamen in Leipzig an. Auf den Fußböden, die normalerweise nur ein Adjektiv verdienen: „clean“, flog die Asche. Die Bücher brachten den Brandgeruch mit. Er ist jetzt, fast zwei Monate später, noch immer nicht weg. Dabei sind die ersten Bücher längst wieder zurück in Weimar. Das sind die „leichten Fälle“. Die waren nach dem Kühlschrank nur kurz im Gefriertrockner. Die Normalgewichte brauchen dort drei bis sieben Tage, das 30-Kilo-Buch wird vier Wochen drin bleiben müssen. Hätte man die löschwassernassen Bücher lufttrocknen lassen, würde eine wellige Seite stockfleckenübersät an der nächsten kleben. Was aus dem Gefriertrockner kommt, sieht dagegen aus wie neu. Keine Flecken, keine Wellen, jede Seite einzeln. Sogar der Brandgeruch ist weg. Die Lebensmittelindustrie benutzt Gefriertrockner schon lange. Gefriertrockner machen aus duftenden, prallen Kaffeebohnen Instantkaffee. Aber darf man Bücher, nur weil sie plötzlich fast dieselbe Farbe haben wie Kaffee – absolutes Röstbraun –, gleich dem Kaffee hinterherschicken? Nein, die Gefriertrockner der Lebensmittelindustrie hätten den gesintfluteten Büchern nicht geholfen. Das Einzigartige an dem Leipziger Zentrum ist die Verbindung fortgeschrittenster Buchrestauratorenkunst mit Fremdindustrien entlehntem Erste-Hilfe-Equipment. Die Leipziger Buchrestauratorenkunst ist deshalb so avantgardistisch, weil sie (selbst erfundene) Maschinen hat, wo andere noch Handarbeit leisten. Selbst Bachs Handschriften könnten von Maschinen repariert werden. Bachs Tinte enthielt zu viele Schwermetalle, die fressen nun buchstäblich – also Buchstabe für Buchstabe – das Papier mitsamt der Schrift, und bald wäre nichts mehr da, würde man das Original-Papier nicht in der Mitte teilen und einen neuen Papier-Kern einziehen, der zugleich alle schädlichen Substanzen aufsaugt. In Bachs Fall hat man sich gegen die Maschine entschieden, wegen der Symbolik. Bach hat mit der Hand geschrieben, also wird auch mit der Hand restauriert. Bei Büchern fällt diese Hürde weg. Was Maschinen drucken, sollen auch Maschinen reparieren.

Als das Leipziger Zentrum für Bucherhaltung 1998 öffnete – hervorgegangen aus der Restauratorenwerkstatt der Deutschen Bücherei –, standen Gäste aus aller Welt vor der Tür. Stanford und Boston wollten die Leipziger Technik schon kaufen. Doch dann kamen Börsencrash und 11.September. Und bei uns verhindern die oft gedeckelten Haushalte der Bibliotheken die Erhaltung der Bücher. In der Anna-Amalia-Bibliothek kam die Vernichtung plötzlich, die Öffentlichkeit schrie auf. Die ganz alltägliche Vernichtung aber passiert schleichend, fernab des Publikums in den stillen Reihen der Regale. Ohne Feuer. Ohne Wasser. Pro Woche gehen so viele Bücher verloren wie in Weimar – allein durch Säurefraß. Von 1840 bis 1985 wurde meist auf säurehaltigem Papier gedruckt. Die Säure baut die Zellulose zu Einfachzucker ab. Aus Geist wird wieder Kohlenhydrat. Oder das Buch kommt rechtzeitig in die Anders’sche Massenentsäuerungsanlage.

Die hier müssen nicht hinein, sagt Anders, und sein Blick streift über einen „Ur-Goethe“ und die „Allgemeine Sammlung historischer Memories“ von 1782, herausgegeben von Schiller. Das Papier im 18. Jahrhundert war in Ordnung. Selbst Brikett-Bücher sehen innen manchmal aus, als wären sie nie durch Feuer, Wasser und Eis gegangen. Aber die Einbände! Wir stehen in dem Raum, wo sich die Notversorgten stapeln, abholbereit, eingeteilt in Schadensklassen. Vor dem „Geist der teutschen Criminalgesetze“ (1782) steht das Schild „Zweifelsfälle“. Die akute Gefahr ist gestoppt. Kein Schimmel wird sie befallen, keine Kleinstlebewesen werden sich durch ihre Seiten graben, so wie in dem alten Predigten-Buch auf Anders’ Büro-Tisch. Ausgerechnet im Wort „Teufel“ ist das größte Loch. Nur das „Te“ steht noch da.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar