Zeitung Heute : Die Aufholjagd hat begonnen

In den letzten 15 Jahren haben zahlreiche Industrie-Betriebe aufgegeben. Doch jetzt sehen Unternehmer und Experten Chancen für einen neuen Aufbruch

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Auf den ersten Blick steht es gar nicht gut um den Industriestandort Berlin: Seit der Wiedervereinigung befindet sich die Zahl der Beschäftigten im Sinkflug, erstmals fiel sie im vergangenen Jahr sogar unter 100 000 (siehe Grafik). Aber nicht überall in der Hauptstadt geht es mit der Industrie abwärts. Im Gegenteil: Einzelne Unternehmen gehören weltweit zu den Marktführern. Zum Beispiel MAN Turbo. Das Unternehmen hat einen seiner wichtigsten Standorte in Berlin-Tegel, auf dem Gelände der alten Borsigwerke. 315 Mitarbeiter fertigen hier Getriebekompressoren. „In dieser Technologie sind wir weltweit führend“, sagt Standortsprecher Ralf Thon.

Besonders aktiv ist das Unternehmen bei der Reduktion und Verwertung des Treibhausgases CO2. So stellen die Berliner Kompressoren her, mit denen Braunkohlenstaub getrocknet wird. Der CO2-Ausstoß von Kraftwerken wird dadurch stark vermindert.

„Außerdem suchen wir nach Möglichkeiten, das CO2, wenn es denn schon anfällt, sinnvoll zu verwenden“, sagt Thon. So wie im kanadischen Weyburn: Dort wird CO2 aus US-amerikanischen Kohlekraftwerken in Erdölfelder gepresst, um die letzten Reserven aus dem Gestein zu gewinnen. Die Kompressoren für die 200 Kilometer lange CO2-Pipeline aus den USA nach Kanada stammen von MAN Turbo. „Einerseits wird das CO2 aus der Atmosphäre entsorgt“, erläutert Thon, „andererseits wird die Ausbeute des Ölfelds erhöht.“

Auch sonst setzt das Unternehmen auf den Energiesektor: So ist MAN Turbo an einer Ausschreibung für die Ostsee-Gaspipeline beteiligt, deren Aufsichtsratschef Altkanzler Gerhard Schröder werden soll. Erhält das Unternehmen den Zuschlag, kämen die Kompressoren für die Leitung aus Berlin. Gerade erst hat MAN Turbo eine 1500 Quadratmeter große Fertigungshalle neu angemietet.

Auch der amerikanische Konzern Gillette hat seine Produktionsfläche in Berlin-Tempelhof vor Kurzem erweitert; 50 neue Arbeitsplätze wurden hier geschaffen. „Pro Jahr stellen wir eine Milliarde Rasierklingen her“, berichtet Geschäftsführer Gero Wiese. „Damit sind wir Weltmarktführer.“

An Berlin gefällt Wiese vor allem das Know-how der Ingenieure und Facharbeiter. „Das gibt es so anderswo nicht“, lobt er. Gillette stellt in Berlin daher nur neue, technologisch anspruchsvolle Produkte her – zum Beispiel die Drei- Klingen-Reihe M3-Power. Ältere Reihen wie die Zwei-Klingen-Produktion werden dagegen verlagert. „Wir müssen immer wieder dran bleiben, um die Nase vorn zu haben“, erklärt Wiese.

Dass es mit der Industrie in der Hauptstadt aufwärts geht, erwartet auch Hartmut Mertens von der Investitionsbank Berlin (IBB). „In den nächsten fünf Jahren werden wir zu Hamburg aufschließen“, sagt er. Das Ziel ist ehrgeizig: Während die Industrie an der Spree nur 11,4 Prozent der Wertschöpfung ausmacht, sind es an der Alster 14,5 Prozent. Auch beim Arbeitsplatzabbau hat Berlin Mertens zufolge die Talsohle erreicht.

Als Grund nennt der Experte die verbesserte Branchenstruktur. „Neue Unternehmen, neue Produktlinien und intensive Forschung sorgen für eine Modernisierung“, erklärt er.

Allerdings: Bis Berlin mit Frankfurt am Main gleichzieht, wird noch viel Zeit vergehen: Die Stadt, die als Dienstleistungsmetropole schlechthin gilt, kommt auf eine Industriequote von 35 Prozent.

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