Zeitung Heute : Die Auflösung

IRGENDWIE, IRGENDWO, IRGENDWANN

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Eine Generation weiß nicht wohin – einer macht sich schon mal auf den Weg.

Von Matthias Kalle

Die Frage lautet doch: Brauche ich einen Stuhl? Oder eine Waschmaschine? Einen Staubsauger? Brauche ich ein Sofa, eine Mikrowelle, einen Duschvorhang, vier Lampen? Was brauche ich überhaupt von dem ganzen Zeug, das ich mir in den letzten sieben Jahren angeschafft habe, um mich im Leben einzurichten? Das meiste werde ich einfach wegschmeißen.

Ich gehe durch meine Berliner Wohnung mit einem Zettel und einen Stift in der Hand, ich notiere, was ich entbehren kann, was ich nicht mehr will, was eine Last werden könnte, wenn ich nach Minden zurückziehe. Nach einer viertel Stunde habe ich eine Liste, und ich rufe bei der Abteilung Haushaltsauflösungen der BSR an. Eigentlich ruft man dort an, wenn ein Verwandter gestorben ist, dann kommen die Jungs, die während der Love Parade T-Shirts tragen, auf denen „We kehr for you“ steht, und entsorgen die Möbel, die Elektrogeräte, die Bücher, die Kleidung. Am Telefon erkläre ich dem Mann von der BSR, dass ich nicht sterbe, sondern umziehe und mich von einigen Sachen trennen möchte, und dann lese ich ihm die Liste vor, und er gibt mir einen Termin. An einem Donnerstag solle ich mich bereithalten, man käme zwischen 7 und 14 Uhr. Die Sachen, die sie weiterverkaufen könnten, holen sie umsonst, der ganze Müll kostet mich Geld.

Der ganze Müll. Der Müll eines Lebens nach 27 Jahren. Als ich wegzog aus Minden, da nahm ich alles mit, ich wollte nichts zurücklassen und alles bei mir haben, weil ich wohl dachte, ich würde sonst etwas vermissen. Deshalb habe ich sieben Jahre an dem Schreibtisch gearbeitet, an dem ich für mein Abitur gelernt habe, und ich habe auf dem Sofa ferngeschaut, auf dem ich mit Mädchen geknutscht habe, deren n mir nicht mehr einfallen. Ich habe mir nie neue Möbel gekauft, nur Bücher, Platten, was zum Anziehen, eine Playstation – solche Sachen. Die Playstation kommt natürlich nicht in den Müll, die Bücher auch nicht und von den Platten… ach, nein, auch keine Platten. Was ist mit den Klamotten?

Ich vor meinem Kleiderschrank. Schöne Sachen. Ein paar teure Sachen. Sachen, die ich gar nicht mehr anziehe. Sachen, für die man in Berlin oder München gelobt wird – wird man mich in Minden auch loben für meine Stilsicherheit, die ich mir in der Ferne erworben habe? Brauche ich in Minden noch einen Anzug für 700 Euro?

„Man muss sich auch mal von den Dingen trennen“, sagt Jan, als ich ihn anrufe. Jan trennt sich schon sein ganzes Leben von den Dingen, meistens von Frauen. Jan hat mal ein halbes Jahr in Spanien gelebt, und als er dort ankam, hatte er nur eine Tasche dabei, und als er wieder zurückging, da war die Tasche sogar noch etwas leichter. Er ist nur noch selten in Minden, höchstens an Weihnachten, vielleicht noch an Ostern, und obwohl wir uns nicht oft sehen, sind wir Freunde geblieben. Von seinen Freunden hat sich Jan nie getrennt.

In der Nacht, bevor die Jungs von der BSR kommen, schaue ich mir noch einmal alles ganz genau an: den Schreibtisch, das Sofa, die Stühle, die Waschmaschine, den Sack für die Altkleidersammlung.

Man sagt, mit leichtem Gepäck kommt man weiter.

Matthias Kalle verlässt Berlin und zieht zurück in seine Heimatstadt Minden. Darüber berichtet er Woche für Woche. Wer ihm schreiben will: Sonntag@Tagesspiegel.de

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