Zeitung Heute : Die Aufräumerin

So eine Wahl ist wie ein Umzug: Sie bietet die Chance zum Entrümpeln. Hier zeigt eine Expertin, wie man richtig Ordnung schafft.

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Von Susanne Kippenberger Ich sammle nicht – es sammelt sich. Der kluge Satz stammt leider nicht von mir, könnte er aber, nicht, weil er klug ist, sondern weil sich alles sammelt bei mir: Zeitungen, Zeitungsstapel und Zeitungsschnipsel, Strümpfe und Schlüssel, Parfümpröbchen und Urlaubsfotos, Handtaschen und Schüsselchen. Pastapackungen vermehren sich auf wunderbare Weise, Postkarten schleichen sich in immer mehr Schubladen, Bücher stapeln sich zu Türmen. „Sie backen wohl gern!“, meinte ein Handwerker einmal angesichts der Vorräte in meiner Speisekammer hochachtungsvoll. „Die Frau kauft gerne ein“, erwiderte nüchtern sein Kollege. Und sie schmeißt nur ungern weg.

Dabei bin ich nichts gegen Marsha und Julian. Die beiden haben einen ganzen Schuppen voller Zeitungsstapel und brasilianischer Sicheln, im Swimmingpool befinden sich jede Menge Bojen und Schiffsmobiliar, nur kein Wasser, die Veranda ist vollgestopft mit Butterfässern und Schaukelstühlen, das Wohnzimmer längst nicht mehr bewohnbar, der Herd zum Kochen viel zu voll. Und doch: „Hab schon Schlimmeres gesehen“, sagt die Frau, die gekommen ist, das Chaos zu entrümpeln, und die verspricht: „Ich bin der reinigende Strahl, der läuternde Wasserfall, das Taufbecken. Ich werde einen neuen Menschen aus Ihnen machen.“ Susan Certaine, professionelle Organisatorin und Hauptfigur in T.C. Boyles böser Kurzgeschichte „Sammlerinnen und Jäger“, geht den radikalen Weg. Die herrische Dame, „eine aufs Wesentliche reduzierte Frau, das Haar straff nach hinten gekämmt und in einen Knoten gezwängt, keine Wangen, keine Lippen, weder Make up noch Schmuck“, schickt Marsha und Julian weg und räumt mit einer Heerschar von Helfern das ganze große Haus einfach leer. Nach ihrer Rückkehr erlaubt sie dem Paar, ganze 60 Stücke seines Hab und Guts zurückzuordern. Jeden Tag eins.

„Hab schon Schlimmeres gesehen“, sagt auch Sophie Babendererde gern, wenn sie einen Kunden das erste Mal besucht. „Jeder denkt ja, er hätte das größte Chaos.“ Dabei hat jeder nur sein eigenes. „Der eine hat Tonnen von Schuhen, der andere erstickt in Schals.“ Deswegen versucht Sophie Babendererde – eine muntere Norddeutsche, die redet wie ein Wasserfall, viel und schnell – erst einmal, „Entspannung in das Thema zu bringen, eine gewisse Lockerheit“. Weg mit allem, was die Wohnung verstopft und seine Bewohner nur belastet, weg aber auch mit dem schlechten Gewissen und der Vorstellung, perfekt sein zu müssen. „Das Chaos ist Teil des Lebens.“

Als Teenager, erzählt die 46-Jährige gern, sei sie selber chaotisch gewesen, habe erst später gelernt, sich zu organisieren. Spätestens dann, als die gelernte Verlagskauffrau eine Großfamilie mit vier Kindern neben ihrem Beruf managen musste. Als „personal organizerin“ kommt sie heute nicht, um anderer Leute Häuser auszuräumen, nicht mal, um sie aufzuräumen – „da kann man auch eine Putzfrau holen“. Sie kommt zum Organisieren. Statt dem Chaoten eine fremde Ordnung aufzuoktroyieren, die er dann doch nicht halten kann, versucht sie, mit ihm zusammen eine zu finden, die zu ihm passt – und die er dann auch halten kann.

Vor anderthalb Jahren habe ich mit Sophie Babendererde meine Küche ausgemistet und neu sortiert, sie hat gejuchzt vor Vergnügen, als sie meine Marmeladengläsersammlung sah, ungefähr 36 Gläser, auf drei Schrankfächer verteilt, dazu 84 Deckel, nur die passenden habe ich nie gefunden. Jetzt stehen sie alle in der Schublade stramm. Noch immer sieht die Küche – nun, nicht perfekt und immer noch voll, aber anständig aus. Auf meinem Herd kann ich kochen, ich weiß genau, wo meine Vanillestangen sind, und wenn ich Nudeln kaufe, kommen sie gleich dahin, wo sie hingehören.

Denn das ist nach Meinung der Aufräumerin oft der Grund für das Chaos: Dass die Dinge kein Zuhause haben. Dass man nicht weiß, wohin mit dem Senfglas, weil das Regal schon überquillt. Dass man die Stiefel im Flur abwirft, weil der Schuhschrank zu weit von der Haustür entfernt steht. Dass die Zeitungen überall rumfliegen, weil man keine Box für sie hat.

Es geht um mehr als Ordnung: nämlich ums System.

Allerdings muss man dazu erst mal entrümpeln. Manchmal sind es die äußeren Umstände, die einen dazu zwingen: ein Umzug zum Beispiel oder Familiennachwuchs, Parteien tun es gern nach den Wahlen. Kein Anfang ohne Ende – wer neu beginnen will, muss sich von Altem trennen, Ballast abwerfen. Was aber, wenn man nicht so veranlagt ist wie Matthias Horx, der Trendforscher, der von sich behauptet, Wegschmeißen sei sein Lieblingssport, „Alles raus!“

Dann kommt Sophie Babendererde und fragt nach: Brauchen Sie wirklich neun Topflappen und 24 Vasen? Benutzen Sie den Tisch, der das Gästezimmer zustellt, überhaupt? Wollen Sie tatsächlich Ihre 40 Jahre alten Schulhefte aufheben? Wenn der Kunde Ja sagt, fragt sie zurück: Wozu? Lesen Sie sie wirklich? Und wenn es eine Weile so hin und her geht und er immer noch festhält an seinen Heften, dann muss er überlegen, wo er sie aufbewahren will: im Keller? Im Wohnzimmerschrank? Jedes Teil lässt sie ihre Kunden in die Hand nehmen mit der Frage: Was bedeutet es mir? Was ist es mir heute noch wert? Vor allem von ungeliebten Geschenken empfiehlt sie, sich ganz schnell zu befreien. Weg mit der scheußlichen Schüssel. Weg mit dem schlechten Gewissen. Der Vorteil der Außenstehenden ist ihre Unsentimentalität: Für sie hängen keine Erinnerungen an den Dingen.

Ihre Arbeit beginnt Babendererde immer mit einem zweistündigen Vorgespräch, in dem sie sich erzählen lässt vom Leben, vom Beruf, vom Tagesablauf, wer alles in der Wohnung wohnt, wie die Bedürfnisse und wie die Ziele aussehen – „manchem reicht es schon, wenn die Kleider nicht mehr überall rumfliegen und auf dem Esstisch keine Sachen mehr liegen“. Es geht darum, ein individuelles Ordnungskonzept zu entwickeln. Das Ziel soll nicht sein, eine makellose Wohnung wie aus der Hochglanzzeitschrift zu haben, sondern eine, in der man sich zu Hause fühlt und bequem leben kann. In der man nicht lange sucht, sondern schnell findet. In der man daher mehr Zeit und Platz für anderes hat. „Man braucht Luft zum Atmen.“

Dabei ist nicht alles unordentlich, was so aussieht. „Es geht darum: Funktioniert ein System oder nicht? Wie viel Zeit brauche ich, um ein Buch zu finden, wie viel, um immer wieder um einen Zeitungsstapel herumzulaufen? Wo sind die Fehler im System?“

Pathologische Messies, die im Müll ersticken, zählen nicht zu ihren Kunden, „die brauchen kontinuierliche Betreuung, das ist sehr, sehr aufwändig“. Es sind überwiegend Frauen, die sich an Babendererde wenden. Weil sie offener sind, wie diese glaubt, und sich nicht schon für perfekt halten – aber auch, weil immer mehr Frauen von zu Hause aus arbeiten. Dann geht es oft erst einmal darum, den Schreibtisch leer zu fegen, so dass man überhaupt an ihm schreiben kann – „meist ist er reine Ablagefläche“. So rückt die Aufräumerin denn als Erstes mit einer fahrbaren Hängeregistratur an. „Die Leute wissen gar nicht, wohin mit ihrer Ablage.“

Der Arbeitsplatz lässt sich ihrer Erfahrung nach oft leicht organisieren. Und sie fängt gern mit etwas Einfachem an, um dem Chaoten Erfolgserlebnisse zu verschaffen. Das nennt sie ihr Trouble-Shooting-Programm, „da mach ich ganz schnell was Praktisches“. Kleiderschränke zum Beispiel, „da braucht man ein paar blaue Säcke, dann geht’s los“. Dabei wird sortiert: Wegschmeißen; verschenken oder verkaufen; aufbewahren, in der Wohnung oder im Keller. Und jede Box wird beschriftet.

Schnell ausmisten lässt sich auch alles, wo das Haltbarkeitsdatum überschritten ist, ob bei Pillen, Cremes oder Nüssen. Und damit sie nicht wieder hinten im tiefen Schrank vergessen werden, stellt die Aufräumerin sie in Plastikkörbchen, die sich wie Schubladen leicht rausziehen lassen. Und führt zusammen, was zusammengehört: Kerzen zu Servietten, Schnaps zu Likör, Schokolade zu Keksen.

Warum sich jemand von seinen Sachen nicht lösen kann – mit dieser Frage beschäftigt sich Babendererde nicht, das ist ihr „zu heikel, das geht ins Psychologische“. Wer möchte, kann sich auch über Feng Shui mit ihr unterhalten, ansonsten packt sie die Sache pragmatisch an. Wenn eine Frau sich darüber beklagt, dass ihr Mann seine dreckige Wäsche immer an eine Stelle wirft, empfiehlt sie, an eben diese Stelle einen schönen Korb zu stellen, „aber ohne Deckel, der macht schon wieder Arbeit“.

Es gibt ein paar goldene Regeln, wie man verhindert, dass es sich weiter sammelt. Vor jeder neuen Anschaffung, etwa einer Kaffeemaschine, empfiehlt Babendererde, sich zu fragen, ob man sie wirklich braucht, wenn ja, wo man sie hinstellen will und ob man etwas anderes rauswerfen kann dafür. Hat man keinen Platz, spart man sich lieber gleich das Geld. Sonst steht die Maschine am Ende doch nur auf dem Küchenboden rum.

„Einfach aufgeräumt!“ verspricht ein Buchtitel: „In 24 Stunden mit der Simplify-Methode das Chaos besiegen.“ Bei Babendererde dauert der Prozess länger. Sie arbeitet in Vierstunden-Einheiten und kommt in Abständen wieder. Für eine ganze Wohnung braucht sie meist fünf Tage, auf einen längeren Zeitraum verteilt. Für sie ist das Aufräumen ein Prozess, den sie als Coach begleitet. Und fast immer, so ihre Erfahrung, setzt es etwas in Gang. „Die Leute räumen dann auch in ihrem Leben auf, werfen Ballast ab. Die meisten fühlen sich hinterher befreit.“

Aufgeräumt!, Sophie Babendererde, www.aufgeraeumt.com, Tel. 319 967 80. Die zweistündige Erstberatung kostet 50 Euro, ein Halbtagessatz 120 Euro. Zum Einstieg empfiehlt sie Karen Kingstons „Feng Shui gegen das Gerümpel des Alltags“, rororo Taschenbuch, 8,90 Euro.

Susanne Rosenkranz bietet ebenfalls ihre Dienste als „Raumcoach“ an., www.raumcoach.de, Tel. 212 373 82.

Sandra Felton, amerikanische Begründerin der Messie-Bewegung, hat gleich mehrere Bücher über den Kampf gegen das Chaos geschrieben, erschienen im Bredow Verlag. Von Richard Witthüser und Bernd Klapproth gibt es „Die Wohnungsdiät“, Königsfurt Verlag, 9,90 Euro.

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