Zeitung Heute : Die aufsässigen Alten

Ein halbes Jahrhundert hat sie hier gelebt, in der Berliner Onkel-Tom-Siedlung. Die Wohnungen gehörten einst der Stadt, jetzt einem US-Investor. Und auf einmal steigt die Miete

Ina Weisse

Die Zweieinhalbzimmerwohnung der Rentnerin Dorothea T. mit Küche, Bad, Balkon, Gasetagenheizung und einer offiziell festgestellten Größe von 63,3 Quadratmetern ist eine von über 20 000 Wohnungen des Immobilienkonzerns Gehag Berlin, die nun in den Aktienbesitz der Oaktree Capital Management übergegangen sind. Es ist eine von 120 000 städtischen Wohnungen, die seit 1998 vom Berliner Senat privatisiert wurden. Es ist auch eine der 438 Wohnungen in der traditionsreichen „Onkel-Tom-Siedlung“, die von dem neuen Eigentümer zur umfassenden Modernisierung bestimmt wurde. Mit allen damit verbundenen Dramen.

In dieser Wohnung lebt die Berlinerin schon über ein halbes Jahrhundert. Hier wollte sie auch sterben. Seit sie ohne ihren Mann auskommen muss, habe sie eigentlich einen Raum zu viel, entschuldigt sich die alte Dame, während sie mit Trippelschritten in das musterhaft aufgeräumte Wohnzimmer führt. An den Wänden Fotos der Enkel und Urenkel, Erinnerungen, die für Dorothea T., Jahrgang 1912, „geboren noch unter Kaisers“, mit der vertrauten Kulisse aus Polstergarnitur und Büchern verbunden sind. Krieg, Wiederaufbau, kalter Krieg, Boomjahre. Bis sich nach dem Fall der Mauer die Welt immer schneller zu drehen begann. Sie aber blieb die, die sie war. Beim Sitzen balanciert Dorothea T. auf der Kante ihres Sessels. Mit dem Schwinden der Zeit, die noch vor ihr liegt, ist auch sie allmählich immer weniger geworden, nach und nach um 15 Zentimeter auf einen Meter 41 geschrumpft.

Ihre einzige Tochter war schon 16, als Dorothea T.s kleine Familie 1953 endlich die 86 Mark Miete monatlich für eine Sozialwohnung in der „Waldsiedlung“ aufbringen konnte. „Die Kleene brauchte dringend eine Tür, die sie hinter sich zumachen konnte.“ Jeden Ersten trugen sie das Geld abgezählt bis vor zum Gehag-Büro in der Riemeisterstraße, wo es der Herr hinterm Schalter persönlich in Empfang nahm. Damals reichte die Kiefer vorm Haus gerade bis zu ihrem Küchenfenster im zweiten Stock. Dorothea T. schaute bei der Hausarbeit dem Baum beim Wachsen zu, bis sie glaubte, das hier sei ihr Platz für immer.

Für die Tochter sind die Eheleute in die schmale Kammer gezogen, die Betten Kopf an Kopf gestellt. „Unserem Liebesleben hat das aber keinen Abbruch getan. Wenn die Lust da ist, können die Betten stehen, wie sie wollen.“ Der Balkon zeigt nach rückwärts zu den Gärten, die dunkle Schneise der Linie U3 ist dahinter zu erkennen. Die Gehag hat mal in jeder Parzelle zwei Obstbäume gehabt, die Mieter sollten sich auch mit Gemüse selbst versorgen. Jetzt werden lieber immergrüne Gewächse angepflanzt, denn Laub harken will keiner mehr. Aber noch sind da Nussbaum und Pflaume, in den Knospen von Johannisbeerstrauch und Stachelbeere liegt das Versprechen auf laue Sommerabende, deren Laute und Düfte bis ganz nach oben dringen.

„Es hat auch Tiefen gegeben“, sagt Dorothea T., die Kriegsverletzung ihres Mannes, seine lange Krankheit. Trotzdem scheint sie immer mit ihrem Dasein einverstanden gewesen zu sein, bezog ihre frohe Zuversicht schon aus der Tatsache, niemandem je etwas schuldig geblieben zu sein. „Mein Mann war 51, als wir unseren VW Käfer kriegten. Den ersten in der Siedlung.“ Besonders viel Geld hatte sie ja nie, aber dafür ihren Stolz, nur das für sich zu beanspruchen, was sie auch wirklich bezahlen konnte.

Bis letztes Jahr im September „eine sehr freundliche Dame und ein sehr freundlicher Herr“ vor ihrer Wohnungstür standen und eine Unterschrift verlangten. Dorothea T. hat das Mängelprotokoll nicht unterschrieben, das die Angestellten der neuen Gehag GmbH bei ihr aufnahmen. Weniger aus Trotz, denn aus der Angst heraus, etwas falsch zu machen. Aber seit diesem Tag weiß sie, dass sie zu den Armen dieser Gesellschaft zählt.

Wenn es nach dem Willen des jetzigen Eigners der Siedlung geht, wird die Witwe bald pro Quadratmeter 1,75 Euro Miete mehr bezahlen müssen. Das entspricht einer Erhöhung von über 32 Prozent. Wohl tausend Mal sind diese Zahlen schon hin und her gedreht worden, vom Schwiegersohn, von der dienstäglichen Mieterversammlung, von Anwälten, aber die 111 Euro Mietsteigerung inklusive Modernisierungspauschale für ein neues Bad, Fernwärme, Gegensprechanlage und eine elektrische Steigleitung bleiben bestehen, dazu kommen mindestens 50 Euro Heizkostenerhöhung. Diese Zahlen sind zu einer Angstsumme angewachsen, von der die gesamte Existenz abhängt. Der Schlaf ist dünn, seit die Ankündigung ins Haus flatterte. Wie wird es weitergehen? „All die schönen Sachen“, wie mittwochs nach der Wanderung mit der Seniorengruppe vom Bezirksamt Steglitz in eine Wirtschaft einzukehren oder die Jahreskarte der BVG, wird sich die Witwe künftig nicht mehr leisten können. Sie wird „das Naschen streichen“ müssen. Denn in ein Altersheim will sie auf keinen Fall. Diesen zynischen Vorschlag machten ihr allerdings die Vertreter der Gehag, sie wenigstens für die Dauer der Umbauarbeiten „in ein Altenheim umzusetzen“.

Helle Sandhaufen säumen die Argentinische Allee. Jeden Tag können die Bewohner der Siedlung beobachten, wie die Gräben für die gewaltigen Rohre wachsen, mit denen die Blöcke zukünftig mit Fernwärme versorgt werden sollen. Die aufgerissenen Bürgersteige schüchtern die Leute mehr ein als alle Briefe und die 60-seitigen „Modernisierungsankündigungen“, die ihnen von den Anwälten der Gehag zur Einverständniserklärung zugestellt wurden. Die mit dem Bagger geschaffenen Tatsachen verschütten die Wahrheit, die besagt, dass diese neue Heizung keiner bestellt hat und keiner will. Wärme bedeutet sehr viel in einer Altersgruppe von über 70-Jährigen, die noch wissen, wie kalt die Winter nach dem Krieg waren. Mit der eigenen Gasheizung die Temperatur in seiner Wohnung selbst regulieren zu können, ist ein Stück Autonomie, bescheidener Luxus kleiner Leute, die bei steigenden Gesundheitskosten, explodierenden Energiepreisen und stagnierenden Renten die Altersarmut vor Augen haben. Die kämpferische Stimmung, in der sich anfangs viele weigerten, den geplanten Modernisierungen zuzustimmen, droht angesichts der Fakten zusammenzubrechen. Bald stehen die ersten Prozesse vor dem Amtsgericht Schöneberg an.

Das hier ist noch der Grunewald, Heimat unter Bäumen. Die Birken und Kiefern wurden nach dem Willen des Architekten Bruno Taut geschont, der den versetzt stehenden Hauszeilen schlichte Formen, aber bunte Farben gab. Was dem Architekturdenkmal den Spitznamen „Papageiensiedlung“ eintrug. Die Fenster der flachen Kästen sind mit Stores verhängt, die Ziersträucher sind von dem neuen Hausmeister bis zur Unkenntlichkeit gestutzt. Niemand kann ermessen, was es die 140 ungehorsamen Alten für eine Überwindung gekostet haben mag, gegen die neuen Bäder und Heizungen aufzubegehren. Auch gegen den Rat abwiegelnder Anwälte, die vorgedruckte Einverständniserklärung – umgehend zurückzusenden– zu verweigern und damit eine gerichtliche Auseinandersetzung zu riskieren. Man gerät hier mit dem Gesetz nicht in Konflikt. Die wenigsten Senioren haben eine Rechtsschutzversicherung, geschweige denn, dass sie Mitglied in einem Mieterverein wären. Sie waren ja Mieter bei der Gehag, was bei der Gründung 1924 die Abkürzung für „Gemeinnützige Heimstätten Aktiengesellschaft“ war, mit der zutiefst sozialen Aufgabe, günstigen Wohnraum für Arbeiter und Angestellte zu schaffen.

Heute von der Kommune noch derartige Daseinsvorsorge zu erwarten, scheint dagegen ein anachronistisches Begehren zu sein. Die neue und erwünschte Generation von Mietern ist aktiv und sorgt für sich selbst. Die Jüngeren entdecken den grünen Südwesten. Wenn die aufsässigen Alten aus der Onkel-Tom- Siedlung in Immobilienteilen der Zeitungen stöbern, können sie erfahren, worauf es heute bei der Vermarktung von Wohneigentum ankommt. Was die reichen Zehlendorfer 1924 beim Bau der Siedlung per einstweiliger Verfügung zu verhindern suchten, dass arme Schlucker in die vornehme Gegend zogen, ergibt sich 80 Jahre später ganz von selbst. Niemand ist mehr darauf aus, an Leute zu vermieten, die sich bescheiden und solide damit begnügen, nur das auszugeben, was sie haben. Der zeitgemäße Idealmieter hat jede Menge Anforderungen und Wünsche an Natur, Kultur und die unvermeidliche Shoppingmeile. Da ist reichlich Potenzial drin.

Auf einem anderen Kontinent meint das auch Chairman Howard S. Marks von der Oaktree Investment in Los Angeles. Bei einem Jahresumsatz von etwa 25 Milliarden Dollar begründet er das Engagement seines Hauses in Zehlendorf damit, Berlin sei „eine pulsierende, internationale Stadt mit einer rosigen Zukunft“. Zu solchen Sätzen beflügeln Gewinnerwartungen von mindestens 20 Prozent, steuerfrei dank deutscher Gesetze, risikofrei dank geringem Eigenkapitaleinsatz und Refinanzierung durch laufende Mieteinnahmen. Der Sicherheitsabstand der Investoren zur Berliner Misere beträgt 15 000 Kilometer.

Drei Aufgänge neben Dorothea T. wohnt Elke N. Hätte man sie früher gefragt, wo Amerika liegt, hätte sie geantwortet: „Gleich vor meiner Haustür.“ Die Siedlungen der G.I.s fingen direkt am Hüttenweg an. „Einst haben die Amerikaner uns beschützt.“

Wieder eine dieser Wohnungen, in der die Pantoffeln zur Schonung der Auslegeware schon bereitstehen. Elke N. serviert den Tee in einem weißen KPM-Service, das sie sich geleistet hat, „weil Meißen zwar ein zauberhaftes Dekor hat, dieser Scherben aber nicht bricht“. Welche Sehnsüchte mag ein Mensch in sich haben, der wie Elke N. ein Gestell mit einem Klöppelkissen, angefangener Spitze und diversen Gewichten mitten in seinem Wohnzimmer aufstellt und behauptet, es sei schon immer ihr Traum gewesen zu klöppeln. Man glaubt zu verstehen, dass diese grauhaarige Frau in ihrer weißen Bluse ausdrücken möchte, dass es ihre Generation war, die in harter Arbeit alles aufgebaut hat, was nun für billiges Geld an Investoren verkauft wird, die in Tokio, Singapur, New York kaum wissen, wo Berlin, noch weniger, wo die Argentinische Allee liegt. Anleger aus aller Welt wissen nichts von den Topfpflanzen, der Anrichte aus den 50er Jahren, dem kunstvoll drapierten Blumenstrauß aus blauer Iris, Gerbera und Lilien, der teuer gewesen sein muss. Das alles ist so verzweifelt bemüht, einen guten Eindruck zu machen und zu zeigen, dass Elke N. jemand ist, der sich nichts zuschulden kommen lässt.

Sie war immer pflichtbewusst, hat im Lauf der Zeit 80 000 D-Mark in die bei ihrem Einzug vor fast 25 Jahren marode Wohnung gesteckt. Sie hat nach der Trennung von ihrem Mann den Sohn allein großgezogen und war froh, ihre Arbeit als Sprechstundenhilfe bei einem Kieferorthopäden zu haben. Für sie bahnt sich mit der Zwangsmodernisierung eine Katastrophe an. Es ist nicht nur ihr Bad, altrosa und mit glänzenden Armaturen, im Glauben an langfristige Verträge auf eigene Kosten eingebaut, das nun einer einheitlichen Ausstattung weichen soll. Es ist auch die Angst davor, die Wohnung für die Zeit der Umbauarbeiten räumen und sichern zu müssen. Die Angst, bestohlen zu werden. „Die Gehag“, sagt Elke N., war das „A und O meiner Lebensplanung.“ Wenn sie die Mieterhöhung zahlen muss, wird sie zukünftig auf ihre Familie angewiesen sein. Schwerer noch als diese Abhängigkeit wiegt, dass für sie eine ganze Welt zusammengebrochen ist. Von den Werten, an die diese Rentnerin geglaubt hat: Ehrlichkeit, Treue, Sicherheit, Nachbarschaftlichkeit, ist nichts übrig geblieben, sie muss sich als Opfer der Globalisierung sehen. Aber noch immer fällt es ihr schwer, das zuzugeben. Es gibt hier so etwas, sagt Elke N., „wie eine verschämte Armut“.

Herr Hieronymus versteht als Immobilienkaufmann nicht, was in Deutschland auf dem Wohnungsmarkt passiert. Jahrelang mit der Krisenintervention im kommunalen Wohnbau beschäftigt, kann er sich einfach nicht erklären, woher der Run auf deutsche Immobilien kommt. In der gedämpften Atmosphäre des Abgeordnetenhauses haben die Grünen zu einem Expertengespräch geladen. Aber auch an diesem Nachmittag reicht es zu nicht mehr als zu einer schwachen Willenserklärung: „Verkauft werden soll so viel wie nötig, aber so wenig wie möglich.“

Deutlich werden dafür einige Zahlen, eine davon besagt, dass in Berlin noch über 200 000 Wohnungen zum Verkauf anstehen. Eine gigantische Größe, vor allem, wenn man bedenkt, dass es in Berlin über 300 000 Menschen gibt, die Arbeitslosengeld II beziehen und sich nicht auf dem öffentlichen Wohnungsmarkt versorgen können. Was für die deutschen Mieter noch zu teuer ist, wird von Analysten im Vergleich zum übrigen Europa jedoch als stark unterbewertet eingestuft und lässt die Gewinnerwartungen in den Himmel wachsen. Junge Menschen, die Taschen voller Geld, würden auf Einkaufstour nach Deutschland geschickt. Egal, ob sie Millionen vernichten oder verdienen, bewertet würden sie nach der Anzahl ihrer Deals. Diese „Operation Cashflow“ habe nichts mit dem wirklichen Marktgeschehen zu tun, sagt Krisenmanager Hieronymus. Man könne eigentlich in Ruhe abwarten, bis der Spuk vorüber sei.

So viel Zeit haben die Mieter der Onkel-Tom-Siedlung nicht. Sie wissen weder ein noch aus. Barbara Lorbeer spricht stellvertretend für alle unbotmäßigen Witwen der Wohnanlage, wenn sie sagt: „Frauenherzen schlagen anders.“ Nach einem Anfall von Kammerflimmern hat man ihr vor zwei Jahren einen so genannten Defibrillator eingepflanzt, der die Frequenz ihres Herzschlages misst und als Dauerimpuls direkt in die Klinik übermittelt. Die Sendestation ist das Modernste, was ihre Wohnung zu bieten hat, deren Einrichtung im Wesentlichen aus einigen zerschlissenen Möbeln, vielen Pflanzen und dem Kratzbaum für die riesige getigerte „Katzi“ besteht. Vier Kinder hat sie hier großgezogen, ihre Jüngste ist noch in der Ausbildung und wohnt bei ihr.

Frau Lorbeer hofft, dass es die Tochter einmal besser hat, denn von „ihrem eigenen Leben ist nichts übrig geblieben“. Geschieden, Rente hat sie kaum eingezahlt. Zu verlieren hat sie nichts. Sie kann weder die Mieterhöhung bezahlen noch einen Umzug.

Den schon gar nicht. In der Siedlung fällt aber keiner auf, wenn er arm ist. Alle sind immer tipptopp gekleidet, aber es gibt genug Frauen, die haben nur 500 bis 600 Euro Rente. „Da sind wir alle gleich. Mir braucht man nichts erzählen. Ein bisschen Rückgrat, ein bisschen Courage. Wenn wir nur zusammenhalten, können wir es schaffen.“

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